Pyramus und Thisbe (anstelle einer Ballade)

11 08 2013

Sie sah nie, wer dort mit ihr sprach,
ein Prinz wohl und der schönste gar.
Auch er, der Liebste, sah nicht nach,
wer dort im andern Garten war.
So trog kein Schein, und Liebe fand
das Paar durch einen Spalt der Wand.

Und ach! wie sehnten sie sich doch,
das Sehen sehnend, dass zur Nacht
sie flüsternd durch das Mauerloch
den Vorsatz endlich ausgemacht.
Sie flohn zusammen in die Welt,
zu sehn sich unterm Sternenzelt.

Ein Löwe, den Ovid erfand,
die Schönste unbarmherzig fraß.
Und er, der sie entleibet fand,
nahm selbst des Todes volles Maß.
Ein Ende so die Liebe fand.
Moral: man horcht nicht an der Wand.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CLIV)

10 08 2013

Wenn Gordon sich in Coolangatta
aufs Mofa setzt, weiß man, dann hat er
mit Würgen und Schnaufen
das Ding doch zum Laufen
gebracht. Man hört dies am Geknatter.

Herr Sua, der hört in Salavan,
im Hinterhof kräht laut ein Hahn.
Tatsächlich ist dieser
ein Ara, ein fieser.
Da hat mancher sich schon vertan.

Als Abby sich in Alice Springs
versah, war das Ende des Rings
im Ausguss beschlossen.
Das hat sie verdrossen,
des Sammlerwerts halber des Dings.

Wenn Walter in Heist-op-den-Berg
am Abhang steht, stolz auf sein Werk,
sieht er, was ein Mann schafft
als Schmuckstück der Landschaft,
den tatsächlich weltgrößten Zwerg.

Als Wayne seine Truppe in Melton
antreten ließ, dass sie durchzählten,
schwand Mut, schwand Vertrauen,
auf sie noch zu bauen,
da jeden Tag mehr und mehr fehlten.

Lombardo, der legt sich in Gioi
zum Schlafen ab jetzt in das Heu.
Er kaufte sich Betten,
und um sie zu retten
vor Abnutzung, lässt er sie neu.

Fast taub ist Greg, der sich in Perth
ein Fahrrad lieh. „Seht Ihr, ich hör’s,
ein Laster beim Ranfahrn.“
Dabei war’s die Trambahn.
„Die hat nicht geklingelt. Ich schwör’s!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCVII): Kreuzfahrten

9 08 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ganz früher, als man noch nichts hatte, da fuhren sie ins Gartenhäuschen, mähten ein paar Wochen lang den Rasen und aßen selbst angebauten Salat. Das einzige, was den Kleinbürger an seiner Sommerfrische störte, waren die Parallelexistenzen auf der anderen Zaunseite, die auf dem Grillrost die Altfettbestände des babylonischen Deppenkartells in Rauch aufgehen ließen, den Hund zum Bellen über die Hecke schmissen und mit dem Grammofon Marschmusik in den trockenen Boden gravierten. Zum Ausgleich bedienten sie den Gartenschlauch virtuos an der Grundstücksgrenze und leerten ihren Abfallkübel im Sprungwurf. Jahre später, vielleicht lag auch der eine oder andere Krieg dazwischen, setzte sich die gesamte Sippe nach Italien ab, wo der Massentourismus bereits seine Tentakeln nach den nordalpinen Wurstgesichtern ausgestreckt hatte. Inzwischen sind sie auf den Malediven angekommen, bevölkern saisonal die Karibik und die noch nicht untergegangenen Fragmente der Balearen. Doch man erkennt sie, und schlimmer noch: sie erkennen sich selbst. Das Prolletariat auf Urlaub flieht sich selbst, da es den eigenen Anblick nur unter peristaltischen Verrenkungen erträgt. Weder Safari noch sich im Keller einzumauern wäre adäquater Ersatz. Der Beknackte verfällt auf die luxuriöse Variante und bucht eine Kreuzfahrt.

Hier ist man Mensch, hier kann man’s sein. Von einem dümpelnden Lastkahn abgesehen um sich herum nur Wasser, eine durch den Preis gesteuerte Exklusivkohorte aus der Population des in die Erholung getriebenen Sozialgerölls, die Umgebung verspricht bereits hochklassige Runderholung für Körperfett, geistige Abnutzung und seelische Schadstoffanhäufungen. Der Prospekt verspricht die Katalogversion des Paradieses in Pink, Schnörkel inklusive, dazu die schönste Auswahl an Mitternachtscocktails, Trendsport und Tischdeko – eine hochpotenzierte Wegwerfgesellschaft, die ihre Hinterlassenschaften gleich in die Schiffschraube möllern kann, weil eh keine Seekuh zusieht. Denn mittlerweile hat sich das Ensemble in eine Leistungsschau für prestigeverliebte Renommisten verwandelt, die mit arabischen Fünf-Sterne-Hotels wetteifert. Noch sind die Türklinken nur mit einer Lage Blattgold beschwiemelt, man kann an Bord nach Tennis und Wellenreiten längst Trockenski fahren, Kaviar hinters Zäpfchen pfropfen, bis der Internist sich die Schweißtropfen wegwienert, und im Verein mit anderen spätrömisch Dekadenten Kunstrasen mähen, wie es das Herz begehrt. Kein Wunsch bleibe offen, so der Veranstalter, dazu west ja im Bauch des schaukelnden Potts ein Brei aus kaum bezahlten Kulis, die das Wellnesslager mit immerwährendem Liebreiz bespaßen.

Manchmal, und das kann schon kurz nach dem Einchecken passieren, packt den Bekloppten die jähe Furcht. Nicht die Angst, mit dem ganzen Dampfer die Tiefseerinne einzukerben, nicht die Panik, in Flammen aufzugehen und als Fliegender Holländer in die Stratosphäre abzurauchen. Es ist die unmittelbar einsetzende Lähmung, wenn der Pauschalpopel begreift, die Hölle sind die anderen, und die sind da, diesseits der Reling. Alle.

Die komplette Nachbarsrotte, eine Hackfresse neben der anderen im Polyesterfummel, blaue Sportstreifen im Preis enthalten, ungeduscht, laut und mit Brechreiz erregendem Akzent, vollführt mit dem Frühstück etwas, das im Zoo appetitlicher vor sich ginge. Die Billighuberei der Reisebranche feiert ihre Implosion mit einem Rumba-Contest an der Resterampe (vormals kaltes Büfett), während das aus Urinen auferstandene Schwimmbassin die Evolution im beschleunigten Rückwärtsgang nachturnt; noch eine Woche, und die ersten neu entwickelten Einzeller erweisen sich als robusteste Spezies, die mit jedem Siff spielend fertig wird. Die Verhältnisse, die jede balkanische Betonbettenburg bietet, Ekelgefühl galore und dazu so viel billiger Schnaps, dass man den Degout nicht mehr als tragende Säule der Empfindung sieht, entsprechen ungefähr der Kosten-Nutzen-Rechnung – leider nicht der des Passagiers, sondern derjenigen des Tourikonzerns, der die nichts ahnenden Ichlinge in See stochern lässt.

Und nicht einmal die Gewissheit, dass man diesen schwimmenden Cluburlaub gerade eben überstehen wird, weil die Verpflegung letztlich nicht schlechter ist als an Land, nicht die latente Gefahr von Seekrankheit macht einem die Wochen auf dem Meer zur unüberwindlichen Prüfung. Es ist das Bewusstsein, dass alles, was da zu Kreuze fährt, genau gerafft hat, was für ein Treibholzgulag dieses Ding ist, auf dem das Elend sich unvergesslich macht, und keiner will es zugeben. Schlimmer noch, jeder weiß, dies ist ein Internierungscamp im Ozean, und jeder ist hier, um jeden zu quälen. Am ersten Tag denkt man noch an Spaß, doch dann interessiert einen bloß, wann die Sonne untergeht. Dies ist das Fegefeuer. Eine Flucht ist möglich, doch sie endet immer in der Schiffschraube. Wie das in der Wegwerfgesellschaft nun mal so ist.





Präsenspflicht

8 08 2013

Sie strich nicht in den Texten herum, sie redigierte. Ilse Förtner kringelte mit dem Rotstift ein Wort nach dem anderen an und verbesserte. Das also war das Institut für Gegenwartskunde.

Genau genommen war dies ein gemietetes Zimmerchen in der Volkshochschule, in dem die ehemalige Geschichtslehrerin – sie hatte ihren Beruf an den Nagel gehängt, und man berichtet, sie sei an ihrem letzten Tag mitten in eine rauschende Party hineingeraten, zu der sie keiner eingeladen hatte, ein komischer Zufall – die Kommunikation ihres Landesverbandes unter die Lupe nahm. „Die Auseinandersetzung mit den Themen unserer Gegenwart ist eine Gegenwärtige“, verkündete sie. „Wir werden uns auf die Dinge konzentrieren, die sind. Damit schaffen wir zugleich Sicherheit.“ Der Rotstift kritzelte unvermittelt weiter. Dabei fiel mir auf, dass sie sich nur mit den Verben aufhielt, genauer gesagt: mit den Zeitformen. „Sie streichen jede Vergangenheitsform als Fehler an?“ Energisch schüttelte sie den Kopf. „Jede Form, die nicht der Gegenwart entspricht. Etwas anderes hat in unserer Wirklichkeit keinen Platz mehr. Wir müssen die Menschen zu mehr Gegenwärtigkeit erziehen.“ Tatsächlich strich Fräulein Förtner, und auf die Anrede legte sie immer noch größten Wert, auch alles Zukünftige. Ich verdrehte die Augen.

„Alle wollen heute Aussagen über die Zukunft treffen“, beklagte die ehemalige Pädagogin. „Aber wozu denn? Können wir jetzt schon sagen, was morgen ist?“ „Sein wird“, rügte ich. „Was morgen sein wird.“ „Ist“, zischte sie dazwischen. „In diesem Land verändert sich nichts, weil sich auch nichts verändern muss. Dies ist die beste aller möglichen Welten, deshalb sorgen wir auch dafür, dass sie im Bewusstsein unserer Bürger genau so erhalten bleibt.“ „Durch das Präsens?“ Sie funkelte mich böse an. „Wie denn sonst?“

Ich sah ihr über die Schulter. Die deutsche Wirtschaft wächst in den kommenden vier Jahren stärker als erwartet. „Lassen Sie sich nicht stören“, begann ich, „aber woher wissen Sie, was ich erwartet hatte?“ „Was Sie erwarten“, fiel mir Förtner ins Wort. „Hier zählt die Gegenwart, nichts als das Gegenwärtige, verstehen Sie?“ „Durchaus“, antwortete ich, „nur: wenn das Gegenwärtige zählt, warum stellen Sie dann Mutmaßungen über die Zukunft an?“ „Das ist eine Aussage“, schrie sie. Ganz erschrocken über den plötzlichen Ausbruch strich sie unkonzentriert auf dem Papier herum. „Das ist eine Aussage, und Sie wissen, dass sie nicht zu widerlegen ist.“ „Sie ist sehr wohl zu widerlegen“, insistierte ich, „denn alle Erwartung ist ja erst erfüllt oder nicht erfüllt durch die Zukunft – oder habe ich das falsch verstanden?“ „Sie verstehen das falsch“, antwortete sie, bereits mit dem deutlichen Unterton der Erschöpfung.

Doch ich merkte, dass es gar nicht an diesem einen Sätzchen hing; mehr stand dahinter. Etwa ein allumfassender Determinismus, die Ergebung in ein göttliches Schicksal, das keiner weiteren Analyse mehr bedurfte? „Die Zukunft ist so, wie wir sie uns heute errechnen.“ Hektisch ordnete sie ihre Knöpfe; keiner war zu beanstanden gewesen. „Dann geht es Ihnen wohl nur darum, die Zeit anzuhalten?“ Sie biss sofort an. „Ihr Hass auf alles Konservative ist ja krankhaft!“ Vermutlich würde sie im nächsten Augenblick den Stift auswringen. „Es geht Ihnen also nicht nur um Besitzstandswahrung?“

Offenbar hatte Ilse Förtner hier schon das politische Vermächtnis eines halben Jahrhunderts in die Gegenwart gerettet. Die Papierstapel an der Rückseite des Schreibtisches sprachen Bände. „Es wird alles immer schlechter, aber wir verhindern es, indem wir die Gegenwart festhalten.“ „Es wird?“ Sie sah mich irritiert an. „Nein, Sie jagen mich nicht ins Bockshorn – Sie nicht! Das ist ein Vorgang, der im Gegenwärtigen stattfindet, ein Werden, und das ist immer im Jetzt. Sie werden…“ Sie verstummte. Offenbar hatte die Zukunft sie eingeholt.

„Wie können Sie eigentlich so sicher sein“, begann ich, „dass kein unvorhergesehenes Ereignis Ihre Zukunftsplanung zerstört?“ „Es gibt keine unvorhersehbaren Ereignisse“, zischte sie zurück. „Wenn man einen guten Kompass hat, ein klares Wertesystem, dann kann man jede Richtung…“ „Und Naturereignisse?“ Sie glotzte mich an. „Uns passiert kein Naturereignis“, stammelte sie, „das ist hier nicht möglich.“ „Weil sie sich noch nicht angekündigt haben?“ Sie brachte kein Wort heraus. „Ich vergaß, Erdbeben haben ja jetzt Präsenspflicht in Deutschland.“ „Es wird nichts schlechter“, biss sie sich mühsam heraus, sichtlich verzweifelter als zuvor, „es kann nicht schlechter werden.“ „Das könnte sogar stimmen“, antwortete ich, überrascht von meiner eigenen Härte. „Sehr viel schlechter kann das alles ja nicht mehr werden.“ „Sicherheit“, sprudelte sie hervor, „die Sicherheit, dass es so ist, wir sind uns völlig sicher, die Gegenwart ist…“ „Ja, die Gegenwart. Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hole ich der Königin ihr Kind. Dass daraus nichts wurde, sollte sich bis zu Ihnen herumgesprochen haben.“ „Ich verstehe etwas davon.“ Sie drehte den Stift in den Händen wie ein Messer. „Früher, also vor dem hier, bin ich Lehrerin gewesen.“ Sie stutzte. Und verlor die Nerven. „Bin ich! Ich bin!“ Sie fiel auf die Tischplatte. „Bin jetzt, dass ich die Gewesene, das bin ich jetzt! heute!“ Ich stand auf. „Nur im freien Fall ist die Richtung mit einiger Sicherheit vorauszusagen.“ Und ich schloss die Tür hinter mir.





Ins eigene Fleisch

7 08 2013

„Veggie Day!“ „Ja und?“ „Meine Güte, Veggie Day!“ „Was wollen Sie denn?“ „Also ich fand’s gut.“ „Jo.“ „Das nenne ich Potenzial.“ „Aber ich bitte Sie – Veggie Day! Einen drei Jahre alten Schmarrn auszugraben, das ist doch grenzdebil!“ „Was wollen Sie eigentlich? Worüber hat denn die Öffentlichkeit diskutiert, über die NSA und dieses Terrorkasperletheater oder über den fleischfreien Tag in der Kantine? Na?“

„Ich möchte solche Vorschläge ab sofort nicht mehr hören.“ „Aber etwas Besseres haben Sie auch nicht auf Lager.“ „Wir können doch die Wähler nicht mit solchen Lappalien…“ „Lappalien? haben Sie die Diskussion überhaupt verfolgt?“ „Zur besten Feriensaison!“ „Alle Heimwerkermärkte voll mit Gartengrills, und Sie wollen uns hier erzählen, der durchschnittliche Deutsche verzichtet einen Tag lang auf sein Schnitzel?“ „Aber das hält doch nur für einen Tag an.“ „Ja und?“ „Man müsste doch etwas in die Presse bringen, was die Leute wirklich schockt.“ „Sie meinen, wo er sich in seinen Lebensgrundlagen getroffen fühlt und instinktiv rebelliert?“ „So in etwa.“ „Autobahnmaut.“ „Boah, hat das einen Bart!“ „Echt, damit locken Sie doch keinen mehr hinter dem Ofen hervor.“ „Da fangen die Leute doch schon aus Verzweiflung an, über die Drohnen von de Maizière zu diskutieren.“ „Hm, naja. Okay. Gut. Suchen Sie weiter.“

„Vielleicht irgendwas mit Feminismus.“ „Diese Flexi-Quote.“ „Oder Frauen in die Aufsichtsräte.“ „Kann man nicht einfach Frauen genauso bezahlen wie Männer.“ „Ich zahle für meine Frauen schon eine ganze Menge, so viel würde ein Mann von mir nie bekommen.“ „Hähähä!“ „Sie waren auch schon mal niveauvoller.“ „Aber damit fühlt sich doch kein Deutscher bevormundet.“ „Aber hier, eine Frau als Chef? Ist das nicht völlig gaga?“ „Merkel ist auch eine Frau.“ „Echt?“ „Gut, dass wir mal darüber geredet haben.“ „Vielleicht irgendwie in Richtung Familienpolitik.“ „So eine Art Prämie, die Eltern bekommen, wenn sie ihre Kinder nicht in die Kita schicken.“ „Hä?“ „Klingt ja total unlogisch.“ „Das ist doch Blödsinn.“ „Eigentlich nur nicht richtig durchdacht, oder?“ „Ja und?“ „Schnapsidee.“ „Eben, damit kriegt man gerade vor den Wahlen die meisten Leute auf die Barrikaden.“ „Und wm schieben Sie das in die Schuhe?“ „Ich dachte, wenn die Schröder…“ „Die hört doch jetzt sowieso auf, der kann man das nicht auch noch unterjubeln.“ „Dann erzählen wir halt, dass sie weitermacht.“ „Nicht! Bitte nicht!“ „Sie sollen die Wähler auf die Palme bringen, kapiert? Von panischer Angst hat keiner was gesagt!“

„Sozialleistungen streichen?“ „Wo ist da der Nachrichtenwert?“ „Stimmt auch wieder.“ „Und wenn wir den Soli nur im Osten kassieren und nur im Westen auszahlen?“ „Dann denken die Leute, jetzt sind sie aus Versehen bei klarem Verstand. Können Sie knicken.“

„Heureka! Ich hab’s!“ „Dann schießen Sie mal los.“ „Mehrwertsteuer!“ „Mehrwertsteuer?“ „Ja, das ist doch der absolute Knaller!“ „Hören Sie mal, das haben Sie wohl nicht ganz verstanden. Wir wollen keine Lachnummer, das hier ist eine ernste Angelegenheit.“ „Aber deshalb doch gerade – eine Mehrwertsteuererhöhung! Na!?“ „Ich finde das nicht so toll.“ „Man könnte es mal probieren.“ „Ja und?“ „Das ist doch Wahnsinn! Keine Partei würde vor der Wahl eine Mehrwertsteuererhöhung für den Fall der Regierung planen. Keine!“ „Aber ich dachte, wenn vielleicht die SPD doch mit der CDU…“ „Keine.“ „… oder umgekehrt…“ „Keine!“ „Aber hier fühlt sich doch der Bürger als erstes angegriffen, das ist ein Szenario, das Wut und Angst und Verzweiflung hervorruft.“ „Sicher?“ „Ich weiß nicht.“ „Nee, irgendwie nicht.“ „Ja und?“ „Gut, dann nicht.“ „Leute, ich will Ergebnisse sehen. Ergebnisse! Die Leute reden sonst noch über den Mindestlohn!“

„Oder hier, Hotelfrühstück.“ „Hm.“ „Aha.“ „Ja und?“ „Ist das nicht abgefahren?“ „Klären Sie uns freundlicherweise auf, was Sie meinen?“ „Dass man die Mehrwertsteuer…“ „Nicht schon wieder!“ „… dafür herabsetzt.“ „Und das bringt genau was?“ „Dann haben die doch mehr Umsatz.“ „Wieso? Frühstückt dann jeder zweimal?“ „Nein, aber man kann doch für das Geld, das man weniger ausgibt, da kann man das doch mehr ausgeben.“ „Im Hotel?“ „Nein, aber…“ „Und was bringt das dann den Hoteliers?“ „Das ist doch nur ein Beispiel!“ „Und warum sollten wir das in der Presse aufblasen?“ „Das ist doch ein Geschenk, verstehen Sie?“ „Für wen?“ „Naja, für die, die es eh nicht mehr nötig haben.“ „Und was ist daran jetzt neu?“ „Dass das alles auf Kosten der Steuerzahler ist.“ „Und darüber soll sich einer aufregen?“ „Aber…“ „Ich will jetzt endlich einen vernünftigen Vorschlag hören! Einen! Zackig!“

„Wir melden, dass der Strom teurer wird.“ „Das ist keine Nachricht.“ „Dann melden wir, dass der Strom teurer wird, weil er für die Industrie billiger wird.“ „Sie meinen über Subventionen?“ „Ja und?“ „So blöd wäre keine Partei.“ „Die schneiden sich doch ins eigene Fleisch.“ „Hihi, er hat Fleisch…“ „Schluss jetzt mit diesem Veggiescheiß!“ „Ich meine ja nur.“ „Schluss!“ „Und dann könnten wir noch schreiben, dass die das für alle machen, die die Subvention beantragen, auch für solche, die das eigentlich gar nicht brauchen, und dass das total teuer wird. Und total ungerecht.“ „Das macht keine Partei. Nicht so kurz vor der Wahl.“ „Ich denke sogar, dass das keine Partei kurz nach der Wahl machen würde.“ „Schleimer!“ „Unsinn, das bringt’s einfach nicht. Wir müssen etwas nehmen, das viel direkter in den Schutzbereich der Menschen, ich meine, das muss die Leute echt fertig machen! So ein soziologischer Weltuntergang!“ „Bitte, was!?“ „Die psychische, und damit meine ich auch die angstbesetzte, also wenn die reagieren, dass das so, ich meine…“ „Gibt es das vielleicht auch mal im Klartext?“ „Sie meinen, die Deutschen sollen so reagieren, als wenn man ihnen einredet, die Grünen wollten ab sofort Fahrradhelme zur Pflicht…“ „Ja! Ja! Halleluja! Jawoll! Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin – Herrschaftszeiten, das ist es! Hallo, Chefredaktion? Wir haben die Headline!“





Alternative Methoden

6 08 2013

Anne schloss das Fenster, das heißt: sie versuchte es. „Das Ding lässt sich nicht mehr hochdrehen“, schrie sie, während sie übergangslos das Gaspedal durchdrückte und auf 310 Kilometer in der Stunde beschleunigte. „Ich hasse es, wenn ich mein Auto nicht mehr unter Kontrolle habe.“

Üblicherweise warte ich immer, bis sie mit 180 in die Ausfahrt abbiegt. Dann öffne ich zaghaft die Augen, weil ich mir einbilde, man solle mit einem letzten Blick auf diese Welt dieselbe verlassen. Diesmal jedoch war es nicht das hakende Doppelkupplungsgetriebe, das Navigationsgerät mit der Stimme von Til Schweiger oder der falsch justierte Duftbaum. Die Druckluft bollerte gegen mein rechtes Ohr. „Kannst Du für diese paar Minuten nicht ausnahmsweise mal den direkten Weg nehmen?“ „Das wären drei Minuten mehr“, brüllte sie zurück. „Das geht über die Stadtautobahn viel schneller.“ Dass Anne gerne diskutiert, merkt man schnell. Dass sie dies auch beim Fahren mit schwungvollen, beidseitigen Armbewegungen unter Beweis stellt, führt unmittelbar zu klaren Entscheidungen. Beispielsweise zum Entschluss, nie mehr wieder ein Kraftfahrzeug zu benutzen, bis auf den Kombi, in dem man nichts mehr von der ganzen Fahrt merkt.

„Pass auf“, instruierte sie mich. „Ich habe keine große Lust, heute wieder alles zu erklären. Im Zweifelsfall rede ich mir den Mund in Fransen, weil ich eine Frau bin, und Frauen verstehen nun mal nichts von Autos, und dann erzählen sie Dir, was los ist, und Du verstehst noch weniger von Autos. Halt einfach die Klappe, ja?“ Ich schwieg. Selbstverständlich hätte ich etwas antworten können, aber sie wollte es ja nicht. „Das ist mal wieder typisch“, knurrte sie. „Kaum sagt man einmal ein Wort, kommt von Dir natürlich nichts mehr. Typisch Mann!“

Der Mechaniker klappte die Motorhaube hoch und verzog sofort schmerzvoll das Gesicht. „Das wird teuer“, sprach er bedeutungsschwanger. Anne wies ihn vorsorglich darauf hin, dass es sich um den Fensterheber handelte, ich gab ihm zu verstehen, dass die ganze Angelegenheit sowieso auf Garantie lief. Er murmelte etwas wenig Höfliches und hatte plötzlich viel wichtigen Papierkram zu erledigen, weshalb wir uns recht ausgiebig in der Werkstatt umschauen konnten. Wenige Augenblicke später – die Westsonne schien schon golden durch das Dachfenster – fragte uns ein junger Mitarbeiter, ob wir nicht vor drei Tagen schon einmal da gewesen seien. „Wenn ich es mir richtig überlege“, gab ich zurück, „dann sind wir vielleicht schon seit drei Tagen hier.“ „Warten Sie, unser Service ist gleich da“, dienerte er und ging ab. Immerhin hatte er nichts Falsches gesagt. Der Service würde schon irgendwann vorbeikommen. Wir warteten halt in der Zwischenzeit.

Da fiel mein Blick auf das Schild an der Wand. Es versprach eine ganzheitlich Autodiagnose nach Chi-Prinzipien. „Diese Ente“, stammelte ich, „ist das nicht die von Sigune?“ Anne biss sich auf die Unterlippe. „Dann hatte sie also doch recht.“ Meine esoterische Nachbarin. Warum musste ausgerechnet sie ihr diesen Tipp geben. „Sie hat mir neulich die Karten gelegt, ob ich das Revisionsverfahren um die Bohrschleck-Verträge bekomme. Es muss etwas meine Aura gestört haben.“

Der Praktikant reichte ein Formular herüber. „Haben Sie vorher die Spur ausgependelt? Ich meine nur, dann kostet das nichts extra.“ „Wir befinden uns in der Klapsmühle“, befand ich tonlos. Anne wühlte in ihrer Handtasche. Das Ergebnis einer offiziellen Auspendelung tauchte allerdings auch hier nicht auf. „Vielleicht magnetisieren Sie hier Dein Benzin“, überlegte ich. „Stell Dir vor, Du fährst immer hinter einem schnellen Wagen her, wirst durch Deinen magnetischen Tankinhalt angezogen und sparst jede Menge Sprit.“ „Das ist nicht witzig“, knurrte sie. „Oder sie stecken Hopi-Kerzen in den Auspuff. Oder sie wuchten den Wagen mit Klangschalen aus. Man kann es ja nie wissen.“ „Lass es einfach“, raunzte sie zurück. „So ein Auto ist doch auch nur ein Mensch“, verteidigte ich mich, „und was man bei Menschen ausprobiert, kann doch beim Auto auch helfen? Warum nicht mal alternative Methoden?“

Der erste Reparateur hatte sich wieder vor den Wagen gestellt und würdigte ihn mit kritischem Kennerblick. „Haben Sie ihn auch ganz vollgetankt? Wenn Sie ihn nämlich nicht ganz vollgetankt haben, fährt er möglicherweise nicht so schnell.“ Anne reagierte vernünftig; sie schaute ihn an wie einen Vollidioten. „Oder wir könnten erst das Scheibenwaschwasser mit Schüßler-Salzen…“

Da warf sie sich mit einem Schrei auf den Mechaniker. Mit der Linken hatte sie sich in seinen Stirnlocken verkrallt und schlug seinen Hinterkopf rhythmisch gegen die Fahrertür. „Fensterheber“, gurgelte Anne, „Du Blödmann reparierst jetzt den Fensterheber! Sofort! Fensterheber! Reparieren!“ Ich klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. „Sie sollten ihr besser gehorchen“, informierte ich die Fachkraft. „Wenn sie plötzlich schlechte Laune bekommen sollte, dann kann ich sie nicht mehr zurückhalten.“ „Ich kann das nicht“, stammelte er. „Ich bin Heilpraktiker und helfe hier nur aus.“

Das Fenster ließ sich nicht mehr öffnen. Es ließ sich immerhin schließen, aber nicht mehr öffnen. „Genau einmal werde ich eine homöopathische Werkstatt noch aufsuchen“, fauchte Anne, und damit war alles gesagt. Sie trat das Gaspedal ganz durch, während sie auf der Stadtautobahn in Richtung Norden jagte. Wie gut, dass sie nichts bezahlt hatte. Obwohl vielleicht auch das schon zu viel gewesen war.





Zu heiß

5 08 2013

„Rößler? Weishaupt hier, sagen Sie: haben Sie das verbockt? Was, Sie haben das gar nicht gelesen? Da steht’s doch, laut und deutlich, auf dem Sendeplan heute: 20:15, Brennpunkt. Gerade eben. Hausmitteilung. Ja. Nein! Ja, natürlich ist das nichts Ungewöhnliches, das wird immer angekündigt in der Hausmitteilung, aber hier steht halt bloß: Brennpunkt. Sonst nichts. Wissen Sie vielleicht, worum es geht? Aha, auch nicht.

Also ich habe ja keine Ahnung, wer hier in den Sendeplänen herumkorrigiert, aber es muss echt sein. Wurde jedenfalls so abgezeichnet. Nein, kann ich nicht entziffern. Aber dass es abgezeichnet wurde, das reicht hier aus. Da sind wir auch nicht besser als das Bundesverteidigungsministerium.

Ja, Euro geht natürlich immer. Oder Krise oder so. Aber ich glaube, das ist kompliziert. Das können wir nicht. Nein, die Wirtschaftsredaktion kann das auch nicht, aber die sind die Wirtschaftsredaktion, und die dürfen das machen. Aber die machen keinen Brennpunkt. Sonst müssten die alle drei Tage einen machen, so, wie die Regierung gerade die Krise bekämpft. Klima? Ja, das klingt vernünftig. Nee, halt. Geht doch nicht. Wir habe ja keinen aktuellen Aufhänger. Keine Konferenz, bei der irgendein wichtiges internationales Protokoll auf der Spitzenebene beraten und dann doch nicht beschlossen wurde, weil die Ölindustrie keinen Bock hatte. Könnte man machen. Schreiben Sie sich das mal auf, Rößler. Wenn wir demnächst zu viel Zeit haben, können wir schon mal Material suchen.

Nein, das geht nicht. Ich würde ja auch gerne eine Sendung über die Flutopfer machen oder über das Erdbeben in Haiti, aber das muss dann auch am passenden Jahrestag sein. Richtig, die aktuelle Flut ist noch die aktuelle, und deshalb muss die erst – wie gesagt, nächstes Jahr. Sonst ein schönes Thema, fragen Sie doch mal in der Abteilung Features nach, vielleicht machen die kurz nach der Wahl noch mal einen investigativen Film. Nach der Wahl, nicht davor. Wenn Sie ihn davor machen, wird es entweder kein Film oder nicht investigativ.

Wenn Sie schon Archivmaterial sichten, dann könnten Sie doch auch gleich etwas über Geburten im englischen Königshaus machen. Oder allgemein in europäischen Königshäusern. Oder allgemein über die europäischen Königshäuser. Der größte Teil vom Brennpunkt hat ja eh nichts mit dem Thema zu tun und besteht immer aus irgendwelchen Wiederholungen, also sollten wir den irgendwie durchkriegen beim Chefredakteur. Haben Sie noch diesen Film über diesen Dackel von dieser Königin, ich weiß nicht mehr, welche, aber sie hatte diesen Dackel. Sie können ja erstmal irgendwas über Dackel zusammenstellen. Oder über Königinnen. So groß ist der Unterschied ja nicht.

Nein, das halte ich für keine gute Idee. Schauen Sie, Rößler, wenn sich herausstellen sollte, dass Pofalla gelogen hat, also vorsätzlich und vor dem Untersuchungsausschuss, dann ist das schlimm, aber dafür machen wir doch keine Sondersendung. Wir machen doch auch keine Sondersendung, wenn Westerwelle ein Mikrofon sieht und hirnverbrannte Scheiße von sich gibt. Wir würden doch zu nichts anderem mehr kommen. Überhaupt, Politik – dafür lohnt sich doch kein Brennpunkt. Ein Brennpunkt, das sind die emotionalen Ereignisse, die die Menschen wirklich interessieren, die großen Geschichten, die das Leben schreibt, menschliche Tragödien, Drama! Mehr Drama! Aber was hat denn Politik davon? Das sind ein paar Sackpfeifen, die so beschissen Jura studiert haben, dass es nicht mal zum Abmahnanwalt reicht. Das will doch keiner sehen.

Diese Doping-Sache, nee. Ich weiß ja nicht, ich weiß ja nicht. Das sollte doch vor der Wahl auch noch nicht raus, weil dann alle wieder denken, die Regierung hat das bestimmt alles gewusst, wie das mit den Amerikanern, und dann haben sie wieder nichts unternommen. An sich ein gutes Thema, finde ich auch. Wir könnten irgendeinen Experten befragen, ob wir die Weltmeistertitel 1954 und 1974 zurückgeben müssten, das wäre doch mal was. Lebt denn der Zwanziger noch? Fände ich echt mal gut. Aber wie gesagt, nach der Wahl.

Was hat der gemacht? Wagner? Gut, ich kann mit dem Castorf auch nichts anfangen, aber rechtfertigt das einen Brennpunkt?

Natürlich ist das kompliziert, also jetzt nicht nur der Wahlkampf und Berlusconi und das mit den Drohnen, und der Papst hat ja nur gesagt, dass er die schwulen Priester nicht mehr diskriminieren will, aber vielleicht nennen die das jetzt einfach anders. Ich weiß es doch auch nicht! Das gibt ja alles nichts her, und wenn wir über Snowden eine Viertelstunde, oder doch nicht – dann doch lieber über Doping. Da sind wenigstens alle sauer.

Ach was, ich bin schuld!? Jetzt bin wieder ich schuld, weil ich Sie zu spät angerufen habe, weil Sie ihre Hausmitteilungen nicht lesen! Großartig, das löst das Problem ja sofort! Danke auch, Rößler! Es ist doch zum Weglaufen – warum machen wir nicht einmal eine Sondersendung über diesen Sender? Ernsthaft, dieser verfluchte Katastrophenjournalismus – dabei ist die größte Katastrophe hier der Journalismus selbst.

Hallo? Aufgelegt. Na danke. Was mache ich denn jetzt? Ich kann doch nicht einfach die Wettervorhersage umbenennen?“





Bau ab, bau ab

4 08 2013

Nämlich das Wir, das gerade als SPD wahlkämpft. Das will endlich den gesetzlichen Mindestlohn für Gebäudereiniger. 8,50 Euro, die grausame Nacht hat ein End. Blöd nur, dass die meisten Betriebe jetzt schon 9,00 Euro zahlen. Den Mindestlohn, den es nach der Partei der Bescheidwisser gar nicht gibt. Es darf jetzt gerätselt werden, ob die SPD für eine bess’re Zukunft ihren Laden zugrunde richtet oder ob es sich beim angekündigten Sozialabbau um ein Versprechen in der Tradition der Agenda 2010 handelt. Die restliche Lyrik ohne FDJ-Bestandteile wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • hausdurchsuchung braunbrustigel: Bei Weinbergschnecken macht’s ja mehr Spaß.
  • lavendelräucherstäbchen gegen flöhe: Meine halten die immer total schräg.
  • waldführerschein vorlagen: Sinnvoll. Bevor Sie noch mit einem anderen Wald zusammenstoßen.
  • vögel arbeitsauftrag brainstorming: Die Biester sind meist unkonzentriert.
  • wer weis was berufskrankheit postzusteller: Rechtschreibschwäche.
  • emigrationshintergrund: Sie sind auf der Flucht?
  • briefgeheimnis bei vorzimmerdamen: Da sitzen Frauen. Die kriegen alles raus.
  • star trek ausmalbilder: Anfänger malen bei Spock immer über die Ohren.
  • dosendrücker: Haben Ihnen die Scientologen wieder Partyspiele beigebracht?
  • gläserner globus: Sie wollen die Radieschen von unten betrachten?
  • krautwickel bei alopezia: Wollen Sie dann nicht lieber Sauerkraut versuchen?
  • legale schutzwaffen: Zum Beispiel ein CDU-Mitgliedsausweis.
  • elektrisch betriebener kirschentsteiner: Der lässt sich auch viel leichter sauber halten als eine Büroklammer.
  • beerenentkerner: So kleine Büroklammern haben Sie?
  • kleine schweinebilder aus facebook: Schlagen Sie mal unter Viehzucht nach.
  • in dämmung schrauben reindrehen eindrehen verboten: Da kommt ja dann die ganze warme Luft durch.
  • büttenrede nachbar: Und im Karneval wird’s noch schlimmer.
  • rippenprellung anatomie: Meine sind ja immer eher so psychosomatisch.
  • nihilister wahn: Was es alles nicht gibt.
  • rote herzwand lampe von ikea in hessen: Falls Sie mal eine Herzkammer beleuchten müssen.
  • mindenstens haltbar: Glück gehabt.
  • aktuelle malerpreislist berlin: Sie nennen es Mehrwertsteuer.
  • wohnung in deutschland zum verkauf von inhaber: Lassen Sie mich raten, er will auch noch Geld dafür?
  • mutterlaut: Man nennt das so, weil darin die Väter nicht zu Wort kommen.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CLIII)

3 08 2013

Herr Kreuger, der suchte in Handen
den Fleck, um sein Flugzeug zu laden.
Es flog und es kreiste.
Vom Sprit war das meiste
verbraucht, als den Flieger sie fanden.

Giovanni, der duscht in Triest
mit dem, was das Dach so durchlässt.
Ein Hebelchen schließt, was
sich davon ergießt. Das
ging schief. Jetzt ist er ganz durchnässt.

Frau Ekelöf lauschte in Töre –
doch was, fragt man sich, dass sie höre?
Ihr Fernsehhandwerker,
der dreht alles stärker.
Dabei hört sie schon Zehn Tenöre.

Emilio, der in Tamboril
sein Geld verdient mit Pokerspiel,
der trägt’s – zum Verbrennen –
meist zum Pferderennen.
Er hat dadurch gar nicht mehr viel.

Es dichtete Dagmar in Eda
recht rhythmisch, doch mit falscher Feder.
Bei Sonett-Quartetten
war nichts mehr zu retten,
auch nicht das Gedicht vom Dromedar.

Safija, die trägt in Nalut
ein rotes Kleid. Das steht ihr gut.
Dann Schuhe, ein Tütchen,
doch ein rotes Hütchen,
das nicht. Dazu fehlt ihr der Mut.

Herr Franson, der fürchtet in Kallinge,
wenn er auf dem Bootssteg ’nen Aal finge,
dass er ob der Nässe
sich legt – die Noblesse
gebietet: dass dies ihn zu Fall bringe.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCVI): Der Jägerzaun

2 08 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schön war’s im Mittelalter, wenn der Spielmann schalmeiend und drehleiernd über die Dörfer zog, stets ein Liedlein auf den Lippen, so Feinsliebchen aus dem Fenster schauen mochte. Da tönte wohl manch feine Weise über den Anger, und mancher Landmann wiegte sich im Tanz. Aber wehe, der Knilch langte auch nur mit einem Arm über die Hecke. Da zückte der Hausherr flugs den Meinungsbeschleuniger, Eiche rustikal, und nahm die Freundlichkeiten späterer Jahrhunderte vorweg. My Home is my Castle, wie der geneigte Brite die Lage zu benennen pflegt, und die Freude am körperlichen Ausdruck zuungunsten Dritter bricht sich entlang der Besitzverhältnisse in ungeahnter Geschwindigkeit Bahn. Das alles, und das alles noch vor der Erfindung des Jägerzauns.

Scherenförmiges Altholz markiert das Ende einer Welt. Für unbedarfte Besucher günstig wären Warnschilder, doch auch das Raubtier steht ohne Blinklicht in der Savanne und spricht für sich. Hier muss der Beknackte, wild oder zivilisiert, seinen Instinkten vertrauen, um nicht niedergestreckt zu werden, und hört er schon die Kugeln pfeifen, so gilt es Wagemut und kühlen Kopf, alternativ intakte Fluchtreflexe, sonst ist der gesellschaftliche Tod nicht mehr fern. Schließlich hat der Eindringling das Hausrecht des Ansässigen verletzt, und welche Gesellschaft würde den Fremden nicht für alles verantwortlich machen.

Die einst gegen Wildverbiss um die Hütte geschwiemelte Billigbarrikade spiegelt zutiefst den vernagelten Bürger wider, der sich gegen die Übergriffe des vom Adel eigens gezüchteten, wenn nicht ausgesetzten Trophäenmaterials zur Wehr setzte. Die Elite verlustierte sich beim Wegknallen der Häschen, der Bourgeois durfte sich mit dem Rest herumärgern. Völker mit mehr Arsch in der Hose regeln die Angelegenheit qua Revolution, der gemeine Spießbürger verleiht der Sache einen gleichsam religiösen Überbau, stellt sich in den Mittelpunkt und spielt selbst Zwergstaat, wie er es aus der Geschichte kennt. Eigene Gesetzgebung, Fahne und Briefmarken wären ihm am liebsten – cuius regio, eius religio – und hat er schon dies gleich nicht, stellt er Kanonen an die Grenze. Das phylogenetisch säuberlich ausgebaute Revierverhalten gerinnt zu einer Art Selbstjustiz, die den kategorischen Imperativ ad absurdum führt.

Eklatant wichtig und ganz im Gegensatz zum Maschendraht, der die eigene Grasnarbe für den heimischen Nager einfriedet und die fällige Flucht verunmöglicht, ist der Jägerzaun das trennende Element, das trotzdem und erst recht provoziert, damit das Leben nicht ohne gerechte Kriege vorbeizieht. Das in die Fauna gebolzte Objekt gibt vordergründig zu erkennen, dass sein Besitzer das also umspannte Stück Lehen als hortus conclusus begreift, das Wunschbild eines jeden friedlichen Menschen, der aus gelebter Paradoxie dann um so folgerichtiger die Parzelle mit Brandmauern und Stacheldraht bewehrt, weil er weiß, dass draußen alles Feind sein könnte, wenigstens in der Theorie. Es geht nicht um die drei Grashalme, die versehentlich durch die Latten wachsen, es geht ums Prinzip, um Äste, die den Luftraum verletzen, Hochleistungsgeräuschhunde im Dauereinsatz (der eigene Hund macht keinen Lärm, der bellt nur) und Wäsche, die nicht der Gemeindesatzung entspricht, wenn sie kirchlichen Feiertagen zum Trotz mit einem einfachen Fernglas sichtbar auf der Leine hinter dem Haus hängt. Alles dies hält nur das Gatter wirksam zurück, und fallen doch vereinzelte Lindenblüten auf den Rasen des Egomännchens. Sämtliche Waffen, Harke, Schippe und Amtsgericht, dienen ihm zur Durchsetzung der jeweiligen Wahrheit, denn hier geht es ja nicht um Gänseblümchen oder den zwei Minuten zu lange in Betrieb gehaltenen Rasensprenger. Es handelt sich um die Hauptaufgabe, die der Kampf der Kulturen mangels mutiger Helden nicht recht in Angriff genommen hat; es geht darum, Lebensentwürfe gegeneinanderzustellen, die einander scheinbar nur brauchen, um ihre Unterschiede zu betonen. Alles, was der Jägerzaungast dem Herrenmenschen hinter der Vollpfostenreihe zuzumuten sich untersteht, ist Angriff auf Menschenwürde, ewiges Gesetz, schlimmer noch, meist ist es mit der nationalen Tradition nicht in Einklang zu bringen. Ein Land aber, das derlei Anfeindungen mit lauer Defensive beantwortet, schafft sich sicher schon selbst ab. Kein Mitleid, wenn der Besucher sich in den Pflanzenwuchs einmischt, solange er in Griffweite über der Grundstückseinfassung steht.

Was übrigens das Gras an der Vorderfront angeht, das unterhalb des Jägerzauns auf den öffentlichen Grund wuchert, sekundiert von Unkraut und manisch in die Breite schwellendem Bodendecker, das wird nicht diskutiert, wenigstens nicht von dem Bekloppten. Das würde ja die Auseinandersetzung mit der Außenwelt bedeuten, und was das mit dem Arsch in der Hose betraf, das ist seit der Revolution abgehandelt. Bitte weitergehen. Hier gibt es nichts zu sehen.