Druckgewerbe

21 08 2013

„Wir haben ihnen die Sicherung herausgedreht, Frau Bundeskanzlerin. Das ist alles weg. Bis morgen werden die ganz sicher nichts mehr tun können. Wir haben diese Zeitung voll im Griff.

Nein, wir haben keinen Fehler gemacht, Frau Bundeskanzlerin. Absolut nicht. Woher hätten wir denn wissen können, dass sich bei dieser Zeitung Journalisten befinden? also echte, richtige, die noch recherchieren und schreiben und publizieren, was nicht vom Kanzleramt freigegeben wird? Das klang von vorneherein unglaubwürdig. Wer hätte denn wissen können, dass es tatsächlich noch solche Leute gibt? Und vor allem, wer hätte je geglaubt, dass es uns trifft?

Dann hat er eben falsch reagiert. Meine Güte, das passiert uns doch allen mal. Auch als Bundespräsident. Aber das ist nicht entscheidend. Sie tanzen nicht nach unserer Pfeife, verstehen Sie? Wenn er Beweismaterial hinterlassen hat, dann sollte es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit als Deutsche sein, es sofort bei uns abzuliefern, statt eine Story daraus zu machen. Zeitungen sind dazu da, den Willen der Regierung zu verbreiten, und zwar ohne diese lästigen Nachfragen. Wir können auch anders. Wir haben nichts falsch gemacht.

Es könnte sein, dass hier und da gewisse, wie soll ich sagen: das Gesetz hat sich nicht immer an unsere Zielvorstellungen gehalten. Die Sachlage hat hier und da ein bisschen mehr persönlichen Einsatz erfordert. Die entsprechenden Beamten haben natürlich gesagt, dass sie sich an Recht und Gesetz gehalten haben, soweit es ihnen klar gemacht worden sei. Aber letztlich ist gar nichts passiert.

Nein, das ist nicht möglich. Sie haben noch diese Anrufbeantworter, in die man eine Kassette reinsteckt. Die kann man natürlich auch rausnehmen. Nein, man kann die nicht löschen, wenn man nicht weiß, wo sie ist.

Wir müssen in Zukunft viel schneller reagieren, Frau Bundeskanzlerin. Dass uns der Köhler durch die Lappen gegangen ist, haben die Leute schon vergessen, aber den hier nehmen sie uns übel. Vielleicht noch engeren personellen Kontakt zu den Verlagen. Oder öfter mal einen zielführenden Meinungsaustausch mit den Redaktionen. Also jetzt nicht als Bedrohung, Frau Bundeskanzlerin. Nicht unbedingt. Aber man könnte doch auch mal offen darüber nachdenken, ob man nicht die Meldungen vorher einer, wie soll ich sagen: dass die Leser da draußen auch nicht immer alles erfahren müssen, was man rein theoretisch würde schreiben können.

Jetzt sollten wir uns um ein gutes Verhältnis zu diesen Medien bemühen, Frau Bundeskanzlerin. Klare Verhaltensregeln ausgeben. Deutlich machen, dass uns an einer konstruktiven Zusammenarbeit gelegen ist, bei der sie nicht zu schaden kommen und wo die Pressefreiheit auch nicht gleich im Kern angegriffen wird, wenn sie es nicht ständig provozieren. Wir sind durchaus kompromissbereit und wissen es zu schätzen, wenn sich die Gegenseite auf uns zubewegt.

Ich höre eben, wir haben eine Nachricht vom Geheimdienst bekommen. Das mit der Sicherung hat nichts genützt. Nein, weil bei uns immer die Computer abstürzen, wenn die Hauptsicherung rausfliegt. Ich dachte, wenn wir da den Strom abstellen, dann ist alles weg.

Natürlich ist das nicht illegal, Frau Bundeskanzlerin. Keinesfalls. Ich hatte extra gestern noch im Innenministerium angerufen. Das ist dieses Supergrundrecht, Frau Bundeskanzlerin. Das nehmen wir jetzt mal in Anspruch. Gerade in Bezug auf die Grundrechte ist das meistens recht kompliziert, und wir müssen uns schon überlegen, was wir machen. Was am wenigsten Dreck hinterlässt. Wir können ja schlecht die GSG 9 vorbeischicken, oder die halbe Redaktion springt freiwillig vom Dach. Stellen Sie sich mal die Bilder im Fernsehen vor. Das versaut uns die Wiederwahl.

Da könnte man schon etwas machen. Wenn wir den Bundespräsidenten zum Geheimnisträger erklären – der ist Mitglied im CDU-Präsidium? und weiß, wie Sie Bundeskanzlerin geworden sind, Frau Bundeskanzlerin? Eindeutig ein Geheimnisträger. Das bedeutet, wir können die Finanzierung des Bungalows zu einem Staatsgeheimnis machen, dessen Verrat strafrechtlich geschützt ist, und das Ganze verkaufen wir dann als Terrorabwehr. Genau, Terrorabwehr! Der Bundespräsident braucht ein Haus, damit die freiheitliche demokratische Grundordnung gewahr bleibt, und wenn die irgendwie in Gefahr sein sollte, dann ist das sofort ein terroristischer Akt. Wollen wir doch mal sehen, wer hier Druck macht, die oder wir.

Im Falle eines Falles müssten wir Bilder beschlagnahmen. Aber das ist kein Problem, wir nehmen die einfach wieder mit. Doch, das geht. Wenn wir uns vorher deutlich genug ausgedrückt haben, dass wir ausschließlich für den Schutz der Grundrechte gewisser Personen sorgen, dann wird das auch durchzusetzen sein. Selbstverständlich, Frau Bundeskanzlerin. Die werden uns keine Schwierigkeiten mehr machen. Ganz bestimmt nicht. Zur Not lassen wir es wie einen Unfall aussehen.“





Stillgelegt

20 08 2013

„… habe al-Qaida möglicherweise Anschläge auf Fernzüge geplant. Nach eigener Aussage habe die NSA zahlreiche Telefonate islamistischer…“

„… wolle Bahn-Chef Grube regelmäßig zu Wetterumschwüngen bedroht worden sein, die Klimaanlagen der ICE-Flotte außer Gefecht zu setzen. Die terroristische Vereinigung habe angekündigt, sonst den Stuttgarter Bahnhofsneubau auf unbestimmte Zeit zu…“

„… auch die anderen Verkehrsmittel einer kritischen Durchleuchtung zu unterziehen. So lehne Seehofer es ab, weiterhin Busfahrer mit Migrationshintergrund in der bayerischen…“

„… müsse man auch damit rechnen, dass al-Qaida biologische Kampfstoffe einsetze, um Fahrdienstleiter durch fiebrige Erkältung, Rückenschmerzen oder Sehnenscheidenentzündung aus dem Weg zu…“

„… die Taxifahrten in Berlin im Schnitt um ein Drittel verlängert hätten. Da viele ausländische Chauffeure in der Hauptstadt beschäftigt seien, müsse man von einem alarmierenden…“

„… seien IM Friedrich keine Details verraten worden. Das Bundesministerium werte diese Aussage daher als authentisch, da auch zuvor keine Bestätigung für Telefonate mit möglichen Terroristen…“

„… nicht auszuschließen, dass das Schneechaos bis in den April gedauert habe, da islamistische Meteorologen die Wetterkarten manipuliert und…“

„… bestehe die Gefahr, dass durch einen einzigen Atombombenangriff auf einen deutschen Radweg bereits die Hälfte der…“

„… auch auf die Stromversorgung auszudehnen. Es bestehe kein Grund zur Besorgnis, dennoch empfehle die Bundesnetzagentur in Absprache mit Pofalla, Steckdosen nicht mehr unbeaufsichtigt…“

„… könne die Häufung linksradikaler Straftaten wie Plastikflaschen mit Leitungswasser oder Klebefilm im Gleis der Berliner S-Bahn nicht erklären. IM Friedrich nehme daher an, dass alle als links bekannten Personen heimlich zum Islamismus konvertiert…“

„… stehe es außer Frage, dass Chemtrails auch zur Verbreitung islamistische Botschaften…“

„… der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Wendt davor gewarnt habe, virtuelle Streifengänge auf Google Maps zu unternehmen. Bei terroristischen Attacken bestehe die Gefahr, sich an Computerviren anzustecken, die unheilbare geistige Schäden…“

„… noch nicht errechnet worden. Ramsauer wolle sofort eine Stabsstelle einrichten, die kläre, was geschehen könne, wenn durch terroristische Zugverspätungen die nationale Streusalzreserve…“

„… die Zugausfälle in der Region Mainz nur auf das Konto der al-Qaida gehen könnten, da bisher keine linksradikalen Bekennerschreiben…“

„… könnten nach Uhls Schätzung Wohnungseinbrüche viel öfter als bisher angenommen terroristische Anschläge sein. Daher müsse jeder Verdächtige umgehend nach Guantanamo…“

„… bisher nur eine Forschungshypothese, dass Staus auf deutschen Autobahnen von Terrororganisationen verursacht würden. Es gebe noch begründete Zweifel, dass der daraus resultierende Mehrverbrauch an Kraftstoff zur Finanzierung von Bombenanschlägen…“

„… in einer konzertierten Aktion beschlossen hätten, Bombenanschläge in Flugzeugen zu verhindern, indem die Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg auf unbestimmte Zeit…“

„… keine gesicherten Erkenntnisse, doch sei die letzte Rückrufaktion von Toyota nicht vor einem terroristischen…“

„… es noch keine verwertbaren Hinweise vorlägen, ob der zeitweilige Defekt des linken Fahrkartenautomaten an der U-Bahn-Haltestelle Nollendorfplatz damit im Zusammenhang stehe. Der von mehreren Hundertschaften hessischer Bereitschaftspolizei, GSG 9, Luftwaffe und dem Wachregiment Feliks Dzierzynski gesicherte Bahnhof sei kontrolliert gesprengt worden, um ein Vorrücken feindlicher Truppen bis nach Moabit…“

„… könne die Deutsche Bahn AG zum jetzigem Zeitpunkt Sabotageakte am Streckennetz jedoch ausschließen, da die größten vorstellbaren Schäden bereits durch die Bahn selbst…“

„… eine Karte mit den dreißig wichtigsten Zugtrassen veröffentlich habe, an denen Sprengstoffanschläge eine besonders weitreichende Wirkung entfalten könnten. Bin Ladens Nachfolger az-Zawahiri habe BILD per Telegramm herzlich für die freundliche Anregung gedankt und angekündigt, den ersten Anschlag nach Axel Springer zu…“

„… bei herannahendem Herbstwetter auch wieder Fahrradkontrollen durchzuführen. Das Bundeskriminalamt wolle so die Unterwanderung durch Selbstmordradler im Keim…“

„… es kein Zufall sein dürfte, dass Nordic Walking noch immer als harmloser Freizeitsport gelte. Nach Informationen der Geheimdienste sei nicht ausgeschlossen, dass Terroristen mit den Stichwaffen Straftaten begehen und hinterher im Laufschritt…“

„… dass die Terrorwarnung nur für Schnellzüge gelte. Angesichts der durchschnittlichen Verspätung bestehe daher keine Gefahr für ICE und…“





Deutschlandfest

19 08 2013

„Olé, wir fahrn…“ „Sagen Sie mal, sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?“ „… nach Barcelona, olé-olé!“ „Sie sind ja sturzbetrunken, Mann!“ „Ist noch was von dem Pinot grigio da, wenn Sie auch wollen.“ „Igitt! Und diese Fahnen da, die habe ich doch gestern erst gesehen? Haben Sie die etwa mitgehen lassen?“ „Nö, die gehören doch dazu. Nehmen Sie noch ’ne Bratwurst.“ „Ich will jetzt keine Bratwurst, ich will wissen, wer hier diese ganzen Papierfähnchen hingehängt hat! Das ist ja widerwärtig, die ganze Parteizentrale in…“ „Jetzt regen Sie sich nicht so auf. Gestern beim Deutschlandfest war’s doch auch okay.“

„Was feiern Sie hier eigentlich?“ „Uns.“ „Wie, uns?“ „Dass wir jetzt so eine tolle Zukunft, und mit Steinbrück, und dass es der Partei dann auch bald viel besser, das kann ich Ihnen versprechen, sehr viel…“ „Jetzt mal langsam. Wir befinden uns im Wahlkampf, klar?“ „Klar.“ „Und Steinbrück versemmelt gerade auf einem historischen Niveau, auch klar?“ „Auf jeden Fall.“ „Und Sie machen hier große Sause, weil wir geradewegs in das größte Dilemma reinsteuern, in dem sich die SPD je befunden hat?“ „Befunden haben wird.“ „Lassen Sie gefälligst den Quatsch! Für Zukunftsformen ist jetzt keine Zeit mehr.“ „Ich höre immer Dilemma, Dilemma – wo denn? Es ist doch alles in bester… nehmen Sie auch noch einen Eierlikör?“

„Sehen Sie es doch bitte ein, die Katastrophe ist schon in Sichtweite.“ „Können Sie Merkel von hier aus sehen?“ „Bleiben Sie doch mal ernst! Diese Regierung hat in vier Jahren nichts Vernünftiges zustande gebracht, und sie wird in den nächsten auch nichts auf die Reihe kriegen.“ „Das hat keiner bestritten.“ „Uns fehlen massive Gelder, uns fehlen 105 Milliarden aus den Haftungsanteilen und 131 Milliarden als Dauerleihgabe an den IWF und 211 Milliarden Euro für kaputte Staatsanleihen – das ist alles weg, wenn im Herbst endlich mal ohne Tricks bilanziert wird!“ „Ich weiß.“ „Diese ganze Kreditblase platzt, und dann kann die Regierung, die gegen jede Steuererhöhung schreit wie der Teufel gegen das Weihwasser, doch nur noch sämtliche Steuern anziehen und dazu noch im Sozialbereich kürzen und…“ „Logisch.“ „Und dabei können Sie noch so ruhig bleiben?“ „Soll ich Ihretwegen deshalb ausflippen?“ „Diese Regierung verscherbelt Deutschland! Die Mieten steigen, die Stromkosten gehen durch die Decke, weil die Wirtschaft ständig Rabatte bekommt und kostenlose Energie, und sie werfen Geld für die Herdprämie zum Fenster raus – diese Regierung fährt doch Deutschland an die Wand!“ „Eben.“ „Aber…“ „Und nun raten Sie mal, wer nicht dran schuld ist.“

„Sie meinen also, wir sollten ruhig in die Opposition?“ „Das habe ich gar nicht gesagt. Mitregieren ist okay, das wird ohnehin so kommen, aber mit Steinbrück als Kanzler, das doch bitte auf keinen Fall. Stellen Sie sich mal vor, wie toll das wird.“ „Also hat Merkel an dem, was sie macht, selbst schuld? Na, ich weiß ja nicht.“ „Doch, das ist der Knackpunkt. Schauen Sie sich das ruhig mal an, die macht doch inzwischen für jeden Mist die rot-grüne Vorgängerregierung verantwortlich. Das geht nicht mehr.“ „Weil wir dann mitregieren?“ „Das zum einen, aber bald ist die ja so weit, dass sie Schröder in die Schuhe schieben will, er habe nach Fukushima den Kernkraftwerksbetreibern nicht genug Kohle rübergeschoben.“ „So habe ich das noch nie gesehen.“ „Und den ganzen Euromist, den badet sie jetzt auch selbst aus.“ „Hm.“ „Und sie wird ihre 30-Milliarden-Wahkampfgeschenke nicht wegen Regierungswechsels ausfallen lassen und kann uns dafür auch nicht die Schuld geben.“ „Das klingt ja tatsächlich nicht schlecht, aber irgendwie ist das auch ein bisschen übertrieben. Also diese Lichtorgel und das aufblasbare Brandenburger Tor, das ist doch geschmacklos.“

„Denken Sie doch mal weiter. Merkel redet immer, wie krisenfest die CDU sei. Die Verfassung hat nur noch Unterhaltungswert, aber Merkel geht das nichts an. Wir sind deutschlandfest.“ „Also im weiteren Sinne realitätsresistent?“ „Wenn Sie so wollen, ja. Rot-Grün, das steht für Schnitzelverbot und höhere Spritpreise und Tempolimit. Lassen Sie das die Wähler ruhig glauben.“ „Und wenn die CDU gewinnt?“ „Dann wird der Sprit trotzdem teurer, aber wir sind nicht daran schuld.“ „Und was machen wir?“ „Aufdrehen. Jetzt geben wir richtig Gas.“ „Mit Steinbrück?“ „Aber sicher. Der haut jetzt einen Knaller nach dem anderen raus. Soziale Gerechtigkeit, Solidarität, so Sachen halt.“ „Und Steuerbetrug?“ „Wird er bekämpfen. Und er ist für flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn.“ „In welcher Höhe?“ „Wen kümmert’s?“ „Genial!“ „Sehen Sie? Merkel kann noch so viel falsch machen, aus der Falle kommt sie nicht mehr raus.“ „Die bleibt Kanzlerin, wir müssen überhaupt keine politische Perspektive mehr…“ „Und vor allem können wir jetzt noch viel mehr versprechen, wovon die CDU bisher nur geträumt hat. Diese Mietpreisbremse, die Strompreisbremse, das ist doch alles erst der Anfang. Was meinen Sie, was wir da bis zur Abschlusskundgebung noch alles raushauen werden. Merkel wird toben, sage ich Ihnen.“ „Hm, und wenn sie Zweifel haben sollte? im letzten Augenblick? Dass es diesmal mit der SPD vielleicht doch nicht so gut klappen könnte?“ „Da haben wir längst vorgesorgt. Wir sind etwas eingeknickt, es gibt jetzt keine Erhöhung des Spitzensteuersatzes und keine Vermögenssteuer. Das klappt.“ „Trotzdem, ich würde mit der Feier warten. Bis zum Wahlabend. Sicher ist sicher, wissen Sie? Man soll es nicht beschreien, aber…“ „Außerdem ist Andrea Nahles weg vom Fenster. Endgültig.“ „Schnell, her mit dem Eierlikör! Olé, wir fahrn im…“





Schnacksack

18 08 2013

Jeder vierte Migrant wird an deutschen Schulen und Universitäten diskriminiert. Gemobbt, ausgegrenzt, bedroht. Die Bundesregierung erkennt das Problem sofort: das wirkt sich nachteilig auf die Leistung aus. Schließlich ist diese Bildungsrepublik zunächst einmal eine Leistungsgesellschaft. Und sie handelt schnell und beherzt. Sie fordert die Einrichtung einer Beschwerdestelle. Das damit verbundene Signal ist recht eindeutig: Schnauze, Bimbo – schnack’s in den Sack, stell ihn an die Kellertreppe, und hübsch weiterlernen. Alle anderen untrüglichen Anzeichen, wie man geistige Schäden erkennt, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • tragt ihr die außenspange: Nein, die liegt größtenteils auf dem Nachttisch.
  • zahnprothese dysmorphophobie: Wie gesagt, wir haben die Außenspange nicht getragen.
  • haarentfärbung natron: Und jetzt sieht man gar nichts mehr.
  • anleitung für langen sommerhäkelpulli: Ich habe hier einen, an dem muss man mindestens acht Stunden pro Tag häkeln.
  • bilfinger scientology: Das Preis-Leistungs-Verhältnis dürfte in etwa stimmen.
  • giftschnecke biologische waffe: So genau können Sie die Dinger gar nicht abwerfen.
  • mantra gegen hitze: Kühl, Schrank.
  • winselweich: Pofalla?
  • vogelcode in zigarette: Der Adler ist gelandet.
  • läuse bekämpfen mit dauerwellenflüssigkeit: Der Erwerb eines sehr kleinen Pinsels ist ratsam.
  • diddlmaus häkeln vorlage: Schon fertig mit dem Sommerpulli?
  • ideen anordnung slätthult ikea: Alles an die Wand, wenn es kleben bleibt, haben Sie Glück gehabt.
  • psychologie heute midlife crisis: Die hätten Sie aus dem Focus preiswerter kriegen können.
  • zwiebelmettsnack kai pflaume: Ich habe schon bessere Markennamen gehört.
  • spuckschutzhaube: Wahlstände der AfD sollte man sowieso nur mit schwerem Gerät besichtigen.
  • waschmaschinenüberzug wofür: Lassen Sie mich raten. Für den Geschirrspüler?
  • kippenstift halterung: Was rauchen Sie sonst?
  • zwang zur guten laune: Heißt im Fachhandel CDU-Präsidium.
  • bundesadler als hampelmann interpretation: Tipp: es könnte etwas mit der Bundesregierung zu tun haben.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CLV)

17 08 2013

Leandro hört in Bacabal
zur Nachtzeit gewaltigen Schall.
Er stolpert die Treppen
hinunter. Zwei Deppen
sind dort, wie er, nach ihrem Fall.

Amitabh aus Ghaziabad
fuhr gern ins Büro auf dem Rad.
Doch Scherben und Nägel
sind leider die Regel,
drum hat er die Straßen jetzt satt.

Arnaldo aus Imperatriz
bezahlte Arbeiter mies.
Statt Sandstein in Blöcken
für zehntausend Öcken
bekam er nur sackweise Kies.

Es war Onkel Pema aus Chukha
gefürchtet als Rumgrogverschlucker.
Er trank gut und reichlich
und blieb unvergleichlich
doch nüchtern. (Das meiste war Zucker.)

Osório aus Itaboraí
verschreckte durch wildes Geschrei
ganz ohne Bedrängnis.
Ihm wurd’s zum Verhängnis,
er achtete nicht auf den Hai.

Patrizia, die lebte in Barghe
vom Geigenbau. Weder die karge
Bezahlung, die Kälte,
das Tun, das sie wählte,
war ihrs von der Schnecke zur Zarge.

Wenn Rubens, der in Sepetiba
addiert, nimmt er den Rechenschieber.
Elektrogeräte
lässt er ohne Nöte.
Nur Stift und Papier sind ihm lieber.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCVIII): Mobilkommunikation im öffentlichen Raum

16 08 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Sprache Macht, der Sprache Schönheit wird verspüren, wer den anmutigen Versen des Poeten lauscht – Wort für Wort erleuchtet’s uns die Nacht des Irdischen, Gestirnen gleich im Raum des Metaphysischen kreisend, wo uns sonst die verbale Kommunikation allenfalls mit zweckdienlichen Hinweisen auf die Plomben geht, wo uns angesichts einer Unterhaltung zweier Rentner über Art und Tätigkeit des Verdauungstraktes die Vergänglichkeit nicht schnell genug aufschlägt. Schöner als das beredte Zeugnis der Welt schiene uns, wenn jene die Klappe hielte, im Vorortzug, im Wartezimmer, wo immer ein Wurstgesicht sein Sprechwerkzeug nicht hinreichend unter Kontrolle hat. Wir leiden zunehmend unter enervierendem Geschwafel, seit die Industrie mit den Hirnvernichtungswaffen in Schach hält. Das mobile Endgerät, es hat die Macht übernommen, und dazu auch die Macht der Sprache in Gestalt der Macht des Sprechens.

Wer in einem entlegenen Winkel des öffentlichen Raums Platz nimmt, an einer Ochsenkarrenhaltestelle der hinteren Walachei oder im Trockenlager einer Wurstbude, den wecken aus der Hölle importierte Klingeltöne. Die Meute ist da, und sie hat die Herrschaft übernommen. Was sich da in unmittelbarer physischer Nachbarschaft zur Materialisation entschlossen hat, Nilpferde unter den Elfen oder ästhetisches Prekariat jenseits der Zumutbarkeit, zückt konditionsgemäß seine auf Pump gekauften Knochen und schwallt ad hoc den Nachweis gerichtlich verwertbarer Anwesenheit ins Sprechende. Was dieses Phänomen überhaupt zur vollen Reife führt, entzieht sich der allgemeinen Deutung; vermutlich gibt es inzwischen einen Service, um angerufen zu werden, oder automatisch klingelnde Telefone, denn wer riefe diese Embryonalintelligenzen ohne Strafandrohung an. Es klingelt, und der unschuldige Büßer an der Seite des Hirnvollverdübelten muss die Folgen leiden.

Der meist nur mit rudimentärem Intellekt gesegnete Kommunikator zeichnet sich durch zwei Verhaltensweisen aus, den fragwürdigen Inhalt des Gesprächs sowie dessen Aufdringlichkeit. Was den Inhalt angeht, so ist diese ein todsicherer Indiaktor für den Verdeppungsgrad der Sabbelkrampe; je nach Anteil von schamlosem Ausplaudern intimster Details oder infantil bis regredierter Wortbildung lässt sich abmessen, welche innere Notwendigkeit das Gespräch besitzt. Sie ist meist knapp unter ε, und es drängt sich dem teilnehmenden Beobachter auf, dass eine Proportionalität zwischen nichtigen Themen und pompöser Inszeniertheit des Gesprächs geradezu axiomatischen Züge annimmt. Was der geistige Gesunde noch mit einem laxen Handstreich wegwischt, die Frage etwa, ob Kevin zu Chantal gesagt hat, dass Dustin von Cheyenne gehört hat, dass Luca und Michelle gesagt haben, Chantal habe etwas zu Renesmee gesagt, daraus schwiemeln sich wenig beanspruchte Hasenhirne eine Feier der Beklopptheit. Natürlich ist alles das bekannt aus den Feuchtgebieten der aufsteigenden Pubertät, doch wurde hier eher Wert gelegt auf die Diskretion, die den Unbeteiligten nicht an die Ekelgrenze führt.

Freilich fühlt der unfreiwillige Gast beim Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana auch hier die mild kitzelnde Wirkung einer Katharsis: er erkennt die Dummheit, die er gerne ignoriert hätte, und darf sich geborgen fühlen in der Sicherheit, niemals so tief sinken zu müssen wie die Schnackbratzen. Doch was nützt das Bewusstsein der Überlegenheit, wenn all das Gossengefasel in narzisstischer Lautstärke dahersuppt, als müsse auch der Rest der Menschheit zeitnah erfahren, dass man sich in der Straßenbahn die Fußnägel schneidet. Stärke ist Macht.

Wer sich im Fahrstuhl einen Sabbeltoaster an die Backe schmalzt, tut dies längst nicht mehr, als führe er das Modell 36 in der Herrenhandtasche mit sich, er unterhält sich längst mit der Welt. Für ihn ist Telefon wie Facebook, wo er irrelevante Grütze in die Welt auswirft, dessen nicht denkend, dass es der bis auf wenige geschmacksfrei gelagerte Koksgnome auch am Sitzmuskel vorbeigeht. Folglich erhöht er den Schalldruck. Meist reicht es nicht, der Mischpoke auf dem Nachbarplaneten mitzuteilen, dass man gerade im Zug sitzt und telefoniert, es muss auch der komplette Bestand an Fahrgästen inhaltlich an der Sache beteiligt werden. Ein Mitarbeitergespräch komplettiert die Heimfahrt, kurz bevor der Mann der Tat das Drucklufthorn auspackt und dem Exhibitionisten am Smartphone eine kollaterale Schädeldeformation verpasst. Sollte sich noch immer keine Entspannung einstellen, ja sind eventuelle Widerworte zu erwarten, so sollte man den Laberlurchen sanfte Hilfestellung geben bei der Entwöhnung von ihrer Schwafelapparatur. Ein beherzter Tritt, ein frisches Schlenzen aus dem Fenster, schon ist der Fernsprecher wieder da, wo er hingehört. Fern. Der Rest sollte Schweigen sein.





Hyper, Hyper

15 08 2013

„… sei die Integration des Hyperloop ins Verkehrsnetz auf der Strecke Hamburg – Berlin bis 2028 nur eine Frage der…“

„… und wolle die Deutsche Bahn AG selbstverständlich mit allen juristischen Mitteln gegen den Schnellstzug vorgehen, da es sich hier um ein Verkehrsmittel handle, das große Umsätze…“

„… nach Berechnung der Expertenkommission nicht kostendeckend. Die Studie sei im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie erstellt und…“

„… die bisherige Reisedauer von einer Stunde und 54 Minuten unbedingt verkürzt werden müsse, da die Bahn sonst nicht wettbewerbsfähig sei. Der Plan, den ICE unterirdisch auf der Strecke…“

„… lehne Rösler das Verkehrsprojekt ab. Die 25 Megawatt liefernden Solarzellen seien eine Schädigung des Energiehaushaltes, wodurch die Gefahr akuter Stromversorgungslücken…“

„… sich der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG entschlossen habe, einen eigenen Röhrenzug zu bauen. Dieser werde wirtschaftlich so erfolgreich sein wie der Transrapid und technisch ungefähr so gut wie…“

„… bezeichne die überarbeitete Fassung der Machbarkeitsstudie den Zug als strukturelle Verbesserung auf der nicht finanzierten…“

„… werde das Projekt Arbeitsplätze schaffen, für die größtenteils Niedriglöhner aus Griechenland und Ingenieure aus Spanien…“

„… befürworte Rösler den Zug, da er den Bau mehrerer neuer Kernkraftwerke ermögliche. Neben den für den Verkehrsbetrieb erforderlichen 350 Megawatt könne so auch die…“

„… bei einer Frequenz von bis zu vier Zügen pro Stunde. Die jeweils 30 Fahrgäste fassenden Fahrzeugeinheiten sollten jedoch nur an Werktagen zwischen acht und…“

„… sich in einer langen, dunklen Röhre im Blindflug fortbewegen solle, im quasi luftleeren Raum ohne Berührung zu anderen Dingen, ohne Orientierung oder Steuerungsmöglichkeiten. Merkel habe sich sofort sehr verbunden gezeigt, da ihr dies Projekt sehr sympathisch…“

„… sei die einzige Möglichkeit, den Zug sicher und energieeffizient zu bewegen, eine Röhre auf Stelzen. Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG habe sich am Rande der von der deutschen Tiefbaubranche ausgerichteten Casinoeröffnung dafür ausgesprochen, eine vier Meter unter der Erde…“

„… die FDP einem Koalitionsvertrag nur zustimmen werde, wenn Speisen und Getränke im Bordrestaurant des Zuges zum ermäßigten Mehrwertsteuersatz…“

„… weise Ramsauer entschieden zurück. Im Vergleich mit der Fahrt bergauf auf einem Dreirad beim Ziehen eines Öltankers pro Person verkürze sich die Fahrzeit um bis zu…“

„… wolle Seehofer den Höchstgeschwindigkeitszug nur dann unterstützen, wenn man am Münchener Hauptbahnhof in den Hauptstadtflughafen einsteigen…“

„… kein Problem darstelle, über Berlin nach München zu reisen, falls es gelänge, den Zug in der geraden Röhre um 90 Grad zu…“

„… hindere der HyperZug die Bahn nicht an ihrem geplanten Börsengang, da dafür noch mehr Personal entlassen werden könne, was sich positiv auf die Bilanz…“

„… bei einer reinen Fahrzeit von knapp 13 Minuten auf einen Speisewagen verzichtet werden könne. Der überarbeitete Zugprototyp müsse daher nochmals neu konstruiert werden, was einen Bedarf von mehreren Millionen…“

„… müssten die Passagiere auf eigene Gefahr den Zug benutzen. Ein vorher zu erwerbendes Zertifikat, das die gesundheitliche Tauglichkeit für stark erhöhte Gravitation bescheinigt, könne durch die Europäische Weltraumorganisation selbst erworben werden zum Preis von…“

„… das Projekt so gut wie vollständig durch die erste Planungsphase gegangen. Bahn-Chef Grube habe erst hinterher beschlossen, zur Anbindung der LoopBahn den Abriss und Neubau des Berliner Hauptbahnhofs zu…“

„… sich aus technischen Gründen die Vorbereitung für einen Start der Züge um eine Stunde verzögere, die zusätzlich zur Fahrzeit…“

„… dass die Reibungswärme von bis zu 1.300 °C nicht vollständig absorbiert werden könne. Die Deutsche Bahn verzichte daher bereits von vornherein auf den Einbau von Klimaanlagen, da man mit diesen Geräten bereits beim ICE schlechte Erfahrungen…“

„… Fahrzeugeinheiten zu konstruieren, die auch weniger als 20 Fahrgäste aufnehmen könnten. Bahn-Chef Grube sehe zwar keinen Bedarf, fordere aber für den Testlauf Bundesmittel in Höhe von…“

„… nach der Fahrt wieder auf Normaltemperatur zu bringen. Grube habe ein Abklingbecken vorgeschlagen, in dem die Züge für wenige Stunden…“

„… es abgelehnt, im weiteren Streckenausbau Stuttgart anzufahren. Sollte der regelmäßige Betrieb bereits 2037 aufgenommen werden, so komme die Fertigstellung des unterirdischen Bahnhofs viel zu spät, um…“

„… die Strecke Hamburg – Berlin (einfache Fahrt) für 70.000 Euro (HyperBahnCard Gold) bereits in knapp anderthalb Tagen Fahrzeit zu…“





Konsumlust

14 08 2013

„Entschuldigung, das ist doch Unsinn!“ „Finden Sie? Dabei vertreten Sie doch sonst auch immer genau das, was die Regierung sagt?“ „Aber Ihre Schlussfolgerungen sind vollkommen falsch.“ „Und das sagen gerade Sie?“

„Ich bleibe dabei. Deutschland geht es so gut wie nie zuvor.“ „Woran machen Sie das fest? Etwa an der gesteigerten Konsumlust der Bundesbürger?“ „Sie brauchen das gar nicht mit so einem ironischen Unterton zu sagen.“ „Käme mir nie in den Sinn.“ „Wir haben genug Arbeit. Es müsste sie bloß mal einer machen wollen.“ „Das ist sicher der Grund, warum für die Beseitigung der Flutschäden Ein-Euro-Jobber herangezogen werden.“ „Natürlich, das ist ja auch Arbeit, die zusätzlich entsteht.“ „Ah, richtig. Weil sie ohne die Flut nicht anfallen würde. Verstehe.“ „Sollen wir denn zusehen, wie die von der Flut beschädigten Gebiete unbewohnbar werden?“ „Die waren vor der Verwüstung durch die Neubauten auch unbewohnt, und die Folgen sehen wir jetzt.“ „Das beantwortet meine Frage nicht.“ „Und warum schaffen wir keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze?“ „Die Leute wollen ja gar nicht arbeiten.“ „Also bekommen sie für die Arbeit, die sie trotzdem leisten, zum Ausgleich auch keinen Lohn?“ „Das ist doch gar nicht miteinander zu vergleichen!“

„Und wenn es so viel Arbeit gibt, warum gibt es dann immer noch so viele Arbeitslose?“ „Weil die Arbeit niemand machen will.“ „Ich dachte immer, weil die Arbeit keiner bezahlen will.“ „Falsch. Wer in diesem Land Arbeit finden will, findet auch Arbeit.“ „Weshalb wir auch derart viele Bürger mit Nebenjobs haben.“ „Richtig.“ „Und Sie denken, das sei ein Zeichen von Konsumlust.“ „Vollkommen korrekt.“ „Die Menschen wollen sich wieder etwas gönnen und menschenwürdig leben.“ „So weit würde ich noch nicht gehen, aber…“ „Sie meinen, die Bürger arbeiten für den Konsum.“ „Warum denn nicht? Wir leben schließlich in einer kapitalismuskonformen Demokratie, da wird das doch wohl erlaubt sein.“ „Und sie können sich das von ihren regulären Gehältern nicht leisten?“ „Das gibt der Markt eben nicht her.“ „Und sie brauchen dazu Zweitjobs?“ „Warum beschweren Sie sich? Es gibt doch genug Arbeit, wie Sie sehen.“ Dann arbeiten diese Menschen ja freiwillig?“ „Warum denn nicht?“ „Sie haben doch eben bestritten, dass Menschen freiwillig arbeiten?“ „Aber diese Menschen arbeiten ja, weil sie konsumieren können.“ „Und wenn man arbeitslosen Menschen eine Arbeit verschafft und sie dafür anständig bezahlt?“ „Wozu das denn? Die sind doch imstande und geben das ganze Geld sofort wieder aus!“

„Das finde ich jetzt ja schon sehr mutig von Ihnen, sich so entschieden für ein bedingungsloses Grundeinkommen stark zu machen.“ „Wie bitte?“ „Sie haben doch eben gerade gesagt, dass Sie die Voraussetzungen dafür sehen.“ „Wer hat das wann gesagt?“ „Es findet doch jeder Arbeit, oder?“ „Wenn man will, ja.“ „Und wenn nun die einen den anderen die Arbeit wegnehmen?“ „Wer nimmt denn wem was weg?“ „Man könnte doch die Arbeit, die die einen zusätzlich machen, denen geben, die keine haben.“ „Aber die Leute wollen doch gar nicht arbeiten.“ „Eben haben Sie noch das Gegenteil behauptet.“ „Weil die ja keine Arbeit haben, die bezahlt wird.“ „Es gibt doch genug Arbeit, die keiner macht, weil sie keiner bezahlt?“ „Man kann doch nicht alles bezahlen, so viel Geld haben wir doch nicht.“ „Sie erwarten aber, dass die Arbeit getan wird, wenn man sie bezahlt?“ „Natürlich.“ „Und weil die Leute so furchtbar gerne Geld haben, arbeiten sie auch noch zusätzlich?“ „Sicher, das würde doch jeder.“ „Also sind die einen zufrieden, weil sie mehr arbeiten können und etwas dafür bekommen, und die anderen sind unzufrieden, weil sie arbeiten müssen, aber nichts dafür bekommen?“ „Moment, das habe ich gar nicht…“ „Sie meinen, dass jeder gerne konsumiert und dafür freiwillig mehr arbeitet?“ „Weil die Leute eben arbeiten wollen – das war jetzt eine Fangfrage, oder?“ „Und Sie sind der Meinung, dass man auch Leute arbeiten lassen sollte, wenn es nicht bezahlt wird?“ „Aber die wollen doch gar nicht…“ „Dann arbeiten die einen freiwillig, aber die einen werden nicht dafür bezahlt.“ „Worauf wollen Sie jetzt hinaus?“ „Dass Arbeit und Geld nichts miteinander zu tun haben.“

„Also ich verstehe das immer noch nicht.“ „Wir haben eine Gruppe, die zu viel arbeitet, und eine, der die Arbeit fehlt.“ „Und was soll man dagegen machen? den einen die Arbeit wegnehmen und den anderen geben?“ „Warum nicht?“ „Das kann doch keiner bezahlen!“ „Das bezahlt doch schon jemand. Sie.“ „Ich?“ „Glauben Sie denn, der eine Euro für die Fluthelfer wird vom Papst gespendet?“ „Dann bezahle ich jetzt schon die, die gar nicht arbeiten?“ „Sie bezahlen sogar die, die arbeiten und davon gar nicht leben können.“ „Und was machen die alle mit dem Geld?“ „Konsumieren.“ „Ist das denn schlimm?“ „Wäre ich Sie, würde ich sagen: nein.“ „Und dann haben alle Arbeit?“ „Wen interessiert das? Die wollen doch alle gar nicht arbeiten.“ „Aber Sie haben doch gerade das Gegenteil… oh, Moment mal…“





Wie es sinkt und lacht

13 08 2013

„… müsse ein Großteil des derzeitigen Verkehrs im Mainzer Hauptbahnhof ausfallen. Da bis zum Ende der Sommerferien mehrere Fahrdienstleiter nicht verfügbar seien, könne ein fahrplanmäßiger Ablauf nicht mehr…“

„… in der Pressekonferenz als sozialistisches Schmarotzertum bezeichnet. Döring fordere eine ersatzlose Streichung sämtlicher Urlaubsansprüche für die niederen Gehaltsgruppen der…“

„… liege das Problem an der kostenbedingten Einsparung von Fachpersonal. Nur so seien Großprojekte wie Stuttgart 21 oder…“

„… nicht so einfach wie erwartet. Zwei der drei zum Abbruch des Urlaubs bereiten Fahrdienstleister hätten die Bahn genommen, um nach Hause zurückzukehren, und steckten seit mehr als drei Tagen auf Nebenstecken fest, da dort keine Einfahrt in die betreffenden Zielbahnhöfe…“

„… vor allem durch das Fehlen von Fachkräften verursacht worden seien. Anhand der vorliegenden Statistik habe Ramsauer empfohlen, im Jahr 2018/19 3.500 neue Zugbegleiter einzustellen, um den kurzfristigen Engpass an…“

„… müsse nach Aussage des Aufsichtsrates der Deutschen Bahn AG der Personalabbau mit großer Geschwindigkeit vorangetrieben werden. Nur durch geringere Ausgaben könne der Konzern wieder Gewinne einfahren, von denen mehr Personal…“

„… dass zwei Schnellbahnen fast miteinander kollidiert seien, als schweren Sicherheitsmangel gewertet. Uhl fordere zur Verhinderung weiterer Kollisionen die Nacktkontrolle der Fahrgäste, um zur Entlastung des Sicherheitspersonals…“

„… laut Bundesbehörde nicht zu beanstanden, wenn die Hälfte der Fahrdienstleiter fehle. Beim Fehlen der Hälfte der Fluglotsen sei ein Flughafen auch nicht funktionsfähig, weshalb der Mainzer Hauptbahnhof keinen Ausnahmezustand…“

„… keinerlei Verantwortung seitens der Bundesregierung. Ab zwei erkrankten Mitarbeitern gleichzeitig müsse das Verkehrsministerium entweder von höherer Gewalt oder einem terroristischen Anschlag ausgehen, der…“

„… das Problem systemisch zu lösen. Gerade Berufspendler seien am Beförderungsengpass kausal beteiligt, da ihre Zugfahrten durch eine gesteigerte Konsumlust…“

„… auch die positiven Seiten des Bahndesasters zu berücksichtigen. Wowereit habe entdeckt, dass der Mainzer Zugverkehr viel schneller regeneriert werden könne als die S-Bahn in Berlin, was Anlass zu einer durchaus hoffnungsvollen…“

„… sei der Sparkurs der Bahn alternativlos. Nur durch konsequentes Sparen könne das Unternehmen so hervorragend konsolidiert und in den wirtschaftlichen Erfolg geführt werden, wie dies in Griechenland oder bei Schlecker…“

„… habe Ramsauer den Mainzer Zugausfall als eine lehrreiche Übung bezeichnet. Die Deutsche Bahn AG sammle jetzt Erkenntnisse, um in einem der folgenden Sommer mit den Kundenreaktionen wegen fehlender Fahrzeuge zu…“

„… keinen Hinderungsgrund. Döring habe seit 1995 keinen Bahnhof mehr betreten, doch sei dies für ein Aufsichtsratsmitglied nicht zwingend…“

„… der Personalabbau mit erhöhten Investitionen in die Stellwerktechnik begründet worden seien. Die modernen Computersysteme versagten zwar regelmäßig, seien dabei allerdings wesentlich genauer als menschliche…“

„… habe IM Friedrich betont, dass nur mit einer lückenlosen Ortung von Mobiltelefonen das Personal aus dem Urlaub zurückgeholt…“

„… die Bahnstrecke durch die Umleitung Koblenz – Mannheim über Bremerhaven, Fürth, Västerås und Saarbrücken nur wesentlich schneller als bisher…“

„… nicht wegen etwaiger Urlaubsansprüche gekündigt werden sollten. Ein Mitarbeiter stehe im Verdacht, auf der vergangenen Weihnachtsfeier eine Maultasche mitgenommen zu haben, bei einem anderen habe man einen Pfandbon über…“

„… ob aus Gründen der Kostenreduzierung nicht generell mehr Ein-Euro-Jobber für kurzfristig zu besetzende Aufgaben…“

„… könne es für die Identifikation mit dem Vaterland sehr nützlich sein, lange Umwege auf Bahnstrecken in Kauf zu nehmen. Gauck weise außerdem darauf hin, dass die Freiheit…“

„… auch für die Planung anderer Verkehrsmittel nutzbar zu machen. Da nur wenige Kräfte zur Behebung des Mainzer Verkehrsausfalls nötig seien, wolle Wowereit den Flughafen Berlin Brandenburg durch Einstellung von bis zu sieben Fahrdienstleitern sofort…“

„… die Schulung von Fahrdienstleitern anderer Bahnhöfe zu einer größeren Verteilung der Transportproblematik führe. Bahn-Chef Grube sehe dies als eine Demokratisierung der…“

„… nach nicht bestätigten Gerüchten der Planungsstab der Bahn im Urlaub sei, der im Ferienlager der Daimler AG…“

„… dass man vom Hauptbahnhof in Mainz mit zehn Minuten, ohne dass man am Flughafen noch einchecken müsse, dann starte man im Grunde genommen am Flughafen am Hauptbahnhof in…“

„… plädiere Ramsauer inzwischen dafür, den Mainzer Hauptbahnhof unter die Erde zu verlegen. Einerseits schaffe dies kurzfristig Arbeitsplätze, andererseits verschone diese Baumaßnahme die Mainzer vom Anblick eines nicht mehr in…“





Was Frauen wünschen

12 08 2013

„Frauen-Chips!“ Anne trat unvermittelt auf die Bremse, so dass ich nach vorne geschleudert wurde. „Für so einen Dreck ist Deine Branche natürlich immer gut. Frauen-Chips! Demnächst verkaufen einem die sexistischen Deppen kalorienreduziertes Wasser für Damen!“ Es war Samstag, es war in einem komplett überfüllten Einkaufszentrum, kurz: es waren die idealen Bedingungen für sie, einen Wutanfall auszuleben.

„Ich habe bei Männerbratwurst geschwiegen“, zischte sie, „bei rosa Überraschungseiern habe ich die Zähne zusammengebissen, aber Frauen-Chips? Die haben nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Und sie legte sich gewaltig in die Rechtskurve. Natürlich ist es störend, wenn ein labberig riechendes Sahne-mit-Billigpaprika-Knabberzeugs explizit für die Damenwelt kreiert wird und dies auch noch bunt auf den Plakatwänden prangt. Aber kann man es nicht auch übertreiben? Anne war anderer Meinung. „Schau Dir diese verdammte Werbung an. Schau sie Dir an! Holzfällersteak!“ „Das ist nur so ein Name“, versuchte ich sie zu beruhigen, „man nennt das nach den…“ „Siehst Du hier irgendwo einen Holzfäller“, herrschte sie mich an. Ich zog den Kopf ein. Wir waren am Ende des Parkplatzes.

Nachdem ich kurz den Sitz meiner Nerven im Innenspiegel überprüft hatte, löste ich den Sicherheitsgurt. „Erstens bin ich nicht für diesen Werbeauftritt verantwortlich, auch nicht für die Verpackung oder das Marketing, und zweitens…“ Sie wischte es vom Tisch. „Ach was, Ihr seid doch alle gleich! Außerdem interessieren Euch doch die Bedürfnisse der Frauen überhaupt nicht.“ Ich protestierte. „Nur weil Du zufällig Strafverteidigerin bist, halte ich auch nicht alle Juristen für…“ Die Tür musste mich zufällig am Kopf getroffen haben.

Kaum hatten wir den Heimwerkerfachmarkt betreten, stampfte Anne mit dem Fuß auf den Boden. „Sieh sich einer diesen sexistischen Mist an! Das ist doch nichts als Diskriminierung!“ Zugegeben, die Werbeaufsteller von Blumen gießenden Weibchen im Dirndl und Holz mit knatternden Motorsägen zerlegenden Muskelprotzen schien nicht ganz frei von den in Jahrhunderten eingeübten Geschlechterrollen. „Und sie wissen nicht einmal, was sie damit anrichten. Sie können mit Kundinnen gar nicht umgehen.“ Das bezweifelte ich. Ich hätte es nicht tun sollen.

Wie aus dem Boden gewachsen stand sie plötzlich vor einem Verkäufer. „Ratschenkasten“, bellte sie. Der Verkäufer blickte sie ungläubig an. Ich interessierte mich auffällig für die Unterschiede zwischen braunen und schwarzen Pinseln, griff aber nicht in die Kampfhandlungen ein. „Sie wollen also einen Ratschenkasten“, stammelte er. Anne zog indigniert eine Braue hoch. „Wenn ich ein Toastbrot wollte, hätte ich ‚Toastbrot‘ gesagt.“ Offenbar war Logik nicht seine Stärke, denn er hatte doch einen Augenblick zu lang überlegt. „Haben Sie zufällig einen da“, bohrte sie nach, „oder muss ich Ihnen erst zeigen, wie die Dinger aussehen?“ Er griff in die Auslage und zog ein Plastikköfferchen hervor. „Der hier wird gerne genommen, sehr handlich, in Rot, ergonomischer Griff, abwaschbar und…“ Ich wandte mich von den Pinseln ab. Dies würde sehr lehrreich werden, größtenteils für den Verkäufer. Ansatzlos ging Anne zum Angriff über. „Ich will das Ding nicht als Raumschmuck, Sie Pausenclown. Aufmachen!“ Mit zittrigen Fingern öffnete er die Schnappverschlüsse und klappte das Köfferchen auf. Sie ließ ihren Blick über das Innere schweifen. „Umschaltknarre?“ Der Verkäufer geriet bereits in leichte Panik. „Ich muss ja sicher nicht eigens über Kugelarretierung reden, und dass das kein Vanadiumstahl ist, können Sie auch gerne selbst auf der Packung lesen. Dann zeigen Sie mir doch mal, was Sie für Erwachsene da haben.“

Spätestens an diesem Punkt hätte ich wissen müssen, was auf mich zukommt. Legendäre Shoppingtouren der vergangenen Jahre – die Pumps bei Langmeyer & Wolff, ein seidener Hosenanzug bei der Neueröffnung von Sack und Leinen, nicht zu vergessen die Schrankwand in Kirsche gebeizt – erschienen vor meinem geistigen Auge, Auseinandersetzungen von historischem Ausmaß, die in einer Liga spielten mit dem Dreißigjährigen Krieg. „Das wäre der 104-teilige Kasten“, beeilte sich der Verkäufer. Anne warf einen flüchtigen Blick auf das Ensemble. „Wenn ich eine Rohrzange haben will, gehe ich ins Kaufhaus. Das sind Viertelzoll-Steckschlüssel, was soll ich damit anfangen?“ Verständnislos sperrte er den Mund auf. „Was mache ich bei einem Gewinde mit Halbzoll?“ Er beging den Fehler seines Lebens; der Verkäufer versuchte, witzig zu sein. „Nehmen Sie doch zwei Viertelzoll, dann müssen Sie nicht umspannen.“

Der Filialleiter schien unter plötzlich auftretenden Schweißausbrüchen zu leiden. Jedenfalls hatte Anne ihm unmissverständlich mitgeteilt, dass sie eine Abneigung gegen schlecht ausgebildetes Verkaufspersonal hat. „Was ist mit dem 215-teiligen Knarren-Set aus dem letzten Halbjahresprospekt? Und überhaupt, Vier- und Sechskant als Standardsortiment, womit soll ich dann Zündkerzen festdrehen? Bekomme ich bei Ihnen ein Schweizer Offiziersmesser nur gegen Aufpreis mitgeliefert?“ Der Vorgesetzte versuchte gar nicht erst, sie zu unterbrechen; es wäre wohl auch zwecklos gewesen. „Ich gebe Ihnen einen kostenlosen Ratschlag“, sagte sie und rümpfte die Nase. „Versuchen Sie es als Versicherungsvertreter, da können Sie ihren Kunden alles andrehen, wovon Sie selbst keinen blassen Schimmer haben.“ Der Filialleiter brach stöhnend zusammen. Anne drehte sich um und fasste mich am Arm. „Und jetzt auf zu Sack und Leinen. Du brauchst noch eine Krawatte.“