Walter

17 09 2013

Walter knarrte kurz und schüttelte sich. Offenbar ein gutes Zeichen, denn Inspektor Fleuther sah ihn aufmunternd an. „Er sammelt sich gerade.“ Ich blätterte in meinen Unterlagen. „Kleinen Moment, dann ist er für Sie da. Die Schaltkreise müssen integriert werden, damit er sich auf Ihre Fragen konzentrieren kann. Augenblick.“

Inspektor Fleuther tippte auf den Bildschirm; immerhin hatte man die Fernbedienung nicht mehr mit Hebeln und Drehknöpfen ausgestattet. „Er ist gleich fertig, wir haben ihn extra noch aufgeladen, weil in der letzten Woche viel auf ihn zukommt. Walter wird Schwerarbeit leisten, und er wird es sehr gut machen.“ Der kleine Würfel auf dem Tisch surrte einmal, zweimal. Dann war Walter fertig. „Ich freue mich“, tönte seine blecherne Stimme aus der Rückseite. „Ich werde Sie politisch analysieren und Ihnen eine Stimme geben.“ „Als wenn ich die nicht jetzt schon hätte“, knurrte ich. Doch er hörte nicht. Natürlich nicht. Man musste ihn erst auf Empfang umschalten, ansonsten konnte man so viel mit ihm reden, wie man wollte. Ein politischer Profi durch und durch.

„Er ermittelt Ihre politischen Präferenzen“, informierte Fleuther mich. „Walter filtert aus Ihren Antworten das heraus, was Ihre Grundeinstellung ausmacht.“ „Und wenn ich mir schon sicher bin?“ Der Ingenieur lächelte milde. „Gestatten Sie es mir, ich habe das noch nicht erlebt. Schon eine einzige Talkshow, und schon mussten als vollkommen zuverlässig eingestufte…“ Ich unterbrach ihn. „Ihr Roboter ist also auch nichts anderes als ein billiges Propagandainstrument?“ Walter knarrte. Noch war er ja nicht scharf geschaltet.

Über mehrere Listen stellte Inspektor Fleuther den Wahlermittler ein. „Ist es wirklich wichtig, dass er weiß, wie alt ich bin?“ „Eine 30-jährige Apothekerin aus einem hessischen Dorf wählt möglicherweise ganz anders als ein 19-jähriger Multimilliardär ohne Schulabschluss aus Berlin-Neukölln“, gab er zu bedenken. „Auch die Parteien haben ja ein Interesse, ihre Botschaften möglichst zielgerichtet zu ihren Wählern zu bringen.“ Meine Skepsis blieb. „Und wer sagt mir, dass mich dieser Automat nicht mit genau denselben Worthülsen vollschüttet, wie ich sie ohnehin von den Wahlplakaten kenne?“ Fleuther lächelte unschuldig. „Er wird sie sicher ganz anders verwenden, da bin ich mir sicher.“ Aber er lächelte schief.

„Ihre Ansichten zur Demokratie.“ Walter blinkte grün auf der rechten Seite. „Ich bin Demokrat“, gab ich zurück. Er schnarrte. „Sie sollten sich auf keine Experimente einlassen“, tönte es blechern aus dem Wahlwürfel, „jede Stimme ist bei einer Wahl wichtig.“ Fleuther guckte in die Gegend. Ich runzelte die Stirn. „Ich bin mir fast sicher, Sie lassen das Ding mit dem Programm laufen, das sonst die Tageshoroskope ausspuckt.“ „Wir müssen alle für Deutschland stimmen“, blökte Walter, „es ist schon viel erreicht, aber wir müssen das Erreichte auch sichern.“ „Vermutlich sind noch nicht alle Schaltkreise integriert“, grummelte Fleuther. „Gleich müsste er aber funktionieren.“

Der Bildschirm blieb nach wie vor dunkel. Unvermittelt wandte sich Walter direkt an mich. „Wir haben es selbst gemacht.“ „Erzählen Sie mir mehr“, forderte ich ihn auf. „Sie sind doch ein intelligentes Kästchen.“ Er schnarrte geschmeichelt. „Wir haben analysiert.“ Seine grüne Lampe blinkte wieder. „Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel“, ermunterte ich ihn. „Sie haben das doch selbstständig getan, oder?“ Walter schnurrte geradezu. „Wir – ich habe die Parteiprogramme und das politische Handeln abgeglichen.“ „Sehr gut“, lobte ich. „Sie denken nicht nur mit, Sie sind den politischen Parteien immer einen Schritt voraus.“ Jetzt blinkte er sogar zweifarbig. „Das ist Teil unseres Konzepts. Wir wollen – wir – ich will damit herausfinden, wie Enttäuschungen wegen nicht gehaltener Wahlversprechen sich auswirken und wie die Politikerverdrossenheit entsteht.“ Er zwinkerte. „So kann ich beispielsweise verhindern, dass Sie versehentlich der FDP Ihre Zweitstimme geben.“

„Sie müssen jetzt ein paar grundlegende Fragen beantworten“, informierte mich Fleuther. Ob ich schon einmal eine extremistische Partei gewählt hätte. Ob ich, und wenn ja, warum ich ein großes Automobil besäße, und wenn nicht, ob ich vorbestraft sei. „Das sind natürlich nur ganz generelle Formulierungen“, beruhigte er mich. „Wenn er wissen will, an wie vielen Tagen ich im letzten Quartal Fleisch verzehrt habe, möchte er sicher nur ganz generell ausrechnen, ob ich Vegetarier bin, richtig?“ Inspektor Fleuther nickte. „Das ist ja auch gar nicht so wichtig. Es kommt doch sowieso nur auf die Folgen an.“

Walter schnarrte vor sich hin. „Es ist schwierig, sehr schwierig.“ Das Blinken hatte unterdessen gar nicht aufgehört, und er schien am ganzen Kästchen zu vibrieren. „Wie stehen Sie zu sozialer Gerechtigkeit“, ächzte er. Ich musste nicht lange überlegen. „Ich bin sehr dafür.“ Schlagartig verloschen Walters Lampen. Inspektor Fleuther fingerte hektisch auf dem Bildschirm herum. „Sag doch etwas“, flehte er, „Walter! Sag doch etwas!“ Die Kiste knarzte kurz und räusperte sich. „Bedaure“, tönte er. „Da werden Sie wohl selbst in die Politik gehen müssen.“