Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXII): Das Gebamsel

13 09 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Orang Utan muss damit begonnen haben; die weniger überlebensfähigen Arten, die in Höhlen siedelten, Fleisch am Lagerfeuer brieten und beim Börsentermingeschäft das Risiko der Hebelwirkung verdrängten, machten es ihm nach. Sie behängten sich mit Pflanzenteilen, schütteln sich im Vollbesitz ihrer ästhetischen Unantastbarkeit und erheben ihre soeben als Schönheit definierte Vollmeise zum Zentrum des gesellschaftlichen Fortschritts. Der Primat erfindet das Dekorative, und er legt großen Wert darauf, dass das Zeugs von irgendeiner Stelle herabfällt, fließt, baumelt, wie auch immer. Ob einst versehentlich der Schwerkraft unterlegener Bewuchs den Ausschlag dafür gegeben hatte, ist nicht überliefert, doch irgendwie muss das Schicksal seinen Lauf genommen haben, und es war da, das Gebamsel.

Allen Objekten, Schund- und Schlandketten, Affen- und anderen Schaukeln, ist ihre komplette Sinnlosigkeit gemein sowie der verzweifelte Versuch, diese mit Verve zu kompensieren. Was im engeren Sinne als Schmuck den Status des Trägers erhöhen sollte, durch Ohr und Nase gedübelt oder auf Seidelbast gefädelt und um den Hals geworfen, büßt als ornamentales Geröll jäh an Pracht ein, wenn es in der Wohnstube des geschmacklich andersartig herausgeforderten seine trübe Wirkung zu entfalten sucht. Zwei Wände voll Eiche rustikal in Echtfurnier auf Pressspanplatte verklammert, davor der saarländische Kacheltisch, der nicht selten Bulimie auslöst oder Oberhautschäden, samt Lederimitatsitzgruppe auf Laminatfolien, in diesem Ambiente wird die anderthalb Zimmer große Platte erst tauglich für den Traumfänger, der die bizarren Gebilde der Nachtzeit – frisch gewaschene Hemden mit langem Arm, Wasser und Seife, drei Tage ohne Ethanol – bündelt und abfängt, weil offensichtlich das Eigenbautipi nicht fledermaussicher ist. Das Ding passt an die Klotür wie ein sächsischer Nacktschädel auf den Karneval der Kulturen, aber einer hat den Kram dort aufgehängt, ohne vorher groß nachzudenken.

Nichts anderes ist es mit ethnisch verpopeltem Beiwerk aus unsicherer Gemengelage, Chinoiserien aus Taiwan und/oder Tinnef, die klömpernd an die Segnungen der Wasserfolter gemahnen oder an die Folgen, wenn wir unsere Jahresendtännchen nicht mit Hängekrempel vollmöllern. Früher war mehr Lametta, aber da wusste der Beknackte auch nicht, welchen Aberwitz an Kohlendioxid man in die Umgebung pusten muss, um ein Heftchen Glitzer zu produzieren. Das alles ist eitel, Windhauch, nach wenigen Wochen wieder wurst, und alle Lust will Ewigkeit – baumelnden Firlefanz hat ja der Konsumgeplagte eher im Straßenverkehr gern, wo man sich gern von blinkenden Lichtzeichenanlagen ablenken lässt, damit das Fahren seinen sportlichen Kick trotz Airbag und Seitenaufprallschutz behält.

Wo anders könnte sich der schlechte Geschmack einer Rotte offenkundig farbenblinder Hysteriker besser austoben lassen, wenn nicht in unmittelbarer Sicht- und Griffweite des Wagenlenkers, der seine Motorwanze mit kognitiv naturbelassenen Zutaten aus der Dünnblechlawine zu emanzipieren versucht. Dort, wo bereits ein unschuldiger Aufkleber den künstlerischen Wert des Kraftfahrzeugs locker zu verdoppeln wüsste, schwiemelt sich der Automobilist schmerzfrei ein Objekt des Grauens ins Visier, beispielsweise ein Paar faustgroßer Würfel aus Vollplüsch. Was aber will uns der Fahrer mit diesem Akt nur sagen? „Ich fahre seit Jahren sinnfrei und brauche eigentlich nur zwei Klumpen Flausch, um Leben zu spüren“ oder „Meinen letzten Polyesterroadkill habe ich mit der Spaltaxt in praktischer Kubusform zerlegt, falls unterwegs mal der kleine Hunger aus dem Handschuhfach suppt“ oder „Das ganze Leben ist ein Quiz, und für die nächste Verkehrskontrolle habe ich schon mal die Würfel mitgebracht“ oder „Plaste, Elaste, Hauptsache, der Schmonz ist krebserregend“? Man weiß es nicht, aber es ist ja auch noch nicht das untere Ende des geistig-moralischen Verfalls.

Das pendelnde Dingsi, der filigran in die Schmerzrezeptoren gedrillte Brückenschlag zwischen Bling-Bling und Balla-Balla, scheint als Rache der Materie an den Abhängern. Schon steigert die vollumfängliche Absurdität sich in den teddybäromorphen Reißverschlussanhängern für infantil gebliebene Singles über 30, Personen, die auch ein vom Spähpanzern überrolltes Kaninchen noch auf Partikel des Niedlichen absuchen würden, und seitdem dieses Accessoire an jedem Rucksack das Standardgebamsel darstellt, ist jegliches Halten Geschichte ohne Aussicht auf die Gnade der späten Wiedergeburt. Sie pfriemeln Anhänger, Kettchen! an ihre Mobiltelefone, als wäre es ihr körpereigener Lauschfortsatz, und an ihren Rückspiegeln nieten sie Ausdünstungsanlagen für Rückstände polycyclischer aromatischer Kohlenwasserstoffe, sprich: endlagerungeeignetes Mutantenroulette mit schniekem Zitrusgestank, der die Fahrgastzelle in Sekundenschnelle in die Verdichtungskammer eines Brechreizversuchs verwandelt. Rambo war gestern, sie nannten ihn Duftbäumchen, und er hätte als Sprühnebel nie ihren Planeten übernommen, auch nicht als Schmierpaste oder Einlegesohle, Fluid, Gel oder Badezusatz. Doch mal kann es als Gebamsel nutzen, das sichert seinen Siegeszug. Zwischen den Schwaden des Pomeranze-hoch-zehn-Miefs hätten wir gerne den Erfinder dieser psychedelischen Parfümierung gefragt, doch keiner fand ihn. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er sich erhängt.