Überrollspur

20 11 2013

Er tippte Schadenfallmeldungen ein, eine nach der anderen. Er wirkte fahrig und unkonzentriert, alle Augenblicke wippt sein Oberkörper ein wenig vor und zurück, als sei er ständig um Ausgleich bemüht. „Ich gebe ihm noch zehn Minuten“, konstatierte Siebels. „Und in spätestens einer Viertelstunde ist er weg vom Fenster.“ Den Kameramann störte das nicht. Vollkommen gleichmütig hielt er auf den Versicherungsangestellten.

„Sie lassen ihre Verbesserungen im Arbeitsleben inzwischen nicht mehr nur im Labor testen“, knurrte Siebels. Der große TV-Produzent hatte einen Deal hingekriegt, der selbst für seine Verhältnisse außergewöhnlich war. „Wir haben eine Sendung mit Freiwilligen. Sie unterwerfen sich den Einfällen des Managements, wir drehen den Mist und senden ihn.“ Er nippte ungerührt an seinem Kaffee, der wie immer kaum nach Kaffee und um so mehr nach warmem Plastik schmeckte. Ich war unangenehm berührt. „Sie senden also diese Menschenexperimente, ohne auf die Angestellten Rücksicht zu nehmen, sehe ich das richtig?“ Ebenso ungerührt antwortete er auch. „Fast. Wir nehmen keinerlei Rücksicht, aber auf die Manager. Sie sehen es nicht vorher, beispielsweise dieses Experiment mit der Arbeitszeit. Alle vier Stunden darf sich der Abteilungsleiter für zwanzig Minuten unter dem Schreibtisch für ein kleines Nickerchen zusammenrollen, macht zwei Stunden Schlaf pro Arbeitstag. Wir drehen es mit und zeigen die schönsten Momente.“

Der Abteilungsleiter, der glasig auf seinen Bildschirm stierte, hatte offensichtlich noch im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten der Prozedur zugestimmt; ihm winkte die Versetzung an einen Standort, der schon immer bessere Zahlen schrieb, und der Posten eines Generalbevollmächtigten, der eigenhändig Mitarbeiter kündigen darf. „Ein sehr verlockendes Angebot“, gestand ich. Siebels nickte. „Deshalb wollen sie auch nur die besten Leute einstellen, und das Bewerbungsverfahren ist hart.“ Die Unterlagen in seiner Mappe zeigten, dass es dem Vorstand längst nicht mehr nur auf die Zahl der Vertragsabschlüsse ankam; auch der Quotient an Versicherten, die man im Schadenfall ohne jede Entschädigung aus den Versicherungsschutz werfen konnte, war inzwischen zweitrangig. „Es wäre um ein Haar eine Fernsehshow mit Faustkampf und Gesangseinlagen geworden“, verriet Siebels und suchte nach seinen Pfefferminzdrops. „Nur hatte die Sache einen Nachteil, Bewerbungswettkämpfe dieser Art sind längst zu realistisch.“ „Das heißt, die Zuschauer wollen es nicht mehr sehen?“ Er schüttelte den Kopf. „Keiner will in diesen Programmen mehr Werbung schalten.“

Geräuschvoll fiel der Angestellte auf seine Tastatur. Das Chaos, das er dabei zwangsläufig hinterließ, bemerkte er kaum. Schlaftrunken hielt er sich an der Schreibtischkante fest. „Er hat noch eine gute Stunde“, rechnete ich nach, „und er ist seit vorgestern wach.“ „Ein tapferer Held“, mokierte sich der ungekrönte König des investigativen Fernsehfeatures. „Er kämpft unverdrossen für die beknackte Idee irgendwelcher Vollidioten, denen die Arbeit in ihrem Versicherungskonzern längst egal ist. Der Fehler daran ist, dass er gegen sich selbst kämpft.“

Der Mann klammerte sich immer noch an die Tischkante. Leise lallte er vor sich hin. Seine Finger zitterten erheblich, es war ihm so gut wie unmöglich, einen Stapel Papiere zu sortieren. Wahrscheinlich wusste er längst nicht mehr, was er gerade tat. Wie in Trance griff er auf dem Tisch um sich. „Es ist eine Milchmädchenrechnung“, erklärte Siebels. „Wir sind das Schlafen in Intervallen durchaus gewohnt, allerdings nur im Säuglingsalter. Wenn wir Hunger haben, wachen wir auf und schreien. Dann trinken wir uns satt, schlafen wieder ein, und die ganze Sache geht von vorne los.“ Er schleuderte den Kaffeebecher in den Papierkorb. „Die neoliberalen Theoretiker gehen von sich selbst aus, mehr nicht.“ „Dass sie einen bedürfnislosen Angestellten schaffen wollen?“ Siebels runzelte die Stirn. „Dass sie erwarten, alle anderen hätten wie sie den intellektuellen Horizont eines Säuglings.“

Es war wie ein Unfall, man mochte es nicht mit ansehen, konnte aber seine Augen nicht abwenden. Wie ein Getriebener langte er nach einem Bleistift, obwohl er ihn längst nicht mehr halten konnte. Was er dort tat, stand in keinem Verhältnis mehr zu seinem Einsatz. Er glaubte noch, auf der Überholspur zu sein, doch er befand sich längst auf der Überrollspur. Vermutlich würde er sich nach dem Experiment an nichts mehr erinnern können, und das war sicher auch so gewollt.

Und da war es passiert. Eine Viertelstunde vor dem Ziel fiel er auf den Tisch. Unmittelbar darauf setzte ein ohrenbetäubendes Schnarchen ein. Der Kameramann zoomte seelenruhig den Schlafenden rein. Nichts Friedliches war in seinem Gesicht, sondern die verkrampfte Maske des Ohnmächtigen. „Meinen Sie, wir sollten das auch probieren? Ist das nicht für Kreative wie Sie auch geeignet, wenn man am Tag ein paar Stunden mehr Zeit zur Verfügung hat?“ „Allerdings“, kicherte Siebels, „allerdings – ich wüsste sofort, was ich mit drei Stunden mehr anfangen würde.“ Fragend blickte ich ihn an. Langsam drehte er sich zu mir. „Ich hätte endlich Zeit für ein Schläfchen.“


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