Strahlemann

10 10 2013

Bismarck hockte in der Ecke, was daran lag, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb. „Wir müssen die elektrischen Felder dämpfen“, keuchte Breschke, „außerdem ist der Teppich an der Stelle etwas dünn, deshalb habe ich die Sitzgruppe in die andere Ecke geräumt.“ Das Tischchen mit dem antiquierten Radioapparat und die Standuhr waren hinter dem Sofa verschwunden, die Stehlampe klemmte zwischen Sesseln und Zeitschriftenständer. Es wurde gründlich aufgeräumt. Bald würde es in diesem Haus sicher keine elektromagnetischen Wellen mehr geben.

„Es liegt an diesen Elektrofeldern, die machen uns alle noch krank.“ Der Alte tupfte sich mit dem Sacktuch den Schweiß von der hohen Stirn. „Wenn ich sehe, wie die Schwingungswellen sich hier kreuzen und überlagern, dann kann das ja nur negative Folgen haben.“ „Und Sie haben das auch ganz genau nachgeprüft?“ Mein Einwand war nur Wasser auf seine Mühlen. „Mit dem Strahlenmesser und einer geeichten Skala“, verkündete er stolz. Dass sich die Skala auf einer Personenwaage befand, auf die er sich laut Versuchsanordnung stellen musste, erfuhr ich erst später, aber die Hauptsache war, dass Herr Breschke zufrieden war. „Dieser Elektrosmog“, knurrte er, „der wird uns nicht kriegen.“ Offenbar war er fest entschlossen, an einem Sprung in der Schüssel zu versterben.

Auf einem Sessel befand sich ein Drahtgewirr, als hätte man Kleiderbügel aus der Reinigung aufgebogen. „Passen Sie auf“, triumphierte er, „ich werde Ihnen zeigen, dass es kein Hirngespinst ist!“ Horst Breschke schnappte sich zwei Drahtstücke, die am oberen Ende zusammengezwirbelt waren. „Gleich werden wir sehen, ob sich die molekularen Verbindungen bei den magnetischen Strahlen aus dem Erdkerngatter trennen.“ Er fuchtelte durch die Gegend mit der Wünschelrute, doch nichts geschah. Offensichtlich war das Wasser unterhalb des Kellers noch nicht wach. „Bestimmt ein elektronischer Magnetismus“, mutmaßte Breschke. „Ich kann mich nicht irren!“ Dabei flutschte ihm der Bügel aus der Hand. „Wahrscheinlich sind Sie selbst der Strahlemann“, analysierte ich trocken, „und das Ding fühlt sich von Ihnen abgestoßen.“ „Unsinn“, empörte sich Breschke. „Ihre Nachbarin hätte mich doch gewarnt!“

Sigune, die ihr bei Vollmond abgefülltes Informationswasser mit einem Silberlöffel rührt, bevor sie es auf die Zimmerpflanzen kippt, die Wohnung nach Feng Shui ausrichtet, wobei jedes Zimmer andere Himmelsrichtungen hat, jene Sigune, die babylonische Liebesrituale nachtanzt, um den Paketboten in ihrer Wohnung zu bannen. Im Grunde ist sie ein liebenswürdiges Wesen, nur hat es seine Vorteile, wenn man ihr nicht begegnet.

„Vielleicht wäre es sogar besser, ich würde das ganze Haus mit der Strahlenfalle ausrüsten.“ Er musste bemerkt haben, dass ich zurückzuckte, und so wiegelte er schnell ab. „Natürlich habe ich nicht sofort die teure Luxus-Strahlenfalle mit Rotations- und Erdschwungausgleichskern bestellt“, erzählte Breschke, „sondern erst nur den Bausatz für die wichtigsten Strahlenkreuzungsfelder.“ In der Plastiktüte, deren chinesischer Aufdruck die Herkunft aus New York nur mangelhaft verschleierte (die Freiheitsstatue sah ein bisschen aus wie Miss Saigon nach einer schweren Grippe), befanden sich gut drei Dutzend Spulen zu je hundert Metern Kupferdraht. „Man müsste die Meridiane mit den Feldlinien kreuzen, oder so ähnlich.“ Ich schlug vor, einen Elektroingenieur mit Fachschulabschluss als Hellseher zu engagieren, erntete aber nur einen verständnislosen Blick. Immerhin verstand mich Bismarck; er rührte sich nicht vom Fleck, wedelte aber erwartungsvoll mit dem Schwanz.

Just in diesem Augenblick meldete sich Herr Doktor Klengel. Dem Gespräch entnahm ich, dass sich Breschke vor Wochen über rheumatische Beschwerden beklagt haben musste. „Nicht der Rede wert“, befand er, „und wir haben den Auslöser auch schon gefunden. Ja, diese Elektrostrahlung. Dabei haben wir nicht einmal einen Funkmast auf dem Dach. “ Der Hausarzt war’s zufrieden. „Man muss mit den Leuten nur streng wissenschaftlich reden“, verriet er mir. „Sie verstehen es ja, auch wenn sie es nur ungern zugeben.“ Und er steckte das Mobiltelefon wieder in die Jackentasche.

Er wickelte das Ende des Drahtes um das Stuhlbein und kreuzte einmal den Raum; dann erst hielt er Ausschau und stellte fest, dass er sein Fädchen schlecht am Dackel verknoten könne. „Sie sollten einen Stuhl in die Ecke stellen“, riet ich ihm. „Falls es nicht Ihr elektromagnetisches Muster stört.“ Ein hervorstehender Nagel in der Fußleiste erfüllte seinen Zweck. Die Kommode mit dem Spitzendeckchen und der Schäfergruppe. Das Radio (linke Ecke), die Sofalehne, der Sesselrücken, der Türknauf, ein Fenstergriff, das Radio (rechte Ecke), die Aktentasche unter dem Stuhl, vor dem die Kommode stand, noch ein Fenstergriff, und dann wurde es langsam zu kompliziert, da Breschke sich in der räumlichen Wirkung des Drahtwickelns kräftig verschätzt hatte. „Ich müsste wohl da auf den Tisch“, vermutete er, „und dann könnte ich über das Sofa unter dem Klappstuhl durchkriechen.“ „Ein guter Plan“, stimmt ich zu. Doch es war zu spät. Bismarck hatte sich erhoben, im Draht verheddert und sorgte für eine Kettenreaktion. Das Schäferpärchen beschrieb eine anmutige Flugkurve auf die Kommode zu. Der Radioapparat (rechte Ecke) kollidierte mit dem Sofa an der gegenüberliegenden Wand. Bismarck verschwand jaulend im Flur. „Gut gemacht“, lobte ich bissig. „Immerhin müssen Sie das Zimmer vor dem Renovieren nicht mehr aufräumen.“ Breschke war konsterniert. „Eine Kettenreaktion! Was hat das zu bedeuten?“ „Sicher eine Wasserader“, beruhigte ich ihn. Er ließ sich in einen Sessel fallen. „Hauptsache, die Erdstrahlen sind jetzt weg. Die sind doch jetzt weg, oder? Oder!?“