Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXV): Reizüberflutung

11 10 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Gut, dass der prädiluviale Hominide nicht noch 148.713 Mail checken musste. Ansonsten hätte ihn ein durchschnittlicher Tag in einer Fußgängerzone mit ihren anregend blinkenden Leuchtfeuern um das bisschen Verstand bringen können, das ihm das akustische Geballer eines Einkaufszentrums noch gelassen hätte. Er hätte sich zurückgesehnt auf die friedliche Weide, wo das sanftmütige Rind die Vegetation zu laktosefreier Milch verhüttet, ein Idyll an intellektueller Anspruchslosigkeit, in dem auch Bayern und andere geistig nicht gesegnete Günstlinge der Evolution sich friedlich ins Private zurückziehen können. Kein grober Sinnenkitzel hätte die Beknackten angerührt, kein Stimulus sie zu Verrechnungsleistungen gebracht, mit denen am Ende höhere Schweinereien gerechtfertigt würden. Ein ruhiges Leben wäre es gewesen, doch wo gibt es das heute noch? Nicht in einer Welt der vorsätzlichen Reizüberflutung.

Sie ist wie der zu dick aufgetragene Lidschatten der Schwester im Aufwachraum: kaum sieht man die Vierfarbfresse, möchte man am liebsten sofort ins Koma zurück. Zu viel sinnloses Geballer, zu viel Synchrongehampel, und keiner weiß so recht, wer sich das ausgedacht, wer damit angefangen hat. Die ubiquitäre Lautstärke, die angeblich der Verführung dienen soll, sie ist nur ein Zwischenwert auf der Spirale der nervtötenden Zumutungen. Im Trommelfeuer der empirischen Fußtritte wird der Bekloppte nicht langsam, aber ziemlich sicher zu Boden befördert und nivelliert, damit das Stahlgewitter ungestört weiterballern kann.

Die postmodern multimediale Freakshow aus potenziertem Werbe-, Marken- und Attitüdengetröte deformiert den Bescheuerten von allen Seiten gleichmäßig, und es scheint ein Wunder, dass er noch nicht wie ein Golfball allseitig eingedellt durch die Reste der freien Welt kullert, zwischen erratischen Wortspenden und niederschwelligem Unterhaltungsangebot der Massenverdeppung auf alle bezahlbaren Kanälen, demagogischem Gekübel und den ästhetischen Kasperaden einer als Mode verkleideten Selbstverstümmelung. Allein die Lichtverschmutzung durch das Blinkibunti der Flimmerreklame wirft die Populationszyklen mancher Insekten komplett durcheinander, mit der Folge, dass sie lieber an den Lockmitteln für halbseidene Lokale verenden, statt sich selbst fröhlich zu vermehren, Pflanzen zu bestäuben und die Streuobsternte stabil zu halten. Die Flut arbeitet nicht exklusiv.

Natürlich hat der Jetztmensch, die Flipperkugel zwischen Job, Konsum und Unterschichten-TV, sein Päckchen zu tragen. Jede der Kräfte sucht ihn mehr zu beeinflussen als die anderen, so dass er am Ende mit neuronalen Platzwunden gesegnet in den vegetativen Modus schaltet, um sich nicht von der bedrohlichen Umwelt vollends ramponieren zu lassen. Er wünscht sich nichts mehr als Durchzug zwischen den Ohren, ballert sich mit volkstümlich verseuchtem Schlagergeschwall zu und dümpelt in der Wohlfühlzone, in der er, Mutti sei Dank, nie wieder zu reflektieren braucht, wie beschissen es ihm eigentlich geht.

Unangenehm wird es dort, wo der Filter die weniger schönen Botschaften verdrängt. Der schräg von hinten sich anschleichende Säbelzahntiger mag reflexhaft die Abwehr hervorgerufen haben, andere unangenehme Nachrichten vermögen es nicht. Die Machbarkeitsstudie, die ärztliche Diagnose, das Gerichtsurteil, nichts wirft den Bekloppten aus der Bahn, doch nicht, weil er sich einfach um das Hindernis herumschwiemelte und so täte, als ginge ihn seine eigene Existenz nur am Rande an; er schaltet auf Durchzug, weil ihn die Widerhaken der Wirklichkeit aus der Wellnessoase zu vertreiben drohen, in der er sich dauerhaft eingerichtet hat. Zeit und Raum hat er nur virtuell zur Verfügung, und so laufen die üblichen Tipps der selbst ernannten Lebenshelfer, sich ab und zu aus dem Reizleistungssystem auszuklinken, so putzig weltfremd auf wie brechreizerregend arrogant: seit wann hat der prekäre Schichtarbeiter täglich Zeit, bei barocker Berieselung sein Mahl zu bereiten und danach das gute Buch zu lesen?

Die Hirnforschung hat sich auf ihn als Gewohnheitskonsumenten eingestellt, dem sie mittels Tranquilizern die Wahrhaftigkeit seiner Scheinwelt in die Birne braten kann – lustig, dass sie dafür genau dieselbe Werbung braucht, vor der sie ihn retten will, genau dasselbe biochemische Sperrfeuer, das sie auszuschalten versucht. Der Teufel lacht sich in Beelzebubs Fäustchen. Wahrscheinlich ist es das, was die Koksgnome aus der Heißluftetage als Neuromarketing ausgeben, oder es ist ihnen nichts Besseres eingefallen zwischen Meeting und Hinterwandinfarkt. An der Stressresilienz wird es nicht gelegen haben. Gut möglich, dass sie unter Reizüberflutung leiden.