Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXIX): Im Schenkwahn

15 11 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es begann mit dem unschuldigen Blumenstrauß, den Rrt und seine Sippe zum Grillabend in der Nachbarhöhle mitbrachten; gerne gesellte sich auch ein besonders hübsches Eberzahnkettchen für die Jüngste, die demnächst wurffähig wurde und des Schmucks bedurfte, zu den festlichen Gaben, oder eine schleuderoptimierte Axt aus echtem Feuerstein mit ergonomischem Griff. Nggr hatte seine Freude an dem Stück, das ihm reichlich Beute für das nächste Gelage versprach, und das war auch das Agreement unter den Freunden: do ut des. Wer wäre auf den Trichter gekommen, das Geschenk als Waffe zu gebrauchen? Es sollte nicht dabei bleiben. Das Geschenk, vielmehr der Prozess des Schenkens, erlag einem Wahn, und wir leiden’s bis auf diese Tage.

Das Geschenk als soziale Tat – und was das Soziale ist, wäre noch zu klären – ist in erster Linie ein Druckpflaster, um den eigenen Status zu erhöhen. Brächten die Gäste einander immer nur eine Kleinigkeit mit und diese freiwillig, es gäbe weniger verbiesterte Mienen und gedankliche Bulimie, wie man es den anderen nur reinwürgen könnte, wie sie kostengünstig eine Steigerung des Tauschwerts hinkriegen könnten. Der Kapitalismus steckt schon in den Gräten, und es wäre keine Kasperade der Mächtigen, würde nicht der Schenkende selbst das Objekt sein, das für den ganzen Zinnober aufzukommen hätte. Denn wer nichts für die Sache zahlt, ist selbst das Produkt.

Die Mär vom Weihnachtsmann ist ja nicht von Ungefähr den Kindern der Leistungsgesellschaft ins Hirn gehauen worden; sie sollen alsbald die Entfremdung zwischen Geschenk-Ware und den Schenkenden, zwischen Weihnachtsmann und Elternhaus internalisieren und dabei tunlichst lernen, dass nur die Konditionierung auf den moralischen Mainstream aka. Wohlverhalten am Ende des Geschäftsjahres reichlich Rendite raus haut. Was dem Dummklumpen sein DAX, sind dem Nachwuchs Äpfel, Nüss’ und Spielkonsolen aus Bangladesch. Das Rattenrennen innerhalb der Peers, wer die dickeren Dinger abgestaubt hat, ist auch nur ein auf das Fest der Liebe projiziertes Blähverhalten der finanzierenden Eltern, die eine Aufmarschfläche für ihren verkorksten Verbrauch nötig haben.

Natürlich heizt der Einzelhandel, die Gierbolzen der Wirtschaftsnation, dieses Feuer nach Kräften an und schwiemelt seine eigenen Botschaften darunter, beispielsweise die Deklaration zahlreicher Fest- und Feiertage wie Ostern und Pfingsten als Schenk- und Konsumorgien, wie sie das Christfest nur müde toppen könnte, sowie die Zweckerfindung diverser belangloser Daten – Vater- und Mutter- und Frauen- und andere Tage, Valentin und Nikolaus – zum Kurbeln am Bruttoinlandsprodukt meist branchenspezifischer Produktgruppen (Kosmetika, Schnittblumen, Süßwaren, Schusswaffen), um die existenzialistische Grundhaltung jener Industriezweige nicht über Gebühr sichtbar zu machen. Das Schenken ist eingeübt und wird ein krudes Ritual mit käuflichem Zubehör; schon reicht es nicht mehr, sich jeden Quark mit Schleifchen auf dem Supermarkt-Wickeltisch aufzurüschen, es muss der Verpackshop sein, der das Objekt in Folien und Knisterpapier hüllt, mit Flitter überzieht und erst zu dem macht, was es wirklich sein kann: das Zeug, das die anderen Gäste beim Geburtstagsempfang so derbe abstinken lässt, dass es für einen sauberen Erbschaftsstreit reicht. Wozu schenkt man auch.

Die indigenen Völker Nordamerikas brachten es bei ihrem Spitzenpersonal mit dieser Spirale zum bitteren Ruhm: dem an sich befreundeten Stamm immer noch reichere Geschenke zu machen, bis einer von beiden schließlich im Ruin landete. Dieser Vorläufer der neoliberalen Wachstumsbesoffenheit, die im Rang einer ewigen Wahrheit gehandelt wird, fügt sich nahtlos ins Bild des Gelegenheitsmenschen, der längst die Bodenhaftung eingebüßt hat. Als endbekloppte Idee des Jahrtausends hat sich das Protzangebot für pseudokreative Blödblunzen etabliert: weil Püppi für ihren Männe nicht einfällt, ordert sie ihm zum Purzeltag eine Runde Bagger mit Abrissbirne und anschließendem Bierbrunch im Kreise der Bauarbeiter. Hunderte von Mehlmützen machen bei diesem Müll mit, Hunderte von Hobbybrezeln freuen sich einen Ast, weil sie wie Hunderte auch auf dem Quad hocken oder im Kamelsattel durch die Wüste gurken dürfen. Einzigartigkeit von der Stange, das ist das Ziel des Geschenks – der Schenker wie der Beschenkte sind gleichermaßen angeschmiert, und das zu Recht. Gäbe es doch bloß diesen Flug im Ganzkörperanzug, bei dem die Hälfte der Delinquenten im beschleunigten Anflug waagerecht gegen die Felswand schmaddert. Wir rückten die höchsten Punktzahlen raus. Freiwillig.