Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXVII): Leben auf Knopfdruck

25 10 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende war für den Hominiden die Verquickung von Ursache und Wirkung ersichtlich. Wollte er Mammut, musste er eins jagen, wollte er es verzehren, bot sich ein gründlicher Bratvorgang an. Erst die Arbeit kam, dann, so sich das Leben überhaupt an die Gebrauchsanweisung hielt, das Vergnügen, und nicht wenige Dinge waren erst köstlich aufgrund der Tatsache, dass es große Mühen bereitet hatte, sie zu schaffen, zu suchen, am Boden festzunageln oder auf stumpfsinnige Art aus der Flut kleinster Gegenstände herauszupopeln. Welch ein Akt muss es für den Beduinen der späten Antike gewesen sein, die Kirschen des Kaffeestrauchs zu pflücken, zu rösten, zu mahlen, Wasser zu schöpfen und zu erhitzen, um sich eine Schale des bitteren Tranks zu brühen, während der tumbe Jetztmensch am Automaten auf dem Büroflur bloß die Griffel auf den Taster patscht, um sein streng nach weichem Plastik müffelndes Geplörr abzuzapfen. Er lebt, entfremdet von der Vorleistung, auf Knopfdruck.

So vieles schenkt uns die elektrische Technik, wenn wir nur einmal auf Knöpfe, Taster, Schalter und Wippen tippen, es ertönen schlimme Schlager und Süßwaren okkulter Zusammensetzung purzeln aus den Schächten der Verkaufskisten. Nach verbranntem Staub stinkende Heißluft jodelt aus dem Haartrockner, als habe gerade ein FDP-Parteitag im Oberstübchen begonnen. Knips. Der Bus hält, nachdem ein trübes Lämpchen Bus hält ins Wageninnere gefunzelt hat. Klingeln klingeln, Toaster toasten und eine Herde Herde lässt mählich die Milch überkochen. Bisweilen ist der Widerstand gering, es bedarf nur eines winzigen Drucks, schon ist das Telefon stumm, die Birne glüht, der Wecker geht nicht mehr auf den solchen. An anderer Stelle jedoch sind gewaltige Leistungen zu erbringen, zentimeterweise Hub will überwunden sein, eine rein mechanische Willensbekundung, die ihr aggressionsförderndes Ideal findet in der hektisch tackernden Tastatur der Schreibmaschine. Hier geschieht nichts ohne Grund, und doch ist der Typenhauer ein reines Wesen der technischen Idee: die Mühe wird für den Anwender verringert, er drischt identische Zeichen ins Papier, wo er noch zuvor krakelnde Kringel auf den Beschreibstoff kratzen musste. So wird der Akt der Schrift simplifiziert.

Nicht aber moderner Kram, der noch elektrisch oder doch schon elektronisch funktioniert, mit Bildschirmen, auf denen Mäusezeiger auf dies und jenes zeigen können, wenn nicht längst die fettigen Pfoten selbst auf Klickibuntiflächen schwiemeln und sich manuell durch die Verrichtung grabbeln. Kein haptisches Erlebnis will sich einstellen, mehr noch, das Gefühl der Entfremdung bei gleichmäßig überfingerten Zielflugarealen mit zweckmäßiger Hintergrundbeleuchtung, die das Elend der weit verkeimten Schmier- und Klatschorgien anderer Zeitgenossen noch gesteigert ins Bewusstsein dellen, nimmt proportional zu mit der Leichtigkeit des virtualisierten Vorgangs.

Gemächliche Gemüter, die das Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht vollinhaltlich gerafft haben, verwechseln dabei gerne die Proportionalität und ahnen hinter jeder Schießsimulation, die sich leicht mit den ortsüblichen Zeigegeräten am PC bedienen lässt, ein lebensechtes Killertraining – wie ja auch bezahlte Mörder meist mit Klapprechnern bewaffnet übers Schlachtfeld stolpern und den Feind hochauflösend über die Wupper schnipsen. Ansonsten hätte bereits die Erfindung der elektrischen Nähmaschine das Volk in willenlose Burkaträgerinnen verwandelt, weil es sich automatisiert leichter steppt und rändelt. Nicht jede Entwicklung ist nur schlecht, und was soll der Benutzer anderes fordern als den Schalter, der sich ohne vorheriges Muskelaufbautraining bedienen ließe.

Dennoch geht damit etwas unwiederbringlich verloren von der Erhabenheit des Augenblicks, in dem die Kuppe den fest umrissenen Bereich eines funktionalen Druckpunktes berührt: nicht die reine Anwesenheit des Körperlichen reicht aus, um die Materie zu wandeln, es ist das Überwinden des ewigen Widerstandes, der das Heroische mit sich bringt, und sei es in jenem Moment, in dem das melodiöse Brüllen des Staubsaugers den Putz von den Wänden marmelt. Wir schalten an, wir schalten aus. Klick. Klickklick. Touchtouchtouch. Nichts regt, nichts rührt sich, kein Hebel legt sich um, kein gummiummantelter Wulst springt wie erschrocken über die eigene Existenz wieder raus aus dem Gehäuse, bevor die Waschmaschine Ruhe gibt. Nichts ist anders. Die Standbybirne glimmt noch gehässig nach, wir haben es nicht geschafft, die Kiste vom Netz zu kriegen. Es bliebe die letzte Versuchung, den Stecker zu ziehen. Warum geht das eigentlich nicht auf Knopfdruck?