Leninfektion

13 11 2013

Ein Hauch von Revolution liegt in der Luft. Das Karnevalskomitee von Blagoweschtschensk (Oblast Amur, nicht Baschkortostan) ist bekannt für seine absolut unpolitischen Umzüge. Auf welche Ideen man kommt, wenn man die Gepflogenheiten der russischen Elferräterepublik nicht kennt, zeigte der Freitagstexter auf außergewöhnlich eindrucksvolle Weise.

Und wieder steht hier der glänzende Pokal auf dem kleinen mit schwerem Samt ausgeschlagenen Apfelsinenkistchen – ein letzter Blick, bevor ich den Preis weiterreiche an den Teilnehmer, der mit seinem Kommentar durch Marx und Bein die richtige Pointe traf. Packt an, Genossen.

Mit Leisen Tönen beginnen wir auf Platz drei für das Geständnis, dass die Kulturrevolution nicht der erste gründlich gescheiterte Bildungsfeldzug war:

Die neue Rechtschreiboffensive “ABC-Alarm” wurde in der russischen Provinz leider völlig mißgedeutet.

Womit wir beim Thema Volksgesundheit wären. Wie von DocTotte korrekt bemerkt, so können schmackhafte Speisen die werktätigen Massen für den Klassenkampf stärken. Oder auch nicht. Platz zwei:

„… und deshalb fordere ich, dass die scharfe Schischkebapsuppe des Towarischtsch Kopelew ab sofort in unserer Volksküche verboten wird!“

An dieser Stelle folgt sonst der Publikumspreis. Angesichts der äußeren Umstände habe ich diese Kategorie mit Billigung des Politbüros in Volksauszeichnung Erster Klasse für herausragende Verdienste auf dem Gebiet der historisch-dialektischen Forschung umbenannt. Das Komitee vergibt diesen Orden an Neon Wilderness, weil:

Auf dem 25. Parteitag der sowjetischen KP wurde die endgültige Entsorgung der Leiche Lenins sehr schnell zu einem dringlichen Entscheidungspunkt.

Und dann haben wir auf dem ersten Platz einen Beitrag zur Aufklärung. Er klärt auf, was wir alle wissen wollen, weil wir es doch eigentlich schon wissen, obwohl wir es so genau gar nicht wissen wollten. Es geht darum, was ein halbes Dutzend sozialistischer Funktionäre nach dem Absingen der Internationale treibt, um die Mitgliedsbeiträge der KPdSU auf den Kopf zu hauen. Der Sieg geht an la mamma:

der rat der volkskommissare kurz vor ihrem aufbruch zur nächtlichen pokerrunde

Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. So haben wir auch diese revolutionäre Tat der textenden Klasse wieder zum Durchbruch verholfen – Glückwunsch! – und freuen uns mit la mamma auf den nächsten Durchgang am Freitag, den 15. November. Kollektiv. Allzeit bereit!





Alarmbereit

13 11 2013

Herr Breschke pfriemelte das Elektrokabel durch die Metallschlinge und steckte es an der Fußleiste fest. „Völlig unauffällig“, versicherte er mir. „Das ist absolut sicher.“ Natürlich hätte man ein grellrosa Kabel auf einer altweiß gestrichenen Raufasertapete nicht entdeckt. Nicht, wenn man wie Breschke als pensionierter Finanzbeamte die Lesebrille nur selten im Flur trug. Erst recht nicht, wenn einem als Einbrecher die Installation dieser Alarmanlage vor der Haustür verborgen bleibt.

„Sie haben drüben im Rilkering schon zweimal eingebrochen.“ Der alte Herr zog sich an der Kommode in die Höhe und klopfte sich die Stäubchen von den Hosenbeinen. „Deshalb habe ich meiner Frau versprochen, dass ich diese Anlage gleich heute installiere.“ Vermutlich hatte er sie dazu gebracht, sich ins Unvermeidliche zu fügen, denn dieser Apparat lag bereits seit Wochen auf dem Speicher und harrte seiner Einsatzmöglichkeit. „Es ist auch alles ganz einfach“, informierte er mich. „Wir sind von der Stromversorgung nicht abhängig, und das heißt, dass wir im Fall eines allgemeinen Ausfalls weiterhin gegen Einbrüche geschützt sind.“ Ich schaute skeptisch, was ihn natürlich sofort in Alarmbereitschaft versetzte. „Denken Sie an Naturkatastrophen“, schärfte er mir ein. „Wenn hier ein Tornado über die Stadt zieht, dann werden wir nicht ausgeplündert!“

Das Kabel verlief also von einer Flachbatterie ausgehend in einem einfach zu überblickenden Stromkreis durch das ganze Haus, einschließlich der Fenster. „Was ja nicht so einfach war“, druckste er. Offensichtlich hatte das Elektrosystem wie vorgesehen auch präventiv die Fenstergriffe unter Strom gesetzt. Frau Breschke hatte die Wirkung getestet und sich nach einem kurzen Fachgespräch mit der Ansicht durchgesetzt, das Ding ganz anders aufzubauen. Wie zum Beweis schrillte es aus dem Obergeschoss – ein unbedacht geöffneter Fensterflügel setzte die Apparatur in Gang und sorgte für ohrenbetäubenden Lärm. „Man muss das dann hier unten abstellen“, schrie Breschke mich an, wiewohl ich unmittelbar neben ihm auf dem Boden kauerte. „Meine Tochter hatte da irgendwo hier in dem Heft angekreuzt.“

Natürlich seine Tochter. Sie versorgte ihn beharrlich mit obskurem Gerät, zweifelhaften Sonderangeboten und Dingen aus ungewisser Quelle, bei denen man noch froh gewesen wäre, hätte es sich einfach um unverzollte Ware aus dem ganz normalen Piratenkatalog gehandelt. Doch dies Zeug war meist aus Hinterhofwerkstätten und zwielichten Fabriken gekommen, im Internet bunt angepriesen oder während einer ihrer zahlreichen Urlaube vom radebrechenden Reiseleiter in der Hotelbar als Geheimtipp unter dem Tisch verkauft, und dies meist zu einem Preis, für den man in der Heimat anderthalb vernünftige Geräte plus einer Jahresversicherung gegen Durchbrennen und atomare Explosion bekam. Farbenfrohe Alkoholika rundeten das Bild ab, Flüssigkeiten, die man wegen ihres abnormen Zuckergehaltes nur schwer als Pinselreiniger verwenden konnte, sowie ein wirres Sammelsurium von Gebrauchsanleitungen, das wohl eigens für sie hergestellt wurde, denn wer würde aus dem Altkoreanischen über Ameisensprache und Westbaskisch nach Klingt-wie-Englisch übersetzte Falt-, Schraub- und Schweißbreviere für Sessel und Schrankwände auf die Menschheit loslassen, solange die Gefahr einer globalen Rache nicht völlig vom Tisch wäre?

Nach einer knappen Viertelstunde, kurz vor dem Eintreffen des Polizeiwagens, hatte ich beherzt die Klemme von der Batterie gezogen; noch war die Anlage scharf, aber immerhin hörte das von Sirenengeheul untermalte Klingeln auf. Ein halbes Dutzend Nachbarn hatte sich kurz und informativ auf den Wunsch geeignet, dieses infernalische Teil aus dem Haus zu beseitigen, wollte Breschke nicht selbst beseitigt werden. „Wir sollten es umbauen“, murmelte er. „Vielleicht sollten wir es wirklich umbauen.“

Mein Plan bestand darin, zunächst nur eine Art Lichthupe zu verwenden. Würde der entsprechende Kontakt unterbrochen, flösse der Strom zu einer Glimmlampe, die den Flur taghell erleuchtete, statt die Klingel ertönen zu lassen. Er stimmte mir zu. „Sehr gut. Und könnte man dann nicht auch eine zweite Leitung ins Schlafzimmer legen? Dann wäre es hell, und wenn man wach ist, hört man ja den Alarm viel besser.“ Dieser Logik freilich konnte ich mich nicht entziehen. Sofort zog ich eine zweite Strippe und montierte sie entlang des Alarmdrahtes empor an der Treppe, die das Erdgeschoss mit den oberen Räumen verband. „Hier lagen noch die alten Telefonleitungen“, zeigte der Hausherr. Die Lampenfassung über der Tür eignete sich ebenfalls hervorragend für das Sicherheitsflutlicht. Jetzt musst es bloß noch einer praktischen Prüfung standhalten. Doch nichts tat sich. Die Lampe weigerte sich und glomm nicht wie erwartet. Da fiel es mir auf. „Der Kontakt ist ja von der Batterie.“ Mit einem Handgriff war das geändert. „Warten Sie“, verkündete Breschke. „Ich hole nur noch schnell die Post aus dem Briefkasten, dann können wir oben die Lampe anbringen.“

Zitternd saß Horst Breschke auf dem Küchenhocker; die Nachbarn hatten diesmal drastische Maßnahmen angekündigt, wenn der Krach noch ein einziges Mal wiederkäme. „Hoffentlich beruhigen sie sich, wenn wir die Lampe einschrauben.“ Er tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Die reicht ja auch. Meine Frau und ich, wir sind ohnehin immer zu Hause.“