Demokratieabgabe

31 10 2013

„Muss man das sehen?“ „Keine Ahnung, aber vielleicht sollten wir das trotzdem mal senden.“ „Finde ich auch.“ „Das ist doch viel zu pauschal.“ „Finde ich nicht.“ „Also jetzt mal direkt gefragt: müssen wir jedes Ereignis zu einer Sondersendung machen?“

„Die Kanzlerin wurde abgehört, da kann man doch auch mal…“ „Aber wir leben schließlich in einer Demokratie.“ „Also müssen wir…“ „Und es war auch nur eine.“ „… auch dafür sorgen, dass die demokratischen Rechte gewahrt bleiben.“ „Es war eine Politikerin.“ „Und dazu die Bundeskanzlerin, richtig?“ „Leute, das war diese Schnepfe im Hosenanzug. Die ist eine von 80 Millionen, also was soll der Scheiß?“ „Wer einen von uns…“ „Könnten Sie sich Ihren religiösen Fanatismus bitte mal in eine Körperöffnung nach Wahl stecken?“ „Und was ist mit dem Grundgesetz?“ „Soll ich Ihnen einen Festvortrag über Minderheitenschutz halten? Eine von 80 Millionen, die Alte soll sich gefälligst am Riemen reißen!“ „Aber in einer Demokratie muss man…“ „Genau, Demokratie!“ „In unserer Demokratie entscheidet der Bündnispartner, was demokratisch ist. Haben Sie etwa ein Problem damit?“

„Ich finde…“ „So, finden Sie?“ „… dass diese Abhörsache durchaus mehr…“ „Das will doch der interessierte Zuschauer gar nicht mehr sehen.“ „wer ist denn der interessierte Zuschauer?“ „Interessiert sich denn der Zuschauer nicht mehr für…“ „Das sind natürlich die Werbekunden, verstehen Sie, und die interessieren sich nicht mehr für Staatskrisen.“ „Ich finde das ja…“ „Es sei Ihnen unbenommen, aber eine Staatskrise ist halt nicht sexy, deshalb machen wir auch keine Sondersendungen darüber.“ „Dann ist die Flut im Sommer sexy gewesen?“ „Sie wären wohl gerne arbeitslos?“

„Wozu bekommen wir eigentlich diese Gebühren?“ „Das ist wie Kirchensteuer: wird vom Staat eingetrieben, und die Trottel da draußen dürfen sich fragen, wofür wir ihre Kohle verbraten.“ „Also…“ „Das ist doch nicht besonders demokratisch.“ „Dafür heißt der Zwang ja auch Demokratieabgabe.“

„Sie müssen das auch mal unter medialen Gesichtspunkten betrachten.“ „Da bin ich aber mal gespannt.“ „Medien nach medialen Gesichtspunkten beurteilen, das ist ja ganz neu!“ „Finde ich auch.“ „Das ist doch viel zu pauschal.“ „Finde ich nicht.“ „Ich wollte ja nur sagen, wir müssen die Interessenlage der Zuschauer im Auge behalten.“ „Weil das die Zuschauer interessiert?“ „Oder nur die interessierten Zuschauer?“ „Kann ja sein, dass die Werbeeinnahmen davon abhängen.“ „Kann ich mir nicht vorstellen.“ „Wieso nicht?“ „Fußball hat doch immer noch die beste Quote.“ „Und welchen Nachrichtenwert hat das? Na? Welchen Nachrichtenwert hat so ein blödes Länderspiel? Schon mal darüber nachgedacht?“ „Sie meinen, weil man das Spiel hinterher sowieso noch einmal sieht in den Nachrichten?“ „Sagen Sie mal, hören Sie mir überhaupt zu!?“

„Wir sollten die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien sowieso einmal gründlich überdenken.“ „Geht’s Ihnen zu gut?“ „Ich würde das so nicht sagen, aber irgendwo haben Sie auch ein Stück weit recht.“ „Finde ich auch.“ „Das ist doch viel zu pauschal.“ „Finde ich nicht.“ „Es ist ja auch eine Frage der Glaubwürdigkeit, ob wir uns als Staatsfernsehen…“ „Wir sind kein Staatsfernsehen, wenn Sie das meinen, dann können Sie gerne nach Nordkorea auswandern!“ „… begreifen oder als unabhängige mediale Kraft, die genug Rückhalt hat, um sich auch investigativen Journalismus zu leisten.“ „Natürlich haben wir genug Rückhalt. Wir sind schließlich die größte mediale Macht im Land. Und das verpflichtet auch.“ „Sie meinen, dass wir gegenüber den Privaten eine Vorbildfunktion haben?“ „Eher eine Platzhirschfunktion.“ „Dafür kriegen die alle guten Werbedeals.“ „Auf jeden Fall sollten Sie das nicht überbewerten. Es geht doch nicht um Machtansprüche, wir sollten nur nicht die gewohnte Größe vermissen lassen.“ „Also den Sendeplatz mit der Spielshow statt der Sondersendung um die Abhöraffäre?“ „Das ist doch alles an den Haaren…“ „Sind wir als Staatssender nicht verpflichtet, Aufklärung zu…“ „Aber man darf ja nicht sagen, dass die Regierung eventuell die Sache nicht mehr im Griff…“ „War das denn jeder Fall?“ „Dass sie die Sache im Griff…“ „Nee, dass wir Aufklärung in die…“ „Dann sind wir ja echt der Staatssender, oder? Oder!?“

„So, jetzt mal Klartext.“ „Klartext?“ „Das hat sicher etwas mit Spionage zu tun.“ „Finde ich auch.“ „Wir sind als gebührenfinanzierter Sender doch privilegiert, eine Sondersendung zu machen, und wenn wir für jeden Scheißdreck…“ „Ich möchte die Politik unserer Bundesregierung nicht in diesem Tonfall beurteilt wissen!“ „… wie Schnee im Januar eine hysterische Aufregerviertelstunde im Fernsehprogramm bringen, dann frage ich mich, wozu wir eigentlich existieren.“ „Sie spielen mit Ihrer…“ „Das ist mir ziemlich egal, weil wir uns das leisten können.“ „Ich werde dem Programmdirektor…“ „Sie sind der Programmdirektor, und ich habe die Schnauze gestrichen voll.“ „Aber die Quote!“ „Wäre die nicht bei einer investigativen Enthüllung von dieser Tragweite wesentlich höher als bei einer von diesen bekloppten Spielshows?“ „Und wenn man jetzt den Abhörskandal als Talkshow…“ „Wir haben doch schon zehntausend!“ „Dann als Diskussion mit…“ „Stecken Sie sich das sonst wo rein, ja?“ „Show?“ „Auch egal.“ „Okay, nennen wir’s Die unglaubliche Show der deutschen Superspionageopfer“. „Mit Kai Pflaume?“