Kriechspiele

9 09 2013

„Sehr schön. Runter mit dem Kopf. Ganz runter. Tiefer. Noch tiefer. Noch tiefer. Sehr schön. Und jetzt ganz langsam zur Seite kippen. Hervorragend. Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen, Herr Westerwelle.

Wir machen dieses Yoga ja schon länger. Seit vier Jahren. Inzwischen geht’s auch ganz gut. Er hat seine Lektion gelernt und setzt sie konsequent um. Schauen Sie sich mal sein Syrisches Kamel an. Wie aus dem Bilderbuch. Er kann inzwischen aus jeder, ich wiederhole: aus absolut jeder Position umfallen. Wirklich perfekt. Und sehr zuverlässig.

Kinn am Boden lassen. Jetzt den Hintern anheben und dabei das Rückgrat ganz durchbiegen, Herr Westerwelle. Weiter. Weiter. Noch weiter. Ganz durchbiegen. Sehr schön. Die Starke Antwort können Sie, Herr Westerwelle. Hat zwar etwas gedauert, aber das lag ja nicht daran, dass Sie es nicht wollten, oder? Mutti hat’s Ihnen erst jetzt erlaubt. Und noch tiefer runter. Und noch tiefer. Sehr schön. Mutti kann stolz sein auf Sie.

Wir hatten ja so unsere Anfangsschwierigkeiten. Er wollte immer seine eigenen Übungen machen. Den Hysterischen Höckerschwan. Den Berliner Brüllaffen. Richtig, es sah albern aus. Und es führte auch zu nichts. Vernünftiges Yoga verleiht Kraft und hat nachweislich positive Effekte auf die psychische Gesundheit. Wie gesagt, wenn man es auch vernünftig macht. Aber er wollte halt nicht besonders effektiv sein, es sollte nur jeder staunen, dass er sich so toll verrenken kann. Ich weiß auch nicht, woher er das hat.

Man ist ja großem Druck ausgesetzt. Das muss man dann auch irgendwie kompensieren. Manche würden jetzt spezielle Atemübungen ausführen oder Baum-Yoga – aber in dem Kurs waren ein paar Grüne, und das wollte er nicht. So Übungen mit Energieaustausch. Wollte er einfach nicht. Und dann der Kurs für Kleinkinder. Da ist ihm Rösler immer über den Weg gelaufen, den hätte ich auch nicht mitgemacht. Also haben wir uns für eine ganz individuelle Methode entschlossen. Kriech-Yoga. Es kommt seiner natürlichen Körperhaltung sehr entgegen, wir riskieren weniger Verletzungen beim Aufwärmen, und die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Sehr schön. Jetzt die Hände ganz fest an den Leib und langsam weiterbewegen. Immer hier an der Markierung auf dem Boden entlang. Stellen Sie sich vor, dass das die Fünf-Prozent-Hürde ist, Herr Westerwelle. Sehr schön machen Sie das. Sehr schön. Sehr gut. Lieber Aal liegt Ihnen.

Außerdem spart das Kräfte. Beim Power-Yoga, da muss man richtig arbeiten. Haben Sie schon mal einen von der FDP arbeiten sehen? Eben. Dann kann ich meine Bude hier zumachen. Bekenntnis zur Wertegemeinschaft, Souveränität, Grundgesetz für Anfänger, Basteln mit Speckstein, können Sie alles an der Volkshochschule buchen. Wir haben uns halt auf andere Sachen spezialisiert und fahren ganz gut damit.

Da darf man jetzt aber nicht mit Taijiquan verwechseln. Das ist erstens chinesisch und zweitens ist es Kampfkunst. Und mit allen drei Sachen hat das hier nichts zu tun.

Den Herrn de Maizière hatte ich neulich mal. Probehalber. Es blieb aber dabei. Ich hatte das Gefühl, er würde das hier nicht ernst nehmen. Er hatte irgendwas von Kriechspielen gehört, aber da muss er wohl etwas verwechselt haben. Fliehender Falke. Nie gehört.

Gruppenunterricht? Wäre irgendwie schwierig. Nicht wegen des Platzbedarfs, aber stellen Sie sich mal vor, das ganze Kabinett würde bei mir auf der Matte stehen. Alle machen dasselbe, Mutti macht’s nach, und dann sagt sie plötzlich, sie hätte es erfunden. Meuternder Mautesel. Kopfwackeldackel. Das geht doch so nicht.

Und die Knie zusammen. Sehr schön, Herr Westerwelle. Ganz zusammen. Und krümmen. Krümmen, habe ich gesagt. Sehr schön, diese Blindschleiche. Ich könnte mir keine bessere Übung für Sie vorstellen, Herr Westerwelle.

Wir wissen natürlich noch nicht, wofür es überhaupt gut ist. Bisher hat er sich nur gerne in Bodennähe bewegt, weil er sich dann nicht immer auf sein intellektuelles Niveau herabbegeben musste. Aber wenn es jetzt auf die Schnelle etwas Größeres zu tun gibt, Robben im Dreck, Wüste oder Stacheldraht, dann muss man vorbereitet sein. Da sind Fähnchen im Wind und Größenwahnsinniger Gockel nicht so gefragt. Da braucht es Kriechtiere. Zünglein an der Waage. Winselnder Wurm. Man wird dadurch so schön flexibel. Da kann man auch mal Sachen mitturnen, die man nicht begreift. Oder Standhaftigkeit hinter dem Rücken der Amerikaner demonstrieren. Bis einer aus Versehen den Ventilator anschaltet.

Sehr schön, Herr Westerwelle. Fein gemacht. Ich würde sogar sagen, Sie haben sich diesmal selbst übertroffen. Und gut, dass Ihnen das vor der Wahl passiert ist. Jetzt brauchen Sie sich keine Sorgen mehr zu machen, dass Sie hinterher keine Zeit mehr für solche Übungen haben.“


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