Gernulf Olzheimer kommentiert (CCV): Angeber

26 07 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die kleine Landzunge am alten Weiher war groß genug für zwei. Während Uga im Westen angelte, hielt Rrt im Südosten die Rute in die trübe Brühe, um einen der Cyprinidae an Land zu ziehen. Da mochte es wohl schon einmal angehen, dass Rrt einen gewaltigen, widerborstigen Fisch am Haken hatte, groß wie ein Kalb, das aus grün funkelnden Augen sengende Strahlen schickt, zappelnd und mächtig, ein Ungeheuer an Kraft – und immer eine Woche zuvor, bedauerlicherweise war das Biest im Moment der Beschreibung nicht verfügbar, futsch, abgetaucht. Die Geschichte aber, und Uga wusste das wohl, musste wahr sein, so wahr wie seine eigenen Jagdabenteuer mit den Säbelzahntigern und den doppelköpfigen Antilopen bei den brüllenden Felsen. In der Wiege der Zivilisation gedieh ein Wechselbalg der psychischen Zerrüttung, das Geschäft des Angebers.

Dem gemeinen Protz bieten sich zwei Formen, sein Heißluftschloss in die Gegend zu klotzen, die ideelle und die kohlenstoffbasierte. Da Dummheit und Material sich exzellent vertragen, dünstet das Personal vornehmlich stilistische Suizidversuche aus, das Schibboleth der untersten Zehntausend. Wer nachgemachte Sonnenbrillen vietnamesischer Provenienz ins Haupthaar steckt, seine Lederhaut in edhardyeske Fleischbekleidung pfropft oder auf flamboyant schlecht gefälschtem Schuhwerk durch den öffentlichen Raum hüpft, zeigt Überforderung an allen Fronten. Der Dicktuer deckt sein dünnes Hemd gerne über die pickelige Oberfläche seiner privaten Tristesse, da er meint, durch kostspieligen Chic von der Stange Individualität zu erzeugen. Dabei schwiemelt er sich ein unredliches Selbstbild zurecht, schlimmer noch: er merkt nicht, dass es das Selbstbild ist. Unangenehm daran ist freilich nicht minder, dass er in seiner Realitätsverweigerung der eigene Sülze mehr glaubt als Reaktionen darauf.

Recht weit verbreitet ist die gesellschaftlich akzeptierte Form des Aufschneidens, das Verwenden von Statussymbolen. An diesem Brauchtum manifestiert sich der Charakter einer intellektuell defizitären Schicht, dem sich selbst zu Leistungsträgern hochstilisierenden Prekariat aus arbeitsscheuen, ästhetisch ungebildeten und meist nur mangelhaft lebenstauglichen Beknackten. Sie fristen ihr an sich nutzloses Dasein als Aktionäre, Hasardeure oder Erben stetig abwehrbereit gegen die bucklige Nachbarschaft, die ihnen das bisschen Wildlachs auf dem Frühstückscanapé ebenso neidet wie den Maybach auf dem Kiesweg. Permanent muss das mit Armbanduhren und Großgewächsen um sich schmeißen, während die Suppe hinter dem Sehnerv nur das Kurzzeitgedächtnis eines Seesterns verwalten kann. An sich ginge ihm die Karre am Steiß vorbei, doch die geistig nicht gesegneten Günstlinge seiner Flughöhe kontern mit handlackierten Breitwandpanzern, die arabischen Ölmagnaten Herzklopfen und russischen Zuhältern eine Hirnembolie bescheren. Das ist der Preis, den man zahlen muss für das Privileg, legal Inzucht zu betreiben.

Die zweite Form sind die Kneipenkaiser, die schon Amerika entdeckt, das Schnittbrot erfunden und das Tote Meer umgebracht haben. Solange der Schaum nicht zurückschlägt, prahlt das mit allerlei Hirnkirmes, und noch die dünn angerührte Mär der Sabbelkrampe findet Gehör, denn immer ist einer dümmer und glaubt ihm. Tatsächlich ist ihm die Gabe zu eigen, die Wirklichkeit auf seine Art zu interpretieren. Er wird nicht wegen chronischer Blödheit entlassen, er kündigt natürlich selbst – wie er sich auch aus den Fesseln der Ehe befreit, die Fahrerlaubnis zurückgegeben und die Nase aus freien Stücken eingehauen hat. Der Windbeutel ist nie um eine Ausrede verlegen, schließlich bedarf seine Großgemaule der permanenten Kontrolle: einmal widersprüchliche Einlassungen vor Zeugen – doch keine Million im Lotto gewonnen, kein Kapitänspatent, und der Delinquent befindet sich definitiv nicht unter den Top 100 der britischen Thronfolge – und schon kann er auf Torfatmung umstellen. Ein anstrengendes Leben. Wer kein Renommee hat, muss halt renommieren.

Leider kippt diese Gesellschaft genau in die Richtung, die aus narzisstischer Störung und virtuos vorgetragener Räuberpistole ein Wertesystem strickt, um die soziale Zusammenrottung auf der Schattenseite der Moral nicht beschäftigungslos zu lassen. Mit Hilfe geistiger Raumkrümmung erreicht inzwischen jeder Prahlhans und -franz Doktorgrade und Ministerämter, wo früher auf dem moralischen Standstreifen die Fahrt ins Glück geendet hätte. Der Sekundenschlaf der Vernunft hilft gnädig, das bisschen Existenz in eine Biografie umbasteln, und spätestens hier lässt sich die breite Masse der Behämmerten doch wieder foppen, als sähe sie Talmi in den Halsfalten des Ausbrecherkönigs. Es ist letztlich alles gleich, und gleich bleibt auch der Grund, sich derart zu überheben. Es ist doch immer nur die Angst, lediglich ein Würstchen zu sein. Ist sie derart wohlbegründet, was könnte man besser tun, als gleich demgemäß zu leben.


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