Angriff der Killerfilme

10 09 2013

Anne schlug die Tür zu. „Nur noch kurz in die Videothek“, verkündete sie. „Für den Abend mit meinen Mädels möchte ich diesmal einen richtigen Kracher haben, jedenfalls nicht so langweiliges Zeug wie Frau Doktor Grünspenner.“ Ich seufzte. Hoffentlich würde es nicht länger dauern als der Besuch in der Parfümerie, den wir gerade absolviert hatten. Oder tags zuvor. Wer weiß das schon.

„Es müsste natürlich spannend sein“, skizzierte Anne ihre Vorstellung, „und irgendwie auch lustig – eine Art Krimi, und am Schluss kriegen sie sich.“ „Also wohl nicht Apocalypse Now“, mutmaßte ich. Sie runzelte die Stirn. „Natürlich spekulierst Du darauf, dass ich den nicht kenne, aber da hast Du dich geschnitten.“ Sie zeigte mit dem Daumen auf das Regal im Hintergrund. „Ich kenne vermutlich mehr Horrorstreifen als Du.“ Mein Ruf als Cineast war glücklicherweise nicht allzu gefragt, genauer gesagt: dass ich vor mehr als fünf Jahren einmal versehentlich ein Kino besucht hatte, erzählte man sich nur einmal kurz danach, dann beschränkte sich die Verehrung meiner Person wieder auf Kochrezepte, frühe Aufnahmen von Mozart-Sonaten und die Fähigkeit, einen Staubsaugervertreter in unter zwei Minuten in ein Nervenbündel zu verwandeln. „Lass uns einfach mal bei den Sonderangeboten schauen“, schlug ich vor, „vielleicht ist ja etwas für Dich dabei.“

Während sie den ersten Stapel begutachtete, fiel ihr Blick auf eine abgegriffene Hülle. „Glut der heißen Körper“, bemerkte sie. „Sicher nur eine Dokumentation über Saunen in Finnland“, überlegte ich, „obwohl es auch – nein, das glaube ich nicht!“ „Was?“ Anne war irritiert. „Möglich, dass es sich über einen Film über Vulkanismus handelt, aber ich glaube nicht, dass es Deine Gäste interessieren würde.“ „Wie wäre es mit dem hier? Inspektor Kent jagt flotte Puppen.“ Bevor ich etwas einwenden konnte, wandte sie sich schon zur Kasse. „Bestimmt eine Art Krimi, und am Schluss werden sie sich kriegen.“ „Der soll ja ganz schlechte Kritiken bekommen haben“, warf ich ein, „und dafür nicht einmal einen Oscar.“ Andererseits ließ Der Superbulle räumt die Wüste auf auch nicht gerade auf eine anspruchsvolle Literaturverfilmung schließen. Oder Der fünfarmige Tiger.

Hülsenbeck. Der hatte uns gerade noch gefehlt. „Ich wollte nur mal schauen“, näselte er. „Wenn man abends mal mit einem guten Film entspannen will, ich meine, ich lese ja auch gerne, aber so viel kommt ja nicht im Radio, und das Fernsehen war früher auch viel besser.“ Anne drehte sich demonstrativ weg. Seitdem sie sich das vorletzte und letzte Mal von ihm getrennt hatte – nach einem gemeinsamen Urlaub, einem Opernbesuch, der Wildwasserfahrt, auf der sich der Staatsanwalt als seekranker Nichtschwimmer herausgestellt hatte – verkehrte sie mit ihm nur noch schriftlich, und auch dies meist im dienstlichen Bereich. „Ich würde ja gerne noch eine vernünftige Komödie haben“, knurrte sie. „Schau Dich nur bei den Billigfilmen um, Du Experte.“ „Sie kennen sich aus?“ Sein Interesse war jäh geweckt. Anne witterte Unheil. Was sollte ich machen.

„Lassen Sie mal sehen“, meinte ich gönnerhaft. „An was hätten Sie denn so gedacht? einen Mantel-und-Degen-Film vielleicht?“ Ich griff wahllos in den Stapel vor ihm. „Leichen pflastern seinen Weg“, las ich vor. „Zombies bei der Schwarzarbeit zuzusehen stelle ich mir auch nicht gerade spannend vor. Haben Sie nichts Besseres gefunden?“ Anne machte schon Zeichen, dabei hatte sie sich noch nicht einmal richtig umgesehen. „Jetzt warte doch mal“, beschwichtigte ich, „wir sind sicher gleich soweit. Also ein Abenteuerfilm? oder doch lieber ein Politthriller in Lederhosen? Sie müssen es nur sagen, wir haben hier die Auswahl!“ Max Hülsenbeck nickte ergeben. Damit war sein Schicksal besiegelt. Andererseits hatte er es wohl auch nicht besser verdient.

Aufs Geratewohl zog ich eine Hülle aus dem Regal. „Genau das Richtige!“ Hülsenbeck wollte schon gucken, aber ich hielt das Ding begeistert in die Höhe. „Ein Qualitätsfilm, was sage ich – ein Epos, ein Höhepunkt des Gangsterfilms in der Verkleidung des psychologischen Sozialdramas!“ Anne verzog das Gesicht. „Jean-Paul Belmondo, Alain Delon, Peter Alexander – wer hätte in diesem Meisterwerk nicht alles mitspielen können! Und dann diese Regie! dieses Drehbuch! Man munkelt ja, es sei eigens für den Goldenen Löwen gemacht worden. Schade, dass er nicht rechtzeitig fertig wurde.“ Er schaute mich ungläubig an, wusste aber nicht, was er antworten sollte. „Die Musik ist die einzige Schwachstelle, das muss man zugeben. Große Namen, fantastische Einspielung, aber doch irgendwie salzlos. Naja, man kann sich stattdessen einfach auf die grandiosen Dialoge konzentrieren.“

Während Anne bei den Verwechslungsfilmen suchte, bugsierte ich Hülsenbeck mit sanfter Gewalt in Richtung Kasse. „Sie werden es nicht bereuen“, versicherte ich ihm, „wenn Sie die Dialoge hören, denken Sie an Cary Grant. Oder meinetwegen an Emil Jannings.“ Die Kassiererin kassierte. Hastig drückte er sich durch die Tür. „Was nehme ich denn jetzt“, maulte Anne. „Ich habe keine Ahnung“, befand ich. „Jedenfalls nicht Astro-Zombies – Roboter des Grauens. Den hat ja schon Max.“