Bipolar

7 10 2013

„Ach, das ist schön, dass Sie gleich selbst dran sind. Da können wir schon mal in aller Ruhe sondieren, wo wir demnächst koalieren – oder umgekehrt, eben, umgekehrt. Genau, und dann kommt eine Große Koalition dabei raus, wie wir uns das gewünscht haben.

Hauptsache, wir sind uns beim Mindestlohn einig. Das ist wirklich eine ganz wichtige Baustelle, da entscheidet sich die Zukunft unseres Landes – unserer Partei, wollte ich sagen. Obwohl, wichtig ist der Unterschied ja nicht gerade, da haben Sie Recht. Und ob Sie jetzt den Gewerkschaften aufs Maul hauen oder wir ihnen in den Hintern treten, wen interessiert das noch. Ja, die Arbeiter! Na, Sie gefallen mir – Ihr Humor ist nicht von schlechten Eltern!

Schachern würde ich es jetzt nicht nennen. Aber wenn wir den einen oder anderen Posten personell vernünftig besetzt wissen, dann ist das Parteibuch nicht entscheidend. Diesmal müssen wir ja keine Ministerien abschaffen wollen, um Karteileichen am Ende mit Posten und Pension zu versorgen. Wir ich sage, man muss auch gönnen können. Und da sehe ich uns gut aufgestellt, das sehe ich Sie gut aufgestellt, da tun wir jetzt mal nicht mehr so, als ließe sich zwischen uns überhaupt kein Konsens mehr herstellen, wir sind ja nicht im Wahlkampf, und dann sollte das auch gehen. Natürlich geht das, da bin ich mir sicher. Die Kuh ist doch schon so gut wie vom Eis, Herr Kollege.

Die Steuerfrage würde ich jetzt gar nicht mal so hoch hängen. Natürlich ist das ein Reizthema, gerade im Wahlkampf, und dann tritt man wieder irgendwem auf die Füße, der davon eigentlich gar nicht betroffen wäre. Wir lassen das vorerst raus und schauen bis in die Koalitionsverhandlungen, ob wir das unter den Teppich kehren können. Ob wir dann noch eine Expertenmeinung brauchen, das ist ja noch gar nicht gesagt. Und irgendwie kann uns da auch das eine oder andere dazwischenkommen, oder? Eben, ich wusste, dass Sie das auch so sehen. Wir haben das alle verfolgt im vorigen Wahlkampf, das lief nicht so gut, und wir müssen nicht jeden Fehler zur Sicherheit zweimal machen.

À propos Sicherheit und Fehler – geschlossene Haltung zum NSA-Skandal setze ich mal voraus? Wir sollten das nicht zerreden, wenigstens nicht vor dem Koalitionsvertrag. Wenn wir dann beschlossen haben werden, dass das staatsrechtlich ein ganz wichtiges Thema ist, das sofort einer Diskussion bedarf, dann könnten wir beispielsweise das Parlamentarische Kontrollgremium mal befragen, was sie von der bisherigen Arbeit halten. Also von ihrer eigenen Arbeit. Und von der Beurteilung machen wir es dann wieder abhängig, oder das Parlamentarische Kontrollgremium diese Beurteilung nochmals beurteilt, oder ob wir das ignorieren, im Sande verlaufen lassen oder einfach gemeinsam für beendet erklären, okay? Außerdem sind wir als Große Koalition sowieso in der totalen Mehrheit, gegen uns kann die komplette Opposition keinen Untersuchungsausschuss hinkriegen. Also bleiben wir da mal ganz geschmeidig.

Die Maut ist uns völlig egal. Glauben Sie mir das einfach mal. Ernsthaft! Sie wissen, dass Seehofer einen Dachschaden hat, wir wissen, dass Seehofer einen Dachschaden hat. Über diese Maut können wir uns koalitionsintern etwas zanken, das findet die Basis gut, die Wähler haben etwas zu meckern, die Zeitungen haben etwas zu schreiben, hinterher wissen sie wieder alles besser, dann wird die Sache vom Verfassungsgericht beerdigt, und dann haben wir es vorher schon gewusst. Lassen wir ihm seinen Knochen, wer weiß, wohin der alte Depp sonst wieder beißt. Man wird ja ganz bipolar bei diesen ständigen Störungen.

Nein, das sehe ich nicht so. Das Betreuungsgeld ist mit uns nicht verhandelbar, und das wissen Sie. Wir haben da im Wahlkampf eine klare Aussage gemacht, die Bürger erwarten von uns jetzt, dass wir unsere Position auch durchsetzen. Hüten Sie sich vor einem Kompromiss! Notfalls schwenken wir auf Ihre Linie ein, klar!? Okay, das könnten wir machen, und dann müssen wir auch nicht mehr so betonen, dass wir für jeden Kompromiss hart verhandelt haben, oder? Jetzt muss ich natürlich mal nachfragen, was genau verstehen Sie unter Bildung? Aha, das ist hinnehmbar. Solange wir uns nicht bewegen und die Politik von Schwarz-Gelb weitermachen, ist das völlig im Rahmen. Wir können es doch auch nicht ändern, habe ich Recht? Sehen Sie. Dann müssen wir es doch auch gar nicht erst versuchen wollen.

Was für ein Glück, dass wir uns so gut verstehen bei den Schlüsselthemen. Wir müssten uns beim Mindestlohn natürlich – hatten wir schon? Dann haben wir’s ja. Arbeitsmarktreformen wollen wir beide, und da kann ich ganz ehrlich sagen, wie gut, dass Sie uns seinerzeit die größten Schweinereien abgenommen haben, da werden wir uns natürlich auch zu revanchieren wissen. Und das mit der Umverteilung, meine Güte, das wuppen wir auch noch. In welche Richtung die geht, bedarf ja sicher keiner großen Erklärung, nicht wahr? Sehen Sie, wir verstehen uns. Das macht das Sondieren so angenehm mit Ihnen. Dann wären wir damit durch. Also nächstes Mal wieder Kartoffelsuppe mit Würstchen? Ich freue mich! Und grüßen Sie mir die Frau Bundeskanzlerin ganz herzlich von der SPD!“