Ums Ganze

9 10 2013

„Das ist kriminell!“ „Entschuldigen Sie mal, ich habe doch…“ „Kriminell!“ „… überhaupt nichts gegen die…“ „Sie sind ein Spaltpilz, jawohl, ein Spaltpilz! Aber nicht mit mir – wir werden die Partei rein halten von Elementen wie Ihnen! Solange Sie mit Ihren Umsturzideen unsere FDP in den Dreck zu ziehen versuchen, werden wir uns zur Wehr setzen!“

„Wir müssen uns doch auch neuen Bündnissen öffnen können, wenn wir in der Zukunft…“ „Also mit den Sozialisten paktieren, die Deutschland an die Wand fahren? Nichts da!“ „Mit der SPD war es aber auch ganz nett damals.“ „Damals, damals – das war die Aufwärmphase, bevor wir die SPD abservieren konnten!“ „Jetzt machen Sie sich mal nicht so dick, das war eine völlig andere Zeit damals. Da hatten wir noch Bürgerrechte im Auge und…“ „Ich sag’s doch, Sozialismus! der reine Sozialismus, Sie wollen hier alles gleichmachen.“ „Wie soll man das denn verstehen?“ „Alle Bürger haben gleiche Rechte. Das ist doch skandalös!“ „Haben Sie etwa ein Problem mit der Demokratie?“ „Ich habe ein Problem mit Ihren kommunistischen Anwandlungen! Gleiche Rechte für alle Bürger, es geht ja wohl los – seit wann haben Niedriglöhner die gleichen Rechte wie Bürger?“ „Warum denn nicht?“ „Wollen Sie etwa, dass alle Besserverdiener genauso hart arbeiten müssen wie Billiglöhner? Die verlassen doch das Land und zahlen hier keine Steuern mehr!“ „Das tun sie doch sowieso nicht.“ „Eben, möchten Sie etwa in einem Land leben, in dem es derart viele geldgierige Geringverdiener gibt? Das ist doch… ach, was rege ich mich auf.“

„Jetzt könnten wir doch zu einer wirklich liberalen Partei werden, die auf sozialen Ausgleich setzt, auf gleiche Startchancen, auf Unterstützung für die…“ „Schon wieder – Unterstützung! Was sollen wir denn noch alles fördern? Die Leute sollen etwas leisten, dann können sie sich selbst finanzieren!“ „Hatten Sie nicht für Ihre Firma damals auch Fördergelder bekommen?“ „Das ist etwas ganz anderes. Ich wollte die zehn Millionen aus dem Erbe nicht aufs Spiel setzen. Gebraucht habe ich das Geld nicht, deshalb konnte man es mir ja auch ruhig geben.“

„Schauen Sie mal, wenn wir jetzt realistisch…“ „Sie haben wohl nicht alle Tassen im Schrank!? Realistisch? Wir sind die FDP, lassen Sie mich mit Ihrem Realismus in Ruhe!“ „Aber wir müssen der Sache doch nun mal ins Auge schauen, wir sind aus dem Bundestag gewählt worden und…“ „Sie sind doch auch einer von diesen Sozialisten, geben Sie’s doch zu!“ „… müssen jetzt aus der Landespolitik heraus für einen Neuanfang…“ „Wir können uns nicht aufhalten mit diesen Nebensächlichkeiten, wir müssen endlich begreifen, dass es ums Ganze geht! Man kann doch das Land nicht irgendwelchen linken Spinnern überlassen!“ „Aber wenn der Markt das so regelt?“ „Der Markt, der Markt – die Wähler wollen eine Tyrannei der werktätigen Massen installieren, das können wir doch nicht einfach so hinnehmen!“ „Aber…“ „Kein Aber! Oder wollen Sie einen Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden?“

„Jetzt nehmen Sie doch mal Vernunft an, wir müssen die Idee des Liberalismus für die deutsche Gesellschaft wieder…“ „Eben, das ist doch genau der Knackpunkt! Die sind alle zu blöd, eine vernünftige Partei zu wählen! Wenn wir mit den Zweitstimmen in den Bundestag gekommen wären, dann müssten wir uns jetzt nicht mit diesen ganzen sozialistischen Vereinen herumärgern.“ „Das habe ich aber etwas anders empfunden. Schließlich haben wir den Verlust der Union zu verdanken, und es nützt jetzt auch nichts mehr, den Konservativen hinterherzurennen.“ „Deshalb müssen wir uns ja auch neu positionieren. Es geht doch ums Ganze! Wir brauchen starke Signale für Deutschland, für Steuersenkungen und mehr Leistungsbereitschaft!“ „Und Sie finden, dass ich eine Schraube locker hätte? Wozu denn Steuersenkungen?“ „Es muss uns doch einer wählen, und das es ja auch ums Ganze geht, müssen wir den Wählern etwas versprechen, was mehr verspricht, als eine politische Eintagsfliege zu sein.“ „Das ist doch aber eine populistische…“ „Haben wir das Thema nicht seit 1998 in jedem Wahlkampf gehabt?“ „Das mag sein, aber nicht so, wie Sie es…“ „Und jetzt auf einmal sind wir uns zu fein dafür? wie!?“ „Hören Sie doch mal damit auf, das ist doch geschmacklos!“ „Und machen Sie sich mal klar, wenn wir uns gegen Steuersenkungen aussprechen, verlieren wir sofort wie Wirtschaft.“ „Ja und?“ „Ja und, ja und – zahlen Sie dann den nächsten Wahlkampf, oder was!?“

„Also mit Ihnen ist die inhaltliche Erneuerung der Parte nicht zu machen?“ „Wer etwas für dieses Land leistet, für den muss es sich auch wieder lohnen!“ „Können Sie jetzt bitte mal mit Ihren verdammten Sprechblasen aufhören?“ „Wir müssen jetzt einen entscheidenden Kampf gewinnen gegen alle Kräfte, die dieses Land in eine stalinistische Mehrheitsdiktatur verwandeln wollen, wo Sie ins Straflager kommen, wenn Sie donnerstags Wurst essen!“ „Hallo!? Was haben Sie denn geraucht?“ „Es geht ums Ganze, verstehen Sie? ums Ganze!“ „Was ist denn bloß in Sie gefahren?“ „Mensch, mein Wahlkreis ist futsch!“