Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXI): Das Leben im Freien

6 09 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jahrtausende zwischen Mensch und Material, von Mentalität zu Mentalität – hier der Steppenläufer, der sammelte und jagte, sich nass regnen ließ und aufmerksam zusah, wie ein leichter Wind sein mühsam geflochtenes Blätterdach in alle Einzelteile zerlegte, dort aber der Troglodyt, der am Abend vor die Mündung der Höhle trat, den Müll über die Klippe kickte und windgeschützt pennte, nachdem er sich ein Stündchen an Felsmalerei und Gleichniskunde gelabt hatte. Mit dem Dach über der einstweilen noch minimal ausgestatteten Rübe wuchsen nicht nur die Bedürfnisse des Hominiden, auch sein Intellekt nahm an Fahrt auf und fand die eine oder andere Maßnahme, die Bedürfnisse zu befriedigen. Seither spielt sich die Geschichte der Zivilisation in geschlossenen Räumen ab. Aber es gibt ja auch außerzivilisatorische Bewegungen, wie uns heute der Blick in die Umgebung lehrt. Sie leben so weit wie möglich im Freien.

Nicht jene ohne Obdach, nicht die Fahrenden oder die übriggebliebenen Wanderprediger des Mittelalters machen sich in den Fußgängerzonen, in Stadtparks und an öffentlichen Gewässern breit, sondern die Schnitzelkinder des Konsumismus. Als hätte man sich nicht an die tippelnden Tussen gewöhnt, die ihren Plörre-mit-Süßstoff-Pladder im ozonlöchernden Styroporbecher übers Pflaster verlasten, an die öffentliche Beschallung mit Gewummerwänden aus Henkelmännern asiatischer Provenienz. Sie erledigen ihre komplette Existenz in der Innenstadt, vom Mobiltelefonat über die Sitzreservierung für den Zug nach Nirgendwo bis zum Kaloriennachschub aus der Resteverwertung an der Straßenecke. Offenbar hat Muttchen sie bis abends an die frische Luft gesetzt und vergessen, ihnen den Schlüssel über die Birne zu stülpen.

Hier hockt der Endgerätnutzer mit dem Elektrobuch auf dem Betonflausch der City, als sähen in seiner Bude nicht genug Bekloppte zu (oder wären nicht hinreichend überzeugt, dass er auch lesen könne), da vollzieht sich coram publico ein Akt der Beziehungsanbahnung, Mütter nehmen samt Zubehör die Sitzgelegenheiten in Beschlag, um ihren Säuglingen die Brust und ein abstoßendes Beispiel zu geben. Zwischen die Ritzen der Distinktion schwiemelt sich der verrohende Brei der Regression, die den rückstolpernden Schritt zum Primaten vollzieht, der sich in arteigener Schamlosigkeit nichts vorzuwerfen hat, da seinesgleichen keine Landtage wählt, Fahrzeuge lenkt oder Kernkraftwerke betreibt.

Dass der mediterrane Mensch sein Leben auf dem Dorfplatz verbringt, wahlweise auch in der urbanen Abgaszone, ist zu gleichen Teilen seiner Tradition geschuldet wie auch dem Umstand, dass es im Süden schon vor der Klimakatastrophe im Mittel mehr Sonnentage gab. Dass man das Pleinair der Latiner besser verkraftet als den Teutonen in Trekkingsandalen, liegt sowohl an der mangelnden Leggierezza des Bundesfreizeitverbringers als auch an seinen Manieren. Er ist der formunschön in bunte Ballonseide verdrillte Speckulant, der dem Strandnachbarn, dessen Dialekt ihn stört, sofortige Zerstörung der Sandburg androht, mindestens aber vollinhaltliche Ignoranz. Der Grieche sitzt im Freien, weil er es kann; der Sauerländer, weil er meint, dass er es wollen muss.

Und so macht eine erhebliche Unlässigkeit den Anblick des Querkämmers aus, sein von beige bis brechdurchfallfarben getöntes Funktionstextil, der Hitlerjungenchic seiner Vielzweckwerkzeuge, mit denen er en passant ganze Gemarkungen in Grund und Boden sägt, weil das so im Versandhauskatalog steht, die rechtwinklige Attitüde des kollateral an der Gesellschaft beteiligten Bescheuerten. Er wäre so gerne hip, wie er sich auf dem Weg zum Bus ein Wegbier reinpfeift, und ist doch nur im Schmuddel angekommen, wohin es den Deppen nun mal zieht, wenn er das tägliche Training für den aufrechten Gang nicht mehr ernst nimmt. Anders als Camping oder der Grillabend, jene Rituale, in denen die Verwahrlosung als Erholung vom Alltag zelebriert wird, greift lediglich das Diktat der allgemeinen Verfügbarkeit in das Dasein der Vorzeigeturner ein. Sie checken auch unter Wasser ihre Mails, saufen sich schnell zwischen zwei Meetings zu und demonstrieren in ihrer Verblendung, dass sie dem Fetischismus der Allzeitbereitschaft zur Freiheit treu auf den Leim gegangen sind, Helden auf Rabattmarken, die einfach gerne funktionieren. Doch vielleicht ist das alles nur der Reflex der Erderwärmung, die bald den Asphalt aufkocht und die Gehirne durchbrutzelt. Wir werden unser Leben unter Aluhüten und Sonnenschirmen verbringen, bis der Meeresspiegel die Strandlinie auf die Kölner Domplatte verschiebt, schmerzbefreite Mitläufer des erodierenden Systems. Sollten wir es versauen, dann treffen wir uns um halb zwölf in der Savanne wieder. Zum Grillen. Mit etwas Glück ist einer dabei, der weiß, wie man Höhlen baut.