Der perfekte Haushalt

24 09 2013

„Sie hat die Stockflecken aus meinen Gardinen gekriegt“, informierte Anne mich. Ohne jeden Gruß stürmte Frau Gulbrandt-Apfelkern an mir vorbei, suchte und fand die Küche und nahm das Mobiliar in Augenschein. „Man kann die Schrankfronten einfach und preiswert mit bunter Klebefolie verschönern“, krähte sie. „Lila würde hier sehr hübsch hineinpassen, meinen Sie nicht?“ Anne blickte etwas hilflos. Vielleicht hatte sie bloß vergessen, dass die Küche gänzlich in schwarzem Schleiflack war.

Rasch wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass Frau Gulbrandt-Apfelkern eine eigene Kolumne in der hiesigen Tageszeitung hatte, genauer: sie stellt einmal im Quartal die besten Haushaltstipps zusammen und pflastert eine halbe Seite damit voll. „Du weiß doch, Kacheln mit Essig putzen, verstopfte Rohre mit Backpulver freispülen und so.“ Vor meinem inneren Auge erschien eine mittelalte, mittelmäßig gepflegte Dame, die mit dem Spaten Backpulver in ein verstopftes Klo schaufelte. „Wenn man ein Schnitzel brät, kann man gegen die Fettspritzer ein Spritzschutzgitter auf die Pfanne legen.“ Faszinierend. „Und wenn es zu stark raucht, legt man einfach ein Stück Papier auf das Spritzschutzgitter.“ Diese Haushaltseule schien es voll drauf zu haben. Ich griff nach einem Pfannendeckel. „Meinen Sie“, fragte ich skeptisch, „die Wissenschaft wird jemals herausfinden, was man mit diesen Dingern macht?“ Anne verkniff sich einen Kommentar.

Die Haushaltshexe steuerte bereits aufs Wohnzimmer zu und juchzte begeistert beim Anblick der Fensterbank. „Kunstblumen“, jubelte sie, „Kunstblumen! Die verstauben ja so schnell – man muss sie regelmäßig sauber halten, deshalb kann man sie auch in den Geschirrspüler – “ Ich zog die Stirn in gefährliche Falten. „Dies ist ein Ficus, und sollten Sie ihn auch nur zufällig berühren, werden Sie ihm in der Waschmaschine Gesellschaft leisten!“ „Aber wenn man ihn nicht regelmäßig säubert, kommen die Fliegen, und dann hat man das ganze Zimmer voll mit denen!“ „Mir egal“, gab ich ungerührt zurück. „Ich stelle immer zwei Untertassen auf, eine mit Whisky und eine mit Sand.“ Sie blickte mich ungläubig an. „Und das hilft?“ „Sicher“, antwortete ich. „Die Fliegen nippen am Whisky, dann werden sie betrunken, nehmen sich Sandkörner, spielen mit ihnen herum, bewerfen sich gegenseitig damit, und wenn sie richtig blau sind, merken sie gar nicht, dass ich mit der Fliegenklatsche hinter ihnen stehe.“

Irgendwie musste Anne erraten haben, dass die Sympathie zwischen mir und der Haushälterin nicht ganz ungetrübt war. „Du magst Sie nicht“, stellte sie fest. „Wie gut“, gab ich zurück, „dass Du es auf diese Art erfährst.“ Ich hatte schon ihren Friseur, ihre Putzfrau, mehrere Innenarchitekten, einen Stylingcoach und diverse Automechaniker über mich ergehen lassen, doch gab so schnell nicht auf. Würde ich ein Schloss tapezieren oder meine Fingernägel in extravaganten Violetttönen lackieren wollen, ich wäre ihres teilnehmenden Rates sicher. Günstig, dass ich kein Schloss besitze.

„Diesen Ledersessel hier“, erscholl es aus der Ferne, „könnte man mit Melkfett wieder wie neu hinkriegen.“ Ich war mit einem gewaltigen Satz im Arbeitszimmer und griff die Tipptrulla am Kragen. „Das ist Antikleder“, zischte ich, „und Sie werden innerhalb kürzester Zeit auch so aussehen, wenn Sie nicht auf der Stelle meine Wohnung verlassen!“ Sie putzte sich ein Stäubchen vom Ärmel. „Aber Ihre Bekannte hatte mir gesagt, dass Sie die Möbel nicht selbst putzen.“ Dies entspricht den Tatsachen; es entspricht ihnen auch, dass ich dazu zweimal im Jahr einen gelernten Polsterer kommen lasse. Sie ist eben Juristin und merkt sich eher unbedeutende Feinheiten als die Wirklichkeit.

Sicher würde sie mir gleich beibringen, dass Pflaumenmus noch besser schmeckt, wenn man die Pflaumen durch Erdbeeren ersetzt. „Mit einer ausrangierten Zahnbürste kann man noch sehr gut das Bad putzen“, sprudelte Gulbrandt-Apfelkern hervor, was mich sofort von einem Praxistest überzeugte. Die Zahnbürste war ohnehin fällig. Doch sie nahm mein Angebot nicht an und rannte kreuz und quer durch die Räume. „Stülpen Sie im Winter abends eine alte Socken über die Außenspiegel, dann müssen Sie morgens nicht das Eis vom Auto abkratzen!“ „Er meint Dich“, mutmaßte ich, „ich habe ja kein Auto.“ „Aber meine Rückspiegel sind beheizbar“, begehrte Anne auf. Es half nichts. „Damit die Fingernägel nicht brüchig werden, reiben Sie sie täglich mit kalt gepresstem Olivenöl ein.“ „Und wenn ich zwischendurch Klavier spiele, muss ich sie dann vorher einreiben oder hinterher? oder kann ich auch Fausthandschuhe verwenden?“ Frau Gulbrandt-Apfelkern blieb mir diese Antwort schuldig. Schlimm, wie unprofessionell diese Haushaltstypen heutzutage geworden waren. „Übrigens würde ich auch mal auf meine Hände achten“, riet ich ihr mit einem kritischen Seitenblick. „Bei strapazierten Händen hilft eine Packung aus vier bis fünf gehäuften Löffeln Haferflocken, mit kochendem Wasser übergießen und abkühlen lassen.“ „Das kannte ich ja noch gar nicht“, antwortete sie bewundernd. Ich drückte ihr die Zahnbürste in die Hand. „Wenn Sie gut sind – ich habe noch ein paar Tipps auf Lager.“