Gernulf Olzheimer kommentiert (CCIX): Die Angstgesellschaft

23 08 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nichts treibt die Rechtsfindung schöner in den Wahnsinn als das Fehlen eines Tatmotivs. Denn nicht die Unterscheidung des Deliktes, Mord, Totschlag oder Gewässerverunreinigung, sondern die Motivation des Täters geben Aufschluss über die Hintergründe des Verbrechens. So auch die soziale Handlung; Eigennutz und Idealismus, Narzissmus und falsch verstandene Ehre spornen den Beknackten an, Säuglinge zu adoptieren, den Stadtwald im Schutz der Dunkelheit mit Hilfe einer Motorsäge künstlerisch zu verschönern und Dinge in die Erdumlaufbahn zu jagen. Größtenteils ist der Hominide produktiv, es sei denn, er lebt in einer Gesellschaft, in der Produktivität viel gilt, aber selten praktiziert wird, und wenn, dann höchstens aus Neid, Bequemlichkeit oder Angst. Schließlich ist eine auf Angst gebaute Gesellschaft außerordentlich stabil, da ihr nie das Fundament verloren geht.

Der Schrecken hat viele Gesichter. Anfangs gibt sich der durchschnittliche Jammerlappen noch mit der blanken Furcht vor der Zukunft zufrieden – die ist mit einiger Sicherheit auch morgen noch da, was kein zusätzliches Lernen erfordert, sondern den intellektuellen Stand eines konditionierten Deppen als ausreichend betrachtet, um seine gesamte Existenz als belastend zu empfinden – doch bald braucht der Realitätsverweigerer härteren Stoff, die ihm ein sauber ausgesägtes Sozialmodell bietet. Die Angst wird multifunktional und passt sich an die jeweiligen Bedürfnisse an. Sie ist die Furcht des Bürgers vor dem finalen Terroranschlag, der wahrscheinlich nie passiert, und zugleich die Furcht des Staates, dass er möglicherweise nie passiert. Sie ist die Furcht des Arbeiters, mit jedem Einsatz nicht mehr zu genügen, als sei sie eine Erbsünde, der man sich nicht entzieht. Unterdessen schließt der Konsument Reiserücktrittsversicherung und Rechtsschutz ab, schwiemelt Kameraattrappen an seine Schlichtbehausung und hofft, dass der Blitz beim Nachbarn einschlägt.

Genau hier kommt der Staat ins Spiel. Als oberste Repräsentanz der geordneten Gesellschaft wäre es seine Aufgabe, auf der Vertrauensbasis des reinen Daseins seinen Bürgern die Daseinsangst nehmen zu, doch das Gegenteil geschieht. Er ist die Perversion der Idee, denn er fordert und fördert, wo er Keime einer allgemeinen Furcht vorfindet. Das Beharrungsvermögen des Staates, nichts ändern zu wollen, fällt auf fruchtbaren Boden, wo die Behämmerten auch nicht mehr wünschen als die gemeinsame Nulllösung: keiner bewegt sich, dann geschieht auch nichts Schlimmes. Auf diesem Fundament lagern Religionen.

Und tatsächlich ist die Angst ein quasireligiöses Instrument, um blindes Vertrauen hervorzurufen, wo dies noch nicht zu den Werkseinstellungen der amorphen Sozialmasse gehört. Denn mit der nötigen Dosis an Kleinmut wächst die Gefügigkeit und sinkt der Entschlossenheit, die Mechanismen des Glaubenssystems zu hinterfragen. Das torpediert jede Aufklärung und jede Mündigkeit des Menschen – wer zittert, revoltiert nicht.

Der Preis der Angst ist jene Duldungsstarre, mit der eine gelähmte Gesellschaft die Konkurrenz fröhlich pfeifend an sich vorbeiziehen sieht. Dass genau dies allenfalls zu unterdrückter Wut, im Regelfall jedoch nur zu noch größerer Angst vor der Zukunft führt, bedarf keiner ausufernden Erklärung. Wer sich in seiner Phobie eingehäkelt hat, hockt sicher verwahrt vor der Wirklichkeit. Damit jedoch beginnt der zweite, der verzahnte Teufelskreis, noch wirksamer, wenn er auch durch die soziale Ordnung unterstützt wird: Angst vergrößert die Dinge. Die reißende Bestie ist in Wirklichkeit ein ungehaltenes Schoßhündchen, das beim Anblick einer Maus jaulend davonliefe. Für den Phobiker aber ist die Größe des Hundes egal, er erscheint immer bedrohlich. So auch das Gesellschaftssystem. So auch der postdemokratische Staat. Denn was wäre ein solcher Staat ohne ein Werkzeug, das die Rivalität untereinander fördert, ohne den Konsum zu stören.

Die Vollkaskoversicherung ist das perfekte Produkt für den Angstbürger; sie baut auf seine anhaltende Sorge, nimmt ihm aber nicht die Furcht vor der tatsächlich eintretenden Katastrophe, da diese, so der Versicherer, nur eine Frage der Zeit sein wird. Dass der Staat, der an dieser Kasperade noch fleißig mitverdient, eben demjenigen Bürger, der seine wunschgemäß privatisierten Sorgen in Eigenregie versichert, noch pöbelnderweise eine Vollkaskomentalität unterstellt, setzt dem die Krone auf. Doch wahrscheinlich verlangen wir zu viel in einer Welt, in der die Wahrscheinlichkeit, von einem herabfallenden Fernseher erschlagen zu werden, höher ist als die, einem Bombenanschlag zum Opfer zu fallen. Der Fernseher ist kein mystifizierbares Unheil (die Wirkung der Unterschichtensender einmal ausgenommen), er taugt nicht zur religiösen Überhöhung, nicht einmal zur gesellschaftlichen Identifikation. Genau das stand zu befürchten. Wie gut, dass wir wenigstens das Internet haben, die Schweinegrippe und die gute alte Zukunft.


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