Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXX): Eventkultur

22 11 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss auf einem abgewirtschafteten Acker gewesen sein, als der Abdecker des Dorfes, der Priester und der Steuereintreiber – der Bodensatz, der von den Hinterlassenschaften der Gesellschaft lebt, und das auch nicht schlecht – sich stritten, welcher der beiden ortsansässigen Spielleute den Mai anfiedeln sollte. Auch war der hiesige Bratspießbetrieb am Wirtschaftswachstum interessiert, und so entbrannte der heftigste Kampf, womit man die Massen zu bespaßen hatte. Ein Wort gab das andere, zum Schluss war die Katastrophe perfekt. Sie warfen alles zusammen, weil viel auch viel zu helfen versprach, und hinterließen der wehrlosen Menschheit die Plage der Eventkultur.

Sie hat sich bis auf den heutigen Tag nicht davon erholt. Sie hat es nicht einmal ernsthaft versucht, denn die Folge jener durchgeknallten Hurratüten hat einen ganzen Wirtschaftszweig aus dem Acker gestampft, deren Beschäftigte sonst ein halbwegs sozialverträgliches Dasein als Schiffschaukelbremser herumbrächten. Noch immer und jetzt erst recht werden minimale Ereignisse, das Röcheln der Mona Lisa oder Goethes Banjo, mit Wagenladungen an Flitter und Firlefanz hochgepopelt, bis sie vor lauter Hülle ihre Substanz komplett einbüßen. Das Volk aber, genauer: jene Rotte vorverblödeter Konsumenten, die sich von Automatenfutter und Serienmusicals ernähren, sie schlucken auch diesen Schmadder und nehmen als Original, was nicht einmal eine ernsthafte Vorlage hatte, um zur Kopie zu werden.

In Scharen torkelt ein komplett gleichgeschalteter Gesichtsschnitzelverein in die Beschallungsbuden der Kulturnation, um sich ein unrasiertes Geigenbrötchen anzutun, das auf einer mit Bumsfallera ausgestatteten Bühne Notzucht an Vivaldi verübt. Da die intellektuelle Ausschussware im Parkett selten mehr als Allgemeinhalbbildung ihr Eigen nennt, muss sie sich den Murks bis zum bitteren Ende antun, einschließlich Wurstbude, großflächigem Merchandising sowie dem sicheren Bewusstsein, dass es nicht mehr besser wird – egal, wann und wo man sich die Entwicklung ansieht, der Niedergang ist beschlossene Sache. Das tumbe Klatschvieh aber, es darf in Frieden dahinfahren, denn hat es nicht wenigstens Kultur erlebt?

Am Arsch. Um dem durchschnittlich verkalkten Trivialo noch ein Lebenszeichen zu entlocken, muss man ihn in Ekstase versetzen: Heiterkeit, Frohsinn, Bluthochdruck. Man impft ihn mit Kitsch, stellt ihm vorgekaute Surrogathäppchen und die Anleitung zum Mitmachen aufs Tischchen, und schon fühlt sich der Mitmacher regelrecht zum Alles-dufte-Finden verpflichtet, weil: es ist ja Kultur, wenn es irgendwie den Anschein erweckt, auf dem Plakat steht oder, schlimmer, aus den dafür vorgesehenen Fördertöpfen bezahlt wird. So sehen sie sich Beethovens Klo an und begreifen plötzlich, wie die späten Streichquartette entstanden sein müssen. Nichts davon ist wahr, aber dafür ist es nicht einmal gut erfunden.

Längst hat der Beknackte akzeptiert, dass er den gesamten Zinnober nur noch im XXXL-Format bekommt, als Riesensuperspielothek mit Megadisco und der größten Frittenbude westlich des Rio Pecos, verschwiemelt zu einer Phantasmagorie aus Thema- und Traumatisierung, und wo immer er den Versuch, seine Zeit totzuschlagen, bevor er von ihr totgeschlagen werden könnte, mit realen Personen verbringt, greift der allgegenwärtige Starrummel, der sich auf mindere Sternchen kapriziert oder sie zum Zweck der allgemeinen Verdübelung in die Höhe jubelt. Der Schmadder wird im Fernsehen schon orgiastisch umjuchzt, bevor er überhaupt hat stattfinden können. Dies aber hinterlässt zwei eng verzahnte Dinge, die schon einzeln das Leben zur Qual machen, Angst und Sucht. Die Angst, nicht jeden Hirnplüsch sich anzuschauen, am Ende die Nebensächlichkeit des Jahrhunderts als einziger zu verpassen, führt zur Sucht, sich den Rest um so intensiver in den Schädel zu kleistern.

Der Bescheuerte thematisiert sein Erleben, weil es ihm ohne die Stelzen der Eventisierung längst zu banal geworden ist. Irgendwo unter Tausenden hocken, um sich ein Fußballspiel reinzuziehen, von dem er vor der Glotze mehr mitbekommen hätte? Die Werbung wird es ihm schon einflößen, dass nur mit dem Gesamtpaket aus Sonderzug ins Stadion und der multimedialen Aufbereitung für Vor- bzw. Nachher zwei Halbzeiten mit müdem Gekicke zu einer erträglichen Vergeudung von Lebenszeit werden. Es wird zum Spektakel, was so gar nichts Spektakuläres an sich hat, und die Schraube wird sich weiter drehen. Noch wenige Jahre, dann drehen sie dem arglosen Käufer einen Wirbelsturm als dramaturgisch hochgezwiebelte Entscheidungsshow an, bei dem Überleben und Sterben vom Zonk ausgewürfelt werden. Es wird der Tag kommen, an dem die Bekloppten bemerken, dass der Sinn nicht verloren gegangen ist, um ihn besser suchen zu können. Sie werden endlich begreifen, dass sie verpasst haben, die Sinnlosigkeit wiederzufinden.


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