Großer Glanz von innen

15 10 2013

„Und dann schneiden Sie das Brötchen in dünne Scheiben.“ Kröllsiepe machte es vor, während die Schüler teils regungslos starrten, teils Notizen auf ihre Zettel kritzelten. „Sie können die Scheiben mit Margarine bestreichen, aber das ist natürlich nicht figurfreundlich. Für den Arbeitsmarkt zählt letztlich nur der, der eiserne Disziplin zu halten versteht.“ Blanke Angst machte sich in den Augen der Kursteilnehmer breit.

„Klar, täglich haben wir diese Schockerthemen nicht im Programm.“ Kröllsiepe lehnte lässig auf dem Stuhl, während sich die Eleven im Nieselregen die Beine in den Bauch standen; ein Pausenangebot hätte schließlich Geld gekostet. „Aber wir haben einen Bildungsauftrag: die Deutschen auf ihre sozialen Perspektiven aufmerksam machen, ihnen vor Augen führen, dass wir jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt haben und sie deshalb für ihren weiteren Lebensweg nicht mehr viel zu erwarten hätten.“ Ich rümpfte ein wenig die Nase. „Und deshalb werden diese Bürger im Alter hungern?“ Er brach in pruschendes Gelächter aus. „Im Alter? Sie sind mir ja vielleicht ein Spaßvogel! Im Alter – Donnerwetter, das nenne ich mal – hahaha! – im Alter! Ach was, im Alter. Jetzt natürlich. Sofort.“

Die Dame im besten Alter verstand nicht sofort. „Hinken? warum sollte ich hinken?“ Kröllsiepe machte es vor. „Indem Sie einen Fuß weniger belasten, schonen Sie einen Schuh und müssen ihn nicht so oft besohlen lassen.“ „Aber wenn ich immer nur auf einem Bein hinke, dann geht doch der eine Schuh viel schneller kaputt als der andere.“ Jetzt verstand ich. Diese Armutskurse für die Mittelschicht waren nicht nur ein soziales, sie waren vor allem ein Bildungsproblem. „Natürlich müssen Sie es abwechseln“, erläuterte der Dozent, „am Montag links, am Dienstag rechts, das wird sich schon finden.“ „Und wenn ich den ganzen Dienstag im Haus bleibe?“ Er stöhnte leise auf. „Machen Sie es kleinschrittiger“, sekundierte ich, „gehen Sie auf dem linken Schuh zur Post und auf dem rechten zurück.“ Sie strahlte. „Das habe ich jetzt verstanden! Kleine Schritte, damit spart man Energie!“

Es war schon erstaunlich, wie viele der Eleven nicht wussten, dass man mit gemeinem Essig Küche und Kühlschrank, Badewanne und Fensterscheiben putzen kann. Anscheinend hatte ein Großteil von ihnen Hauspersonal und daher wenig Ahnung von Kalkrändern und Stockflecken. Sie fuhren auch nicht Rad oder Bus, wussten nicht, wie viel ein Päckchen Butter kostete oder ein Stück Wäsche in der Heißmangel. Armut war immer noch ein großer Glanz von innen, den sich die meisten verkniffen.

Kröllsiepe knabberte an den Brotrinden aus seiner Frühstücksdose. „Ich habe es gleich gesagt, das wird nicht funktionieren.“ Er kaute und kaute. „Nicht die Erfahrung materieller Beschränktheit ist der springende Punkt, sondern die Stellung im sozialen Gefüge. Machen Sie das doch mal jemandem klar – vierzig Jahre lang gearbeitet, auch für die niedrigsten Löhne, weil man einfach stolz war, etwas zu leisten, und dann wird man wie der letzte Dreck behandelt. Wir brauchen eine neue soziale Ordnung.“ Ich begann zu begreifen. „Sie brauchen einen neuen Bodensatz, von dem sie sich distanzieren können.“ Kröllsiepe besah angestrengt seine Fingernägel. „Sie sagen das so“, sagte er so, „und Sie liegen auch nicht verkehrt.“ Er bot mir ein Stück Brotrinde an; ich lehnte dankend ab. „Wen haben Sie sich denn als neue Unterschicht erkoren?“ Er deutete mit dem Kopf nach rechts. Ich stutzte. „Sie brauchen sich nicht zu wundern“, beruhigte er mich, „es klingt alles ganz plausibel. Wir haben das alles sehr genau durchgerechnet und auch nicht vergessen, wer uns diese Kalkulation eingebrockt hat.“ Er wollte also tatsächlich die FDP-Abgeordneten vorführen.

„Meinen Sie nicht, in dieser schwierigen wirtschaftlichen Situation wäre ein wenig mehr Solidarität angebracht?“ Kröllsiepe lachte schallend. „Sie sind mir ein Spaßvogel! Diese Leute haben nichts Ordentliches gelernt…“ „Die meisten sind Juristen“, unterbrach ich ihn, doch er wehrte verärgert ab. „… nichts Ordentliches, haben nie wirklich arbeiten müssen, und jetzt erwarten sie, dass man ihnen ihren Lebensstandard weiter finanziert. Sie werden sich anpassen müssen – wie alle anderen auch.“ Er ordnete einen Stapel Schaubilder, was man alles an schönen Dingen aus weggeworfenen Kunststofftüten basteln kann. „Und da sie uns jahrelang mit dem Unsinn in den Ohren gelegen haben, dass sich Leistung wieder lohnen müsse, bekommen sie nun ausreichend Gelegenheit, das unter Beweis zu stellen.“

Während ich mich hinausschlich, füllte die Klasse Antragsformulare aus. Aber wenigstens hatte Kröllsiepe ihnen beigebracht, wie man leere Kugelschreiberminen dazu benutzen konnte. Wir würden keine höheren Renten brauchen.


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