Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXIV): Scheinheiligkeit

4 10 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kaum hatte der Hominide seine Sprachfähigkeit zum sozialen Standard erhoben, nutzten einzelne Exemplare der Gattung sie für seltsame Manöver. Rrt, immer ein bisschen linkisch mit dem Speer und nicht der Hellste, wenn es in die Pilze ging, erfand die Anglergeschichte vom Feuer speienden Fisch, den er mit bloßen Händen gefangen, geschuppt und filetiert haben wollte, während er eine Herde Säbelzahntiger mit Gebrüll in Schach hielt. Die Klügeren glaubten kein Wort, doch jeden Tag steht einer auf, der dumm genug ist. So wurde die Legende vom furchtlosen Rrt geboren, der schließlich in der eng umrissenen Gemarkung zwischen Felswand und Tümpel zum Lokalheiligen wuchs, genauer: zum Scheinheiligen.

Geltungsdrang als Stimulans mag zunächst nicht verwerflich erscheinen. Nicht wenige kulturelle Großtaten einschließlich des kompletten Barock fußten auf der Erkenntnis, dass exzentrisches Gepränge, bizarres Benehmen und manischer Eifer bleibenden Ruhm einbringen konnten. Ohne ein gesund übersteigertes Selbstbewusstsein hätte der durchschnittliche Entdecker seinen Schreibtisch nicht verlassen, Meister der Bau- und Braukunst hätten ihr Gewerk nicht revolutioniert, mancher Name wie Röntgen hätte es nicht unter die Verben geschafft. Und doch eint sie alle, dass sie ihr Handeln zur Geltung bringen wollten, ihre Ideen oder ihren Willen, sei er auch noch so blühender Unsinn. Der Scheinheilige bringt zur Geltung, was ohne weiteren Wert ist, nämlich sich selbst.

Die Besessenheit, die eigene Existenz in den Mittelpunkt zu stellen, ist nicht weniger als eine pathologische Erscheinung in einer Gesellschaft, die ihre pathologischen Züge zur Kunstform erklärt hat. Es ist die krankhafte Neigung der Ichlinge, ihre subjektive Wahrnehmung, fernab jeglicher Realität und Reife, aus der möglichst wohlfeilen Sicht in eine leichtgläubige, an moralischen Werten nicht mehr interessierte und daher im Epizentrum der Sittlichkeit brüchige Welt zu werfen, als hätte sie auf die Würstchen im Zwirn nur gewartet – doch, sie hat auf sie gewartet, und das ist der eigentliche Bruch, denn wo der Schein so gut wie alle Mittel heiligt, lohnt nichts Wahres mehr. In einer Parallelgesellschaft von Second-Hand-Ruhm, der zum größten Teil aus medialer Widerspiegelung besteht, erntet der Bescheuerte von Geblüt, der sich akademisches Gemüse vor den Namen schwiemelt, die Winselei seiner Nachkriecher nur befristet; sobald die Sache aufkippt, verschwindet er in dem Schwarzen Loch, dessen Ereignishorizont jegliches Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana schluckt. Ein Rülpsen, dann ist alles Fabel.

Gleichwohl die chronische Selbstüberschätzung kein Privileg einer wie auch immer gearteten Elite ist – auch von unten spült es aus dem Bodensatz in den Kompetenzfasching der Leistungsträgen immer wieder die Überreste vom Abwracklimbo – hier krallt sich doch das feigste Personal fest, das ohne sein Supermankostüm nie vor die Haustür ginge. Es sind alle bange kleine Blödiane, die genau wissen, dass ihr Sitzmuskel auch nur zwei Hälften hat. Und jeder nagt sich die Fingernägel ab, dass keiner das je rauskriegt, während sie genau wissen, dass sie sich unter ihresgleichen befinden. Und dass aus der Nummer noch keiner lebend rausgekommen ist. Nicht der Trieb zum Erfolg, nicht die intrinsische Motivation schubst uns also in den denkfreien Raum, es ist die Grenzüberschreitung zum nicht mehr verantwortbaren Mutwillen und Hochstapelei, zur Anmaßung, sich über die Verhältnisse zu pfropfen, sei es als dauergedopter Radeldepp, als präsidiales Quotenwürstchen mit Kreditkasper im Anschlag oder als ministerielles Geröll, dessen geistige Vakanz unangenehme inhaltliche Fragen im Keim erstickt, weil die erwartbaren Antworten noch übler wären. Gier frisst Hirn, Gier frisst Anstand.

Problematisch ist die Gesellschaft, die es sich bieten lässt und mit Gleichmut reagiert, während auf der Galerie die Koksgnome torkeln, doch kaum weniger prekär ist das System, das unbekümmert in gespielter Strenge den Zeigefinger hebt und wie belustigt einmal das unartige Kindchen schimpft, weil es billig gegen Recht verstoßen, Amt samt Würde missbraucht und das gesellschaftliche Gefüge verkekst hat. Das Balg bräuchte eins hinter die Löffel, damit es lernfähig wird.

Mit etwas Glück kippen die unwandelbaren Aufschneider mit dem Sparflammenheiligenschein beim Balanceakt selbsttätig aufs Gesicht, ohne dass man nachhelfen müsste. Mit etwas Glück gewöhnt sich diese Zusammenrottung irgendwann daran, dass sie keine perfekten Instantfiguren auf den Markt wirft, sondern fehlerbehaftete Charaktere mit Macken, Todesangst und wirren Vorstellungen. Sie könnten alle schnell und schmerzlos der Lüge ledig werden, dass individuelle Fehler zu vertuschen der Königsweg zum allgemeinen Heil sei. Bis dahin haben sie erst einmal kein weiteres Interesse an Heiligkeit. Nur am Schein.