Schlagabtausch

7 11 2013

„Okay, wir fordern den Mindestlohn.“ „Ja, einverstanden.“ „Und dann fordert Ihr, dass wir auf den Mindestlohn verzichten, und dann fordern wir die Mietpreisbremse, und Ihr akzeptiert.“ „Aber die ist doch total…“ „Ihr akzeptiert.“ „… unnötig, außerdem kann man die aushebeln mit…“ „Ihr akzeptiert, klar!?“

„Wir werden schon ein vernünftiges Ergebnis hinkriegen in unseren Koalitionsverhandlungen.“ „Na sicher.“ „Aber wir sollten jetzt auch nicht so tun, als sei das ein Spaziergang.“ „Das hat auch keiner behauptet.“ „Ihr scheint allerdings sehr siegessicher, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.“ „Und?“ „Das irritiert.“ „Euch etwa?“ „Nö, nur den Wähler.“ „Pff, der hat jetzt erst mal vier Jahre lang Zeit, die Klappe zu halten.“

„Meinetwegen, dann machen wir das halt mit der Mietpreisbremse. Aber wieso?“ „Ja, was? Wollt Ihr eine Koalition oder wollt Ihr keine?“ „Soll ich jetzt lachen!? Wir hätten um ein Haar die absolute Mehrheit bei den…“ „Hätte, hätte, Fahrradkette. Habt Ihr aber nicht.“ „Aber weshalb dann dieser Schwachsinn mit der Mietpreisbremse?“ „Wieso, die funktioniert doch?“ „Aber dann holen sich das Vermieter über horrende Abstandszahlungen oder Nebenkosten wieder rein. Hundert Euro pro Monat für eine Treppenhausreinigung und zehntausend Euro Abstand für eine demolierte Küchenspüle.“ „Wen kümmert das? Wohnt einer von Euch zur Miete?“ „Aber Ihr…“ „Wir haben im Wahlkampf eine Mietpreisbremse versprochen, also kriegen sie diese verfluchte Mietpreisbremse. Ende der Diskussion.“ „Das bringt doch alles nichts, die sind doch nicht…“ „Ende der Diskussion!“ „… völlig verblödet, und die merken auch, dass das total kontraproduktiv ist.“ „Wir müssen nicht mit Euch koalieren.“ „Ihr zieht den kollektiven Selbstmord vor?“ „Dazu ist die Sozialdemokratie viel zu wichtig. Eure Kanzlerin hat schließlich fast ihr gesamtes Programm bei uns abgeschrieben. Das zeigt doch, dass sie ohne die SPD aufgeschmissen ist.“

„Man kann ja mal über kleinere Zugeständnisse reden, das war auch so vorgesehen, aber es muss doch im Rahmen bleiben.“ „Heizkostenzuschuss für Transferleistungsempfänger!“ „Wie bitte?“ „Wir müssen der Unterschicht die Heizkosten zahlen.“ „Sagt wer? „Irgendwo im Wahlprogramm, frag mich nicht.“ „Also ist das auch keine legitime Forderung?“ „Steht die im Wahlprogramm?“ „Ach so.“ „Eben.“ „Und warum stellt Ihr solche Sachen dann erst zur Diskussion?“ „Man könnte ja mal sagen, Ihr wolltet über den Mindestlohn verhandeln.“ „Dann wäre das aber eine Diskussion über die Lohnuntergrenze.“ „Ja, gut jetzt.“ „Aber das ist nicht dasselbe, das ist…“ „Gut jetzt!“ „Und was bringt uns diese Diskussion?“ „Dass wir auf diese Lohnuntergrenze…“ „Also den Mindestlohn, ja?“ „… auch gepflegt verzichten können. Interessiert eh keine Sau.“ „Und was passiert dann mit Euren ganzen Ökostrom-Projekten? mit der Erhöhung des Kindergeldes und dem Bildungspaket?“ „Interessiert mich das?“

„Wir würden Euch natürlich auch entgegenkommen, so ist das ja nun nicht.“ „Bloß nicht!“ „Nein, wirklich – den Beginn der Schuldentilgung kann man auch etwas flexibler handhaben. Das muss nicht ab 2015 sein.“ „Seid Ihr echt solche Weicheier geworden? War das die FDP?“ „Also bitte!“ „Jetzt bloß kein Zeichen von Schwäche – wir müssen uns gegen eine hart verhandelnde, geschlossene Union durchsetzen, die unsere Politik in Frage stellt.“ „Tun wir doch gar nicht.“ „Dann wird’s aber mal höchste Zeit, die erwarten einen harten Schlagabtausch und erbitterte Kontroversen über Kernthemen der deutschen Politik.“ „Steuern?“ „Lasst uns doch mit diesen dämlichen Steuern in Ruhe!“ „Wolltet Ihr nicht im Wahlkampf…“ „Das war im Wahlkampf, klar!?“

„Wir hätten noch Kriegseinsätze zu bieten.“ „Aha.“ „Hallo!?“ „Was denn?“ „Ihr müsstet jetzt mindestens protestieren und den sofortigen Abzug aus Afghanistan fordern oder sonst irgendein total zweitrangiges Ziel.“ „Das ist uns völlig wurst. Außerdem verdient unsere Rüstungsindustrie nichts, wenn wir nicht regelmäßig ein paar von denen in die Steinzeit bomben.“ „Ihr seid doch sonst für den Frieden? Gefährdet der Arbeitsplätze?“ „Nö, nur Renditen.“

„Also halten wir mal fest, dass wir die Elternzeit flexibler gestalten und die Lebensleistungsrente vom Tisch ist, weil uns bisher nichts Intelligentes eingefallen ist.“ „Tja, von der Leyen macht ja immer alles selbst.“ „Und Nahles gibt zu allem ihre blöden Kommentare.“ „Egal, auf jeden Fall haben wir jetzt endlich mal einen Bereich, in dem es Spannungen gibt.“ „Und Vorratsdatenspeicherung und Pkw-Maut und Finanztransaktionssteuer und Frauenquote und…“ „Jetzt wollen wir mal auf dem Teppich bleiben, ja?“ „Irgendwas muss doch in die Verhandlungen einfließen.“ „Tatsächlich?“ „Natürlich. Worüber wollen wir denn sonst verhandeln?“ „Interessiert mich das?“ „Wollt Ihr denn gar keine Regierungsbeteiligung mehr?“ „Klar wollen wir die. Aber mal ehrlich, wann wurde zuletzt etwas durchgesetzt, das im Koalitionsvertrag gestanden hätte?“