Wem die Stunde schlägt

28 08 2013

Herr Breschke tippte hektisch auf dem flachen Kästchen herum. „Jetzt blinkt es wieder“, stellte er fest. Doch sonst tat sich wenig. Bismarck schaute träg aus dem Sessel herüber. Breschke schwitzte. Der Wecker ging ihm auf den Wecker.

„Die ersten beiden Male hat er um Mitternacht losgepiept, dann abends um halb sieben, was ja in Ordnung wäre, wenn es halb sieben ist, nur eben nicht abends.“ Das kleine Gerät, es wäre zu erahnen gewesen, funktionierte elektrisch, vielmehr: es sollte elektrisch, wenn es denn überhaupt jemals funktionierte, funktionieren. So aber funktionierte es gar nicht, wenngleich ebenfalls elektrisch. Wie sonst hätte der Wecker blinken können. „Ich habe schon auf alle Knöpfe gedrückt, aber es tut sich nicht viel.“ Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, spitzte wenigstens die Ohren. Würde aus dem Ding ein Geräusch kommen? oder gar aus Herrn Breschke, der mich verzweifelt um Hilfe gebeten hatte? Die Miene des treuen Hundes wechselte zwischen gespannter Erwartung und völliger Lustlosigkeit; schließlich entschied sich das Tier für eine Mütze voll Schlaf. Was täte man auch sonst angesichts eines geräuschlosen Weckers.

„Halb sieben“, beharrte Breschke, „nicht um meinetwegen, ich bleibe auch gerne noch eine halbe Stunde länger liegen, oder bis um neun, das ist mir gleich, aber meine Frau macht da immer ihre Frühgymnastik, und dann kommt ja auch die Morgensendung auf Welle Frohsinn.“ Ich begriff. „Offensichtlich hat Ihre Tochter Ihnen das Ding mitgebracht, damit Sie den Operettenkanal hören können.“ Er nickte. Wie auch sonst wäre der pensionierte Finanzbeamte in den Besitz von Schaumlöschern und Kunstrasen, ukrainischem Rübenschnaps oder echt russischen Filzpantoffeln aus taiwanesischem Polyester gekommen, wenn nicht durch seine Tochter, die auf ihren ausgedehnten Reisen die unsäglichsten Sachen entdeckte und sie mit der Verschlagenheit einer Geheimagentin durch den Zoll schmuggelte. Wie sie dies mit dem kambodschanischen Aufsitzrasenmäher bewerkstelligt hatte, wollte ich gar nicht wissen. Dafür wusste ich schon zu viel über die Sachen, die sie mitbrachte. Allein die Bedienungsanleitungen waren der Grund für lange, gründliche Wutanfälle gewesen. Und dass sie sich meist nach kurzer Zeit unter Schwelbränden und Stichflammen, Lärmentfaltung und aparten Gerüchen in ihre Einzelteile zerlegten.

Ich drückte auf einige der Knöpfe, die mit inspirierenden Bezeichnungen versehen waren. Up und Back verkündete die vordere Reihe, Clock und Start die hintere. In der Mitte lagerte eine große, unbeschriftete, dafür aber gründlich rote Taste. Ich legte den Finger darauf. Kaum hatte ich sie heruntergedrückt, erschollen Léhars mitreißende Melodien. Sie taten es mit einer derartigen Wucht, dass Bismarck jaulend unter dem Sessel verschwand. „Immerhin stellt sich das Radio auf die deutschen Sender ein“, bemerkte Breschke nicht ohne Ehrfurcht vor der geheimnisvollen Technik. „Der Wecker kommt ja aus Spanien, und ich hatte schon befürchtet, wir müssten jetzt jeden Morgen spanische Nachrichten hören.“ Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, ihn auf den kleinen Aufkleber hinzuweisen, der die Provenienz des Geräts aus Hongkong offenlegte. Ich ließ es aber.

Der Startknopf startete zunächst gar nichts, bis auf den Durchlauf. Die Uhr zählte zunächst Minuten, dann Stunden hoch. Immer schneller. Schließlich war sie wieder bei Mitternacht angekommen. „Vielleicht drücken Sie einmal diese Speichertaste“, mutmaßte der Hausherr. „Welche Speichertaste“, fragte ich verwirrt. Er deutete auf einen Hebel an der Hinterseite. „Speaker“, las er vor. „Das heißt das doch auf Englisch?“ Wie durch Zufall blieb die Uhrzeit gerade kurz vor der jetzigen stehen. Der Alarm war scharf, das Gerät eingeschaltet, der Hund noch in sicherer Entfernung unter dem Sitzmöbel. Nichts konnte passieren, und es passierte tatsächlich: nichts.

Was nicht ganz richtig ist, denn es geschah doch etwas. Pünktlich auf die Sekunde schaltete sich der Wecker aus. Breschke war überfordert. „Ich habe nichts getan“, versicherte er immer wieder, „absolut gar nichts! Wenn Sie mir nicht glauben, Sie sind mein Zeuge!“ Auch ich war sprachlos. Doch dieser Zustand währte nicht besonders lang. Unvermittelt schaltete sich der Wecker wieder ein. Die Uhrzeit war auf drei Uhr nachts gestellt, zum Ausgleich brüllte seltsame Karpatenfolklore aus dem Kasten. „Machen Sie das aus“, flehte er, „machen Sie das bloß aus! Meine Frau bringt mich um!“ Bismarck jaulte. Ich fuhr aus der Haut.

Das Kofferradio hatte seit Jahren unbemerkt auf dem Kleiderschrank sein Dasein gefristet. Eine paar kleine Versuche, und schon bewegte sich das Einstellrad wieder. Im Nu lauschte Horst Breschke der heiteren Tanzmusik auf Welle Frohsinn. „Und dies Gerät funktioniert ganz einfach“, erläuterte ich. „Man zieht es an der Rückseite auf, dann ist hier diese kleine Feder, und dann klingelt es. Sie müssen dann nur noch aufstehen und das Radio anschalten.“