Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXVI): Das Wohlstandsevangelium

18 10 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Überall da, wo eine Gesellschaft Moral zeigen könnte – und da, wo sie es sollte, zeigt sie sie nie – ist auch eine vorhanden; meist ist sie antiquiert, selten hat sie etwas mit der Wirklichkeit zu tun, und dass sie so durchdacht ist, gereicht ihr nicht immer zum objektiven Vorteil. Wo sie sich höherer Wesen bemächtigt, die wir verehren, lässt sie jede Ethik durchdrücken, auch die, die ohne Spuren von Nüssen und Moral auskommt. Alle diese Konstrukte nehmen für sich in Anspruch, die Sitten der kompletten Gesellschaft wohlgefällig zu ordnen, und doch ist es nichts weniger als der plumpe Versuch, die bestehenden Verhältnisse zu verschärfen. Beispielsweise mit Hilfe des Wohlstandsevangeliums.

Die Idee, allein die materielle Begüterung sei für die Qualität einer Grützbirne entscheidend, ist eine putzige Marotte und derart beknackt, dass sie für den operativen Kernbereich einer Religion wie geschaffen erscheint; fliegende Schweine, ad hoc reinkarnierte Revoluzzer oder wundertätige Hominiden, die den Grundannahmen der Physik widersprechen, haben es da schon schwerer. Wer immer sich diesen Murks ins Fäustchen geschwiemelt haben wird, er hatte jedenfalls Besseres zu tun als Nächstenliebe zu verbreiten oder Idealismus. Für Rhesuspfäffchen eine praktische Lehre, denn es enthebt jeglicher Verantwortung, und welche totalitäre Ideologie wäre darüber nicht glücklich. Schließlich wird noch der Lottogewinn, der nicht einmal durch Schicksal besser erklärt werden kann als durch den Zufall, zum Prüfstein der Gottgefälligkeit. Wie sich in diesem denkerischen Gerümpel die biblische Armut verkantet, wird planmäßig unterschlagen, je eher, desto werberischer das Gefrömmel sich unter die Leute wanzt: bald gelten nicht mehr moderate Mittel, bald gilt schon ausufernder Luxus als approbierte Huld, später die anhaltende Gesundheit. Inzwischen hält die soziale Zusammenrottung bereits eine betriebsbedingte Kündigung für den Nachweis, ein Schwein zu sein. Da können noch die Buddhisten lernen.

Gerade die calvinistische Leichtbauweise der Soziologie bekennt sich ausdrücklich zur unbedingten Askese und materiellen Verachtung, um durch manisch tugendhaftes Getue zu höchstem Ansehen zu finden. Dass in den frühkapitalistischen Moralinansammlungen gerade durch unermüdliche Arbeit gewachsenes Vermögen (ein frommer Wunsch überdies, weil so gut wie nie nachweisbar) als Abzeichen höherer Gnade galt, widerspricht so gut wie jedem eigenen Tugendbedürfnis, gerade auch der geradezu grotesk verargumentierten Geworfenheit des Bescheuerten: wer auf der Schnauze landet, blutet aus Vorhersehung, wer den Stunt unbeschadet übersteht, hat lediglich durch höherwertigen Glauben ein neues Level erreicht. So viel Schnaps gibt es nicht, dass sich diesen Quark ein Kriechpriester aus der Birne möllert und ihn auch noch für die Synthese aus Vernunft und Aberglaube hält.

Wohlstand, sagt der gemeine Religiot, ist also nichts mehr als ein Symptom der Zuneigung jenes höheren Wesens, das zwar irgendwann gratis und blanko Vergebung und Chancengleichheit versprochen hat, aber sicher war das nicht so gemeint, denn wenn er schon ein Symptom ist, muss es auch einen Grund dafür geben, und welcher Schnösel hielte seinen Kapital nicht für ehrlich verdiente Asche, auch und gerade dann, wenn es sich um Erbe oder Spekulationsgewinn handelte. Die Bigotterie der pseudotheologischen Moral liegt darin, dass sie das gute Werk ungeachtet der Gesinnung vom Ende her erklärt. Wer also nicht gescheitert ist, wird auch nicht scheitern, weil er nicht gescheitert ist, und wer gescheitert ist, muss sich nicht mehr bemühen, weil er ja bereits gescheitert ist. Ihr alle, die Ihr mühselig uns beladen seid, haltet gefälligst die Fresse und geht sterben.

Es ist nichts anderes als ein doppelt perfider, da in Glaubensvorstellungen betonierter New-Age-Neoliberalismus, der die Erfolge für sich selbst reklamiert, während er Scheitern als individuelles Versagen deklariert, um die Flossen in Unschuld zu waschen. Die Masse der durchschnittlich Armen, über Jahrhunderte verdübelt und verdeppt, hat nichts anderes gelernt, als zu den Mächtigen, da Reichen aufzuschauen und unreflektiert jeden Sums zu schlucken, den sie sich in ihrer Egolepsie aus dem Glibber kloppen. Keine noch so dämliche, keine noch so kriecherisch verkitschte Sicht auf die Verantwortung eines sozialen Systems kann das entschuldigen, zumal längst die Voraussetzungen und Nebenprodukte des Reichtums, Geiz, Neid und Selbstsucht, nicht mehr Todsünden sind, sondern Abzeichen der Gefälligkeit, wobei selbstgefälliges Wesen auf Eigenvergottung schließen lässt. Wer ein großes Gut sein Eigen nennt, ist unter den Bescheuerten selbst gerecht. Hoffen wir, dass es so bleibt, wenn die Brandsätze fliegen.


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