Dorn im Auge

3 10 2013

Anne sah ein bisschen mitgenommen aus, genauer gesagt: ihre Augen tränten, und zwar ziemlich stark, was bei dem verquollenen Gesicht den Eindruck hinterließ, dass sie doch angegriffen war. „Ich kann die Dinger nicht tragen“, wimmerte sie. „Ich kriege sie ja nicht mal mehr ohne fremde Hilfe raus.“ Das hatte mir noch gefehlt. Ein Kontaktlinsendrama.

„Ich drücke sie ja zusammen“, erklärte sie, „aber in dem Moment rutschen sie wieder zur Seite, weil ich ja nachsehen muss, ob sie mir nicht aus Versehen zur Seite rutschen könnten.“ Anne schien bereits Routine mit ihren Haftschalen zu haben. Was mich irritierte, war die Tatsache, dass sie überhaupt eine Sehhilfe benötigte. „Überhaupt nicht“, schmollte sie und tastete nach der Lehne des Küchenstuhls. „Ich wollte es auch nur ausprobieren, und dann war da dieses unglaublich preiswerte Angebot von diesem Optikerversand, und dann haben sie mir gleich so ein hübsches Etui mitgeschickt, das passt genau zu der Tasche, die ich im letzten Jahr aus dem Urlaub mitgebracht habe.“ Ich beschloss, die Sache im Auge zu behalten; sollte ich bei ihr mit einem kleinen Plastikkästchen und einem Sonderangebot Augengläser verkaufen können, so stünde einem fliegenden Handel mit Holzbeinen nichts mehr im Weg. Immer vorausgesetzt, ich würde Kundinnen haben wie Anne.

Während ihr die Zähren durchs Gesicht rannen, nahm sie langsam Platz. Sie schniefte. „Dabei habe ich mich so auf das Konzert gefreut.“ „Was spricht denn dagegen“, fragte ich, „dass wir trotzdem hingehen?“ Sie pflegt bei klassischer Musik ohnehin die Augen zu schließen, nichts spräche also dagegen, sich Carlotta Tastafiore mit Beethovens drittem Konzert anzuhören. „Wie sieht das denn aus?“ Ich verweigerte die Antwort. Anne schätzt meine Ehrlichkeit, aber ich schätze mein Leben.

„Das war ja eigentlich auch nur, weil ich meine Brille sowieso immer in der Schreibtischschublade vergessen habe.“ Jetzt wurde es interessant. „Ich wusste ja gar nicht, dass Du überhaupt jemals eine Brille getragen hast.“ Sie zog missbilligend die Stirn in Falten. „Erstens trage ich keine Brille, zweitens ist es nur ganz ab und zu schwierig, beim Lesen oder wenn ich fahre, und drittens passt dieses Gestell einfach nicht zu mir.“ Es befand sich nicht in der Schreibtischschublade – gemeint war die Lade in ihrem Kanzleizimmer – sondern in einer der zahlreichen Handtaschen, in die man eine Brille stecken konnte. „Ich weiß doch nicht, welche es gewesen ist.“ Anne war ratlos. „Seit drei Tagen habe ich es doch mit Kontaktlinsen versucht. Alles, was ich weiß, ist, dass es eine schwarze Tasche mit goldener Schließe gewesen sein muss. Aber frag mich bitte nicht, welche es war. Außerdem kann ich das ohne Brille gar nicht sehen.“

Wenige Stunden später fanden wir durch Zufall ein unscheinbares Etui mit einer ebenso unscheinbaren Brille in einer Handtasche – silberlamé, nebst einer kompliziert verdrillten Kordel sowie hübschem Geschmeide an der goldenen Schließe – und besahen das Malheur. Anne hätte sich nicht das komplette Gesicht verheulen müssen, um mit diesem schwarzen Kastengestell wie eine Eule auszusehen, die gerade den Preis als fortgeschrittene Informatikerin in einem Hipsterforschungsprojekt bekommen hat. „Ich sehe scheußlich aus“, jammerte sie. Meine Zähne knirschen selbsttätig. Es wäre mir nicht eingefallen, mich in solche Dinge einzumischen. „Immerhin kannst Du durch das Ding sehen“, tröstete ich sie. „So schlecht ist es also gar nicht, und wenn Du dazu beispielsweise eine schwarze Tasche mit goldener Schließe – “

Sie stakste durch die Wohnung. „Ich muss jetzt aber irgendwie die Kontaktlinsen rauskriegen.“ Glücklicherweise hatte ihr der Versandhandel ein Faltblatt mitgeschickt, um sie über den nicht ganz unwichtigen Akt aufzuklären. „Blicken Sie nach oben und ziehen Sie dabei Ihr unteres Augenlid nach unten“, las ich vor. Sie blickte und zog. „Jetzt mit dem Zeigefinger langsam die Linse ertasten.“ Sie ertastete. Dann zog sie den Fremdkörper über den Augapfel. Dummerweise nicht in die richtige Richtung. „Es ist oben“, klagte sie, „und ich kriege das Ding nicht mehr weg! Hilf mir!“ Natürlich drehte sie reflexartig den Kopf zur Seite, als ich es versuchte. „Ich muss sie nach unten schieben, aber sie gehen immer nach oben.“ Anne starrte nach wie vor an die Decke. Da knackste es hörbar. Die Brille. „Ach was“, munterte ich sie auf. „Du hast ja immer noch die Kontaktlinsen.“

Die schwarze Unterarmtasche mit der runden Applikation passte hervorragend zum schwarzen Kleid, den hellschwarzen Pumps nebst schwarzem Schal und schwarzen Gläsern. Die Damen in der Sitzreihe guckten feindselig. Offenbar war ihnen das sportlich-lässige Design meiner Sonnenbrille ein Dorn im Auge. Aber Anne schritt elegant wie Audrey Hepburn an meinem Arm die Treppen hinab zur Stuhlreihe und nahm Platz, während das Orchester die Instrumente stimmte. Keiner würde es sehen, wenn sie die Augen schlösse. Und falls sie etwas sehen wollte, hatte sie ja noch immer ihre Kontaktlinsen.


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