Rote Linie

29 08 2013

„Keine Ahnung, noch ist ja nichts passiert. Aber so schlimm wird’s nicht sein. Rein, Bomben abwerfen, raus. Drei Tage oder so. In etwa wie Afghanistan.

Sie müssen dabei sein! Die USA haben schon viel zu lange keinen neuen Krieg angefangen, und angesichts unserer kleinen Verstimmungen sollten wir auch ein bisschen Mitleid mit den Amis haben. Betrachten Sie es als humanitäre Geste, dass wir die Luftschläge gegen Syrien mittragen. Sonst fängt Obama noch an zu weinen, und das wollen Sie doch sicher nicht, oder? Oder!?

Meinetwegen können das die Rebellen gewesen sein, das ändert nichts daran, dass wir schnell eine militärische Intervention brauchen. Ja sicher, gegen Syrien. Was bitte ist daran denn so kompliziert? Als irgendwelche afghanischen Taliban 9/11 verübt haben, sind die doch auch in den Irak einmarschiert. Was ist daran unlogisch? Hier, das sollten Sie mal in Ihre Überlegung miteinbeziehen: das sind doch Völker, bei denen seit Menschengedenken keine Ruhe ist, die muss man zu ihrem Glück zwingen. Ja, auch wir! Das ist ein Bündnisfall! Die USA greifen an, da sind wir als Bündnispartner doch automatisch beteiligt? Und überhaupt, Gasangriff – die machen was mit Gas, und Deutschland ist nicht dabei? Ich bitte Sie!

Außerdem, das sind doch alles Islamisten. Ja, alles Islamisten, zumindest sind die alle islamisch. Ist doch sowieso alles dasselbe. Richtig, und ob da jetzt der Iran oder der Sudan oder die Türken sich auf den Schlips getreten fühlen – ich weiß selbst, dass Schlipse westlich sind, aber das ist doch jetzt auch egal – die Hauptsache ist doch, wir haben mal klare Kante gezeigt gegen die. Das rettet uns die Wahlen! Stellen Sie sich das mal vor, auf der Wahlkampfveranstaltung in Hellersdorf: ‚Solange diese Kuffnucken zu Hause Krieg spielen, kommen uns von denen keine Asylanten rein!‘ Ich sage Ihnen, da tobt die Masse! Da kann die AfD sich zu den Schlägerdarstellern gleich das Publikum dazukaufen, damit überhaupt einer zusieht, wie sie diesen Magermilchgoebbels von der Rampe schubsen.

Alles Islamisten! Sie, da können Sie Bomben schmeißen, auf wen Sie wollen, da treffen Sie immer den Richtigen! Und das Tolle ist, die sind untereinander so richtig gut vernetzt. Wie diese Islamisten halt so sind, am Ende ist es doch wurst, ob das Sunniten oder Schiiten oder Saudis sind, Hauptsache ist doch, die fühlen sich angegriffen. Und wer sich angegriffen fühlt, der plant auch Terroranschläge. Doch, echte Terroranschläge. So richtig mit Bomben und Fernzündern, in Zügen und Flugzeugen, im Reichstag und im Einkaufszentrum. Was weiß ich, wo. Bin ich Terrorist? Mir ist das doch piepe. Hauptsache, wir können endlich diesen ganzen Datenschutz abschaffen und mein Schwager verkauft mehr Videokameraattrappen. Ich habe ihm nämlich die Hälfte vom Betriebskapital geliehen, und jetzt bin ich Anteilseigner. Also kommen Sie mal in die Gänge, sonst macht diese ganze Krise ja gar keinen Spaß mehr.

Überhaupt, wenn wir jetzt in konstanter Furcht vor islamistischen Terroranschlägen leben müssen, dann machen doch die Waffenlieferungen zu den Saudis auch wieder Sinn. Doch, ehrlich: wenn uns mehr Terroranschläge drohen, muss man durch mehr Waffen die Stabilität fördern – und wenn die Waffen zu mehr Bürgerkrieg führen, dann erhöht sich automatisch die Gefahr von neuen Terroranschlägen. Ist das nicht einsame Spitze?

Machen Sie bloß keinen Rückzieher! Wenn wir jetzt hinter die rote Linie zurückweichen, dann haben wir alles verloren, was wir uns in den letzten Jahren so mühevoll aufgebaut haben. Abgesehen von der Mineralölsteuer, wenn die Konzerne wieder die Benzinpreise anziehen, wir können endlich wieder Bundeswehrstandorte aufbauen. Aufbauen, hören Sie? aufbauen! Nicht schließen, aufbauen! So nah waren wir nie an der finalen Vollbeschäftigung durch explodierenden Binnenkonsum! Ist Ihnen nicht klar, dass dies der allerletzte Strohhalm zum Glück ist?

Um Himmelswillen, stecken Sie jetzt nicht den Kopf in den Sand! Es eröffnen sich uns große Chancen – wir reden hier von Jahrzehnten der Stabilität! Die Amis wollen doch den Assad gar nicht weghaben, ist Ihnen denn das gar nicht aufgefallen? Ach wo, das Regime ist ihnen ganz egal. Und da liegt doch der Hase im Pfeffer begraben: ob da Assad weitermacht oder seine Getreuen, ob da die einen ans Ruder kommen oder die anderen die Macht übernehmen, Demokratie wird es da auf unter gar keinen Umständen geben. Jedenfalls nicht auf absehbare Zeit. Und was heißt das? Richtig, wir können so lange Waffen liefern und vor Terroranschlägen warnen, wie wir lustig sind. Nichts wird sich ändern, abgesehen von den Aktienkursen der deutschen Stahlindustrie. Eben, und wenn es tatsächlich die Rebellen gewesen sein sollten, dann ist es doch sowieso gleichgültig, wen wir da plattmachen.

Außerdem können wir den ganzen NSU-Mist noch eine Weile kochen lassen, irgendwo fliegen mit Sicherheit wieder Brandsätze, und dann müssen wir uns nicht mehr darum sorgen, ob es irgendwo in der Welt Länder gibt, in denen man uns nicht mehr mag. Vor allem, wenn man noch größere Schulden bei uns hat. Also machen Sie endlich mal Nägel mit Köpfen. Noch so eine Pleite wie in Libyen will hier im Aufsichtsrat keiner mehr sehen. Hatte ich mich diesmal klar genug ausgedrückt, Frau Bundeskanzlerin?“


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