Sport frei

5 11 2013

Das also sollten die Stätten werden, in denen die Jugend der Welt in ehrlichem Wettkampf antreten sollte gegen die besten Sportler ihrer Disziplinen. Kühn kreuzten sich die Linien auf dem Tisch, wo das Modell die große Zukunft erahnen ließ. „Dies“, kündete Toni Knirptzsch mit einem leichten Vibrato in der Stimme, „wird den Traum wahr werden lassen. Das wird unsere Stadt sein. Das ist – Bebra!“

Ich war der Einladung ohne nachzudenken gefolgt. Schließlich gab es nicht alle Tage eine Pressekonferenz in einer deutschen Stadt, die sich um Ausrichtung der Olympischen Spiele bewarb. Ein gutes Dutzend hatte ich teils aus Nachlässigkeit versäumt, teils aus wichtigen familiären Gründen, Sonderangeboten für Gartenmöbel, Obst und Angelzubehör, wegen schlechten Wetters oder – was sich fast eine Woche hielt – chronischer Unlust. Jetzt aber stand ich in einem Büro in der hessischen Kleinstmetropole, nippte am dünnen Kaffee und betrachtete das Leuchten in den Augen des örtlichen Organisators. „Wir holen das Ding hierher“, sprach er im Brustton der Überzeugung. „Das werden wir absolut professionell machen, dagegen haben Nester wie München oder Leipzig keine Chance!“ Sein erfrischender Fanatismus ließ gar nicht erst Widerspruch aufkommen.

„Dieser Eisenbahnknotenpunkt“, begann ich vorsichtig. Knirptzsch straffte sich. „Ein ganz hervorragender Eisenbahnknotenpunkt“, stimmte er mir zu. „Wir werden leicht zu erreichen sein, alle Sportler, alle Besucher werden selbstverständlich mit der Eisenbahn zu uns kommen.“ Selbstbewusst zeigte er auf die dicht bebauten Areale der Stadt. Mir fiel auf, dass es so gut wie keine Freiflächen gab. Hatte Bebra etwa nicht an Parkplätze gedacht? „Brauchen wir nicht“, trumpfte er auf. „Wenn sie alle mit dem Zug kommen, wer braucht dann noch Parkplätze?“ Ich war tief beeindruckt, doch dann fiel mir auf, wie umfangreich die Bahnanlagen waren. „Und sie werden noch wachsen“, bemerkte Knirptzsch. „Schließlich haben wir es mit einem erhöhten Verkehrsaufkommen zu tun, nach Berechnungen der Bahn werden wir pro Tag dreimal so viele Züge wie sonst in einem Monat haben. Das rechtfertigt eine Steigerung des Personalbedarfs um mindestens – Sie dürfen das ruhig glauben – zwanzig neue Mitarbeiter!“ Natürlich nahm der Bahnhof in der Neuplanung viel Platz ein. „Da gibt es ein erprobtes Mittel: die Verlegung in die unterirdische…“ Ich verschluckte mich. Toni Knirptzsch klopfte mir kräftig auf den Rücken, während ich bellend hustete. „Na“, besänftigte er mich. „Nicht so, wie Sie denken. Wir legen ja nicht den Bahnhof unter die Erde, wir machen das einfach mit den Wettkampfstätten. Wenn die Bahn da nicht am Bau beteiligt ist, dann sollte das klappen. Und die Kosten laufen auch nicht so aus dem Ruder.“

Das Modell auf dem Konferenztisch sah aus, als hätte jemand in einem Wutanfall mit einem Besen die Landschaft wegzufegen versucht; erratisch ragten die Sprungschanze, ein Fernsehturm und ein Hotelkomplex in die Höhe, den Rest hatte man ja tiefer gelegt. Hier und da störten kleine Kirchtürme die Komposition, architektonische Pickel der Vergangenheit, die die Leistungsgesellschaft noch nicht ausgemerzt hatte. Selbstzufrieden blickte Knirptzsch auf den Sperrholzhaufen. Er stand an der Nord-Süd-Route und legte die Fingerspitzen zusammen. „Das bauen wir hinterher alles viel schöner und größer wieder auf.“

„Was ist denn das da?“ Er blinzelte. „Das wird die neue Eissporthalle. Oder die Radrennbahn.“ Ich war verwirrt, doch Knirptzsch klärte mich rasch auf. „Wir gehen hier auf Nummer Sicher und bewerben uns nicht für Sommer- oder Winterspiele. Bebra kann alles.“ Meine Frage, wie das hessische Sportzentrum im Fall der Winterspiele anständige Verhältnisse für den alpinen Skibetrieb zu schaffen gedächte, wischte er mit einer lässigen Geste vom Tisch. „Wir schütten hier die Alpen auf.“ Ich schluckte sichtbar. Das brachte ihn nicht aus dem Konzept. „Ja, Sie haben das ganz richtig verstanden. Wir schütten hier die Alpen auf. Sotschi war gestern. Wenn wir den Zuschlag kriegen, dann ist auch die Arbeitslosigkeit in Deutschland – ach, was sage ich, in Europa ist die Arbeitslosigkeit dann Geschichte!“ Beseelt starrte er auf seine sperrhölzernen Bauten, die er im Geiste nun gerade unter kubikkilometerweise Erdreich zu begraben schien. Doch das schien ihn auch nicht weiter zu stören. „Die Hauptsache ist doch, dass wir bisher keine Berghänge haben, die man großartig roden müsste, um anständige Pisten für den Abfahrtslauf zu haben. Wir haben keine Hänge, also haben wir auch keine Wälder, die dem Sport im Weg stehen. Haben Sie je ein besseres Konzept für Nachhaltigkeit gehört?“

Knirptzsch war zufrieden. Doch ich wollte ihn nicht ohne Kritik durchkommen lassen. „Was tun Sie“, fragte ich, „wenn Sie die Bürger nicht auf Ihrer Seite haben?“ Er lächelte. „Wissen Sie, wir sind hier in Bebra. Diese Stadt ist viel zu klein und provinziell für eine richtige Protestbewegung.“ Das überzeugte mich. Vor mir erstand schon die Nach-Olympia-Nutzung der Infrastruktur, aufgelassene Wettkampfstätten, leere Hotels, eine unterirdische Stadt bröckelnder Sitzplätze, während die Züge über die Ruinen des sportlichen Weltereignisses hinwegbrausten. „Vieles wird sich verändern“, visionierte Knirptzsch. „Vieles wird neu, alles wird anders, und das Beste daran: das Rathaus wird endlich niedergerissen!“