Gernulf Olzheimer kommentiert (CCVI): Der Jägerzaun

2 08 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schön war’s im Mittelalter, wenn der Spielmann schalmeiend und drehleiernd über die Dörfer zog, stets ein Liedlein auf den Lippen, so Feinsliebchen aus dem Fenster schauen mochte. Da tönte wohl manch feine Weise über den Anger, und mancher Landmann wiegte sich im Tanz. Aber wehe, der Knilch langte auch nur mit einem Arm über die Hecke. Da zückte der Hausherr flugs den Meinungsbeschleuniger, Eiche rustikal, und nahm die Freundlichkeiten späterer Jahrhunderte vorweg. My Home is my Castle, wie der geneigte Brite die Lage zu benennen pflegt, und die Freude am körperlichen Ausdruck zuungunsten Dritter bricht sich entlang der Besitzverhältnisse in ungeahnter Geschwindigkeit Bahn. Das alles, und das alles noch vor der Erfindung des Jägerzauns.

Scherenförmiges Altholz markiert das Ende einer Welt. Für unbedarfte Besucher günstig wären Warnschilder, doch auch das Raubtier steht ohne Blinklicht in der Savanne und spricht für sich. Hier muss der Beknackte, wild oder zivilisiert, seinen Instinkten vertrauen, um nicht niedergestreckt zu werden, und hört er schon die Kugeln pfeifen, so gilt es Wagemut und kühlen Kopf, alternativ intakte Fluchtreflexe, sonst ist der gesellschaftliche Tod nicht mehr fern. Schließlich hat der Eindringling das Hausrecht des Ansässigen verletzt, und welche Gesellschaft würde den Fremden nicht für alles verantwortlich machen.

Die einst gegen Wildverbiss um die Hütte geschwiemelte Billigbarrikade spiegelt zutiefst den vernagelten Bürger wider, der sich gegen die Übergriffe des vom Adel eigens gezüchteten, wenn nicht ausgesetzten Trophäenmaterials zur Wehr setzte. Die Elite verlustierte sich beim Wegknallen der Häschen, der Bourgeois durfte sich mit dem Rest herumärgern. Völker mit mehr Arsch in der Hose regeln die Angelegenheit qua Revolution, der gemeine Spießbürger verleiht der Sache einen gleichsam religiösen Überbau, stellt sich in den Mittelpunkt und spielt selbst Zwergstaat, wie er es aus der Geschichte kennt. Eigene Gesetzgebung, Fahne und Briefmarken wären ihm am liebsten – cuius regio, eius religio – und hat er schon dies gleich nicht, stellt er Kanonen an die Grenze. Das phylogenetisch säuberlich ausgebaute Revierverhalten gerinnt zu einer Art Selbstjustiz, die den kategorischen Imperativ ad absurdum führt.

Eklatant wichtig und ganz im Gegensatz zum Maschendraht, der die eigene Grasnarbe für den heimischen Nager einfriedet und die fällige Flucht verunmöglicht, ist der Jägerzaun das trennende Element, das trotzdem und erst recht provoziert, damit das Leben nicht ohne gerechte Kriege vorbeizieht. Das in die Fauna gebolzte Objekt gibt vordergründig zu erkennen, dass sein Besitzer das also umspannte Stück Lehen als hortus conclusus begreift, das Wunschbild eines jeden friedlichen Menschen, der aus gelebter Paradoxie dann um so folgerichtiger die Parzelle mit Brandmauern und Stacheldraht bewehrt, weil er weiß, dass draußen alles Feind sein könnte, wenigstens in der Theorie. Es geht nicht um die drei Grashalme, die versehentlich durch die Latten wachsen, es geht ums Prinzip, um Äste, die den Luftraum verletzen, Hochleistungsgeräuschhunde im Dauereinsatz (der eigene Hund macht keinen Lärm, der bellt nur) und Wäsche, die nicht der Gemeindesatzung entspricht, wenn sie kirchlichen Feiertagen zum Trotz mit einem einfachen Fernglas sichtbar auf der Leine hinter dem Haus hängt. Alles dies hält nur das Gatter wirksam zurück, und fallen doch vereinzelte Lindenblüten auf den Rasen des Egomännchens. Sämtliche Waffen, Harke, Schippe und Amtsgericht, dienen ihm zur Durchsetzung der jeweiligen Wahrheit, denn hier geht es ja nicht um Gänseblümchen oder den zwei Minuten zu lange in Betrieb gehaltenen Rasensprenger. Es handelt sich um die Hauptaufgabe, die der Kampf der Kulturen mangels mutiger Helden nicht recht in Angriff genommen hat; es geht darum, Lebensentwürfe gegeneinanderzustellen, die einander scheinbar nur brauchen, um ihre Unterschiede zu betonen. Alles, was der Jägerzaungast dem Herrenmenschen hinter der Vollpfostenreihe zuzumuten sich untersteht, ist Angriff auf Menschenwürde, ewiges Gesetz, schlimmer noch, meist ist es mit der nationalen Tradition nicht in Einklang zu bringen. Ein Land aber, das derlei Anfeindungen mit lauer Defensive beantwortet, schafft sich sicher schon selbst ab. Kein Mitleid, wenn der Besucher sich in den Pflanzenwuchs einmischt, solange er in Griffweite über der Grundstückseinfassung steht.

Was übrigens das Gras an der Vorderfront angeht, das unterhalb des Jägerzauns auf den öffentlichen Grund wuchert, sekundiert von Unkraut und manisch in die Breite schwellendem Bodendecker, das wird nicht diskutiert, wenigstens nicht von dem Bekloppten. Das würde ja die Auseinandersetzung mit der Außenwelt bedeuten, und was das mit dem Arsch in der Hose betraf, das ist seit der Revolution abgehandelt. Bitte weitergehen. Hier gibt es nichts zu sehen.


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2 responses

4 08 2013
lamiacucina

Hecken schützen nicht vor Heckenschützen, Jägerzäune nicht vor Jägern. Deshalb heisst er bei uns wohl Hörnlizaun.

4 08 2013
bee

Ich bin erschüttert – endlich wird mir klar, warum im meinem Garten seit Menschengedenken kein Hörnli gesehen wurde!

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