Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXIII): Alternativlosigkeit

20 09 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Mensch als solcher wird alternativlos geboren – erlebte er seinen ersten Schrei aus mannigfaltigen Gründen nicht, er hätte folglich keinen Anlass, seine Existenz unter philosophischen Gesichtspunkten zu betrachten. Er wäre ja nicht dabei. Müsste sich aber andererseits auch nicht das Gejammer anhören, das die Bratzenzunft vor der Weggabelung veranstaltet. Sekt oder Selters, Skylla oder Charybdis, Freiheit oder Tod, irgendwas ist ja immer. Leben heißt folglich Aussuchen, und wir haben die Wahl zwischen Langeweile und Leiden. Welches Gesichtsschnitzel spräche je ernsthaft von Alternativlosigkeit?

Früher haben sie den Bürger, vulgo: das dumme Stück Stimmvieh, das seine sauer verdienten Kröten der korrupten Klasse durchreichte, noch mit als Argumentation verkleideter Buhmännerei zu leimen versucht: Keine Experimente! Immerhin waren Sozialismus, Willywählen oder Abfall vom Glauben aus purer Bosheit kontingent. Man hätte es auch als liberal bezeichnen können, und was hätte man der herrschenden politischen Klasse damit angetan; die Hauptsache aber ist, Geschichte und Gesellschaft sind im Rahmen vorhandener Denkmasse stets interpretationswürdig und -geeignet, nur die in totalitärer Anschauung verhafteten Realitätsverweigerer nieten den Lauf den Dinge vorsichtshalber am Boden fest – und es ist nicht der Boden der Tatsachen. Geboren ist das genauer Gegenteil vom denkbaren Rest.

Die von sozialverträglichem Hirnabbau gebeutelte Politeska hat offensichtlich ihr Lieblingsspiel perfektioniert: sie definiert alles, sie definiert das Experiment, sie definiert schon die Möglichkeit zum Experiment kategorisch weg und lässt sich daher aus Einfachheit als beste aller möglichen Vollstreckerinnen des Singulären feiern, das schließlich nur zur besten aller möglichen Welten führen kann. Wer wie Deutschlands promovierteste Physikerin die Weichen aufwärts stellt, weil ihr der Atem stockt, und zwar in zwei Richtungen, der hat auch die Haare schön und die Logik immanent, weshalb es kein ent-oder-weder geben kann, weil nicht ist, was nicht darf.

In der Folge wird alles durchgedrückt, was sich bedenkenlos umsetzen lassen kann, meistens Krieg gegen die eigene Bevölkerung, in ausgewählten Fällen trifft es den Irak oder Afghanistan. Sei es die Neuverschuldung, die jeglichen Rahmen sprengt und das vorherige Wahlkampfgetön Lügen straft, sei es die widerrechtliche Rettung von Banken, mit dem Universaljoker lässt sich jede noch so miese Partie spielend gewinnen, und es zählt ja das, was hinten rauskommt. Für eine längst aus den Tiefen der Verhältnisse abgehobene Regierung, die auch mit erheblichem Schwangerschaftssuff nicht mehr zu erklären ist, bietet sich eine billige Ausflucht: wo man hilflos rudert und der Wirklichkeit ohnmächtig auszuweichen versucht, da ist ein Verwaltungsstil ohne sichtbare Rechtfertigung der schmerzfreiere Weg, wenngleich nicht für alle Beteiligten.

Interessant, dass es immer der populistische Bodensatz ist, der ja doch wohl mal gesagt haben will, dass es keine Denkverbote geben dürfe – das dogmatische Personal der betonierten Borniertheit beschwört einen Sturm herauf, wo es nicht einmal ein Wasserglas gibt. Es ist letztlich dieselbe Taktik, die das Kompott der durchgedrückten Meinung gegen jegliche Kritik immunisiert, und seien es höhere ethische oder staatsrechtliche Bedenken, die aber – siehe Rezept – nicht einmal gedacht werden dürften. Die Alternativlosigkeit ist stets höher zu bewerten, denn sie ist ja alternativlos, und Alternativlosigkeit ist stets höher zu bewerten.

Angesichts der logischen Basis, dass das Alternativlose stets nur ohne die Wahlmöglichkeit existieren kann, treibt einem die merkeleske Verschwiemelungsendstufe von der alternativlosen Entscheidung den Chymus aus den Gehörgängen. Eine Entscheidung, die natürlich keiner Entscheidung bedarf, da es nichts zu entscheiden gibt, so dass es keine Diskussion gibt, da ja alles schon entschieden ist – aus dem Stoff basteln sich die Milchmädchen ontologische Gottesbeweise, die präexistierend im Raume dümpeln. So treffen sich theologische und totalitäre Konzepte, wo sie nicht ohnehin schon deckungsgleich wären, und erzeugen einen absolutistischen Heiligenschein um die politische Klasse, die gleißende Warnbeleuchtung, falls sich jemand mit der blakenden Fackel der Vernunft nähern sollte: Obacht, Feind, dieses Ding namens Aufklärung gilt hier nicht! Hier wird nicht argumentiert, hier wird geglaubt!

Einen Haken hat die merkelsche Staatsidee vom Gefolge der Gottesanbeterin. Sie resultiert auf dem Fehler der klerikalhistrionischen Faltenfratze, sich selbst absolut zu setzen. Jene Plattenbaurhetorik ist bloß ein weiterer durchsichtiger Versuch, die diskursive Grundlage der Demokratie ersatzlos zu ersetzen. Nicht, dass ihr die Do-it-yourself-Heiligsprechung gelänge. Es gibt einfach noch zu viel Alternative.


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