Der letzte Strohhalm

23 10 2013

„Tun Sie jetzt bloß nichts Unbedachtes – wir können doch über alles reden! Und glauben Sie mir, es gibt immer eine Lösung! Sie sind jetzt so weit gegangen, Sie haben sich uns geöffnet, dann können Sie doch jetzt auch Vertrauen fassen und über Ihre Probleme sprechen, oder? Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm.

Ich kann Ihnen das nachempfinden, das muss schon sehr, sehr schwer sein. Eine Wahl verloren, noch eine, dann noch eine Wahl so richtig vergeigt, und plötzlich kommt dann der endgültige Hammer. Das muss schon sehr, sehr schwer für Sie sein, so als SPD. So eine Koalition, und dann auch noch mit Merkel, das ist erstmal eine Aufgabe, die einen in die Lebenskrise stürzt. Nehmen Sie Medikamente? Das war jetzt nicht auf Ihren Wahlkampf bezogen, wirklich nicht! Aber wir kennen auch solche Fälle, in denen wir sehen, dass dann plötzlich eine starke Verschiebung der Realitätswahrnehmung einsetzt, eine gestörte Selbstwahrnehmung, eine regelrechte Identitätskrise – das muss sehr, sehr schwer sein!

Wir gehen ja ganzheitlich an die Situation der Suizidenten heran. Das ist bei einem Bilanzsuizid die beste Art, sich mit einem Lebensmüden zu verständigen. Wir müssen das Problem gemeinsam in den Griff kriegen, verstehen Sie, wir müssen da eine gemeinsame Lösung – nicht springen! Es tut mir leid, ich wollte das nicht sagen! Ich wollte das nicht! Wirklich, ich wollte das nicht! – Alles ist gut, verstehen Sie? Alles ist gut!

Also die ganzheitliche Situation. Wir müssen den Überblick behalten, um die Persönlichkeit auch beurteilen zu können. Wir müssen sehen, wo die psychischen Defizite liegen, um dann die soziale Lage adäquat aufarbeiten zu können. Das geht ja auch den Habitus an, also die Klassenzugehörigkeit, den Status und – unverständlich? Hören Sie mal, sind Sie in der SPD oder ich!?

Natürlich nehmen wir Ihre Lage sehr ernst! Sie zeigen doch die klassischen Zeichen eines ganz ausgeprägten Todeswunsches: zunächst diese manische Einengung des Denkens, dann das stetige Pendeln zwischen Hemmung und Aggression, die sich aber immer mehr gegen sich selbst richtet, und schließlich diese Fantasien, wie es wäre, wenn man nicht mehr da ist. Natürlich nehmen wir Ihre Lage ernst, das haben wir doch gerade erst miterlebt, wie plötzlich das eskalieren kann. Erinnern Sie sich noch? die FDP? Das war doch kein Alter zum Sterben!

Fühlen Sie sich isoliert? Ich meine nicht, weil Sie diesen Klops da als Parteivorsitzenden haben, der sie dahin führt, wo sie ihn längst hätten jagen sollen: in die Wüste, wo sie am wüstesten ist. Haben Sie den Eindruck, Sie seien irgendwie nicht Teil der Gesellschaft? ausgestoßen? Keiner nimmt Sie mehr ernst? Das ist schon mal ein guter Anfang, ich meine, dann haben wir für den Anfang schon mal den Nachweis, dass die Realitätswahrnehmung bei Ihnen doch noch halbwegs intakt sein dürfte. Ja, das ist ein gutes Zeichen! Wir wissen dann, dass wir vielleicht noch nicht ganz auf verlorenem Posten sehen. Möglicherweise.

Und wenn Sie mal beschreiben, wie sich das anfühlt, wenn man – nicht! Gehen Sie da weg! Nicht so weit an den Rand! Dann sieht man Sie vielleicht von unten besser, von ganz weit unten, aber was bringt Ihnen das? Sarrazin hat das auch schon probiert. Lassen Sie das besser!

Sie können sich uns gegenüber vollkommen öffnen, verstehen Sie? Wir wollen ja verhindern, dass Sie in dieser Isolation verharren, die Sie so schmerzt – fernab der Sozialdemokratie, fernab von der Parteibasis, und von den Wählern wollen wir mal gar nicht erst reden, wie? Schauen Sie, das Leben kann doch trotz allem noch lebenswert sein, oder? Es gibt doch so viel, wofür es sich zu leben lohnt, oder? Mindestlöhne, Steuererhöhungen, Gleichstellung, Frauenquote, eine Mietpreisbremse, es gibt doch so viel. Ja, man muss auch loslassen können. Notfalls auch den letzten Strohhalm. Halt, so war das doch nicht gemeint!

Jetzt setzen Sie sich mal ganz entspannt da hin, so ist gut, Rücken an die Wand, brav, und dann können wir über alles reden. Wir können doch über alles reden, oder? Eben. Man muss manchmal erst sondieren, und dann weiß man, woran man ist. Und dann wollen wir gemeinsam – zusammen, wollte ich sagen, also als Wir, wollen wir als Wir diese staatspolitische Verantwortung auch annehmen, und hier können wir eine ganzheitliche – was wollte ich sagen? Festhalten. Das kann hier sehr rutschig werden.

Also reichen Sie mir jetzt die Hand, dann haben wir ein großes Stück gemeinsamer Verantwortung geschaffen. Dann sorgen wir weiterhin dafür, dass Sie sich nicht gesellschaftlich ausgegrenzt vorkommen, und schauen Sie, das Leben geht ja auch weiter und – halt! Das war doch gar nicht als Drohung gemeint! Jetzt halten Sie sich da fest! Es ist doch noch gar nichts entschieden! Es gibt doch immer noch ganz viel Hoffnung – möglicherweise kommen Sie sogar noch in die Opposition!“