Engelchen

28 11 2013

Ungefähr hundertzwanzig Engelchen, eine größere Schlittengesellschaft nebst Bärenjägern, Leda samt Schwan und Schneewittchen, einem kompletten Nussknacker-Ensemble, den Nibelungen inklusive Zweitbesetzung sowie der Schlacht von Waterloo hatte sie auf dem Stutzflügel und den anderen verfügbaren Flächen des Stadtteils, die sich innerhalb meiner Wohnung befanden, verteilt. Hildegard kniff die Augen zusammen. Jetzt durfte nur niemand mehr atmen, dann war alles gut.

„Dieser verdammte Kitsch“, fluchte ich. „Dieser verdammte Kitsch ist nicht einmal aus echtem Kristall, und selbst wenn: das hier ist meine Wohnung! Was fällt Dir eigentlich ein!“ „Tante Gusti ist meine Urgroßtante“, informierte sie mich. „Meine Großtante, hörst Du? und daher ist es auch meine Sache, wo ich die Sammlung aufstelle. Es geht hier schließlich um sehr viel Geld.“ Zweimal hatte ich diese Diskussion geführt, um Hildegard mit wutentbranntem Gesicht (und der Sammlung in mehreren Umzugskartons verstaut) entschwinden zu sehen; zuletzt hatte sie sich fast vier Tage lang nicht bei mir gemeldet. Drei weitere Male hatte sie schmollend die Weihnachtstage auf dem Sofa verbracht, im Blendeglanz einer Glitzerglasarmee, die ihr schließlich tränende Augen einbrachten. Und über das angebliche Erbe von Tante Gusti hatte sie sich stets so ausgeschwiegen, dass ich schon geahnt hatte, sie wüsste selbst nicht viel mehr als ich.

Dabei war es noch nicht einmal bewiesen, dass Auguste tatsächlich einer sehr weit verzweigten Nebenlinie der Habsburger entstammte. Andere freilich hatten gleich die Verwandtschaft der Zaren ins Feld geführt, wofür es jedoch noch weniger stichhaltige Gründe gab. Höchstens ihr Alter, das nicht einmal mit Hilfe eines guten Privatdetektivs zu ermitteln war, ließ darauf schließen, dass sie bereits während der Oktoberrevolution eine junge Dame im allerbesten Alter gewesen sein musste, was bedauerlicherweise niemand zu bestätigen vermochte. Alle Zeugen waren längst verstorben.

„Ich kann das nicht in meinem Arbeitszimmer aufstellen“, erklärte Hildegard. „Sobald ich Klassenarbeiten korrigiere, muss ich das Fenster öffnen, und vor allem: wo lege ich dann die Hefte hin?“ „Dein Arbeitszimmer besteht aus der rechten Hälfte des Küchentisches“, knurrte ich. „Daneben leistest Du Dir ein luxuriöses Wohnzimmer, weil Deine Möbel meinen Flur und die Hälfte des Esszimmers verstellen, und seit Deinem vorletzten Auszug erwartest Du von mir, die Sideboards von der Westwand zu nehmen, damit Dein Schrank dort Platz hat – wo soll ich dann mit diesem ganzen Kitsch hin, und vor allem: warum?“ „Es ist der ganze Küchentisch“, schrie sie unvermittelt, „und Du weißt genau, dass Tante Gusti mit ihrer Hüfte nie ins Hochparterre käme. Wo soll ich denn diese ganzen Glasfiguren aufstellen?“ Beinahe hätte ich sie darauf aufmerksam gemacht, dass ich im Dachgeschoss wohne.

Schmollend hatte sie die Glasengelchen nebst Krieg, Ballett und Bärentötern in Seidenpapier gewickelt, in Schachteln verstaut und dahin geräumt, wo ihre Kochrezepte vom letzten Sommer lagerten, die nun unter den Stutzflügel kamen, wo der Zeitschriftenkorb verschwand, der im Flur landete, weshalb ihre Schuhe nun unter meinem Bett standen. „Wir werden sie zu Weihnachten einmal kurz aufbauen“, versicherte sie mir. „Dann machen wir für Tante Gusti ein Bild und schicken es ihr, und hoffentlich wird sie bald dement, dann brauche ich mich nicht immer wieder an das Zeug zu erinnern.“ Allein es kam alles ganz anders. Es war an einem Sonntagnachmittag, als es an der Haustür klingelte.

Tante Gusti.

Hildegard wühlte die Pappschachteln aus dem Schuhschrank und fingerte hektisch das Papier von den Glasengelchen. „Tu doch etwas“, flehte sie, „wenn sie das hier sieht, enterbt sie mich sofort.“ Schon polterte ihr Stock die Treppe empor. Es war eine Frage von Sekunden. „Hallo“, krächzte es vom unteren Treppenabsatz. „Kann ich mich hier irgendwo hinsetzen?“ Ich eilte geräuschvoll, aber langsam die Stufen hinunter.

Ein rascher Blick ins Wohnzimmer offenbarte ein ästhetisches Kuddelmuddel erster Ordnung. Die Bärenjäger besiegten gerade Napoleon, der sich mit Leda im Ballett amüsierte. Auf der Flügeldecke lagerte die Nibelungen-Besetzung in alphabetischer Reihenfolge, probierte etwas Tschaikowski und hatte Stress mit den Märchen auf der Fensterbank. Die Wirkung individuell zu nennen war kein Fehler. „Halt sie auf“, zischte Hildegard, „egal wie, aber halt sie auf!“ Ich hatte Tante Auguste in die Küche bugsiert, wo ich ihr die Vorzüge des Wasserkochers in epischer Breite erklärte. Leider verließ sie bei der technischen Beschreibung des Teesiebs die Geduld. „Jetzt mach mir einen Tee, mein Junge, und dann will ich mich endlich setzen!“ Wildes Gestikulieren aus nordwestlicher Richtung setzte dem ein großes Hindernis entgegen.

Tante Gusti blickte missbilligend auf Hildegard, die abgekämpft und mit zerzauster Frisur im Türrahmen erschien. „Du siehst schlecht aus, mein Kind!“ Verächtlich blickte sie mich an, als könnte ich etwas dafür; wahrscheinlich würde Hildegard mir so oder so die Schuld dafür geben, wenn sie enterbt würde – meine Anwesenheit war Grund genug. Auguste stampfte mit dem Stock auf. „Ich muss mein Bein hochlegen!“ „Komm nur“, sprach ich besänftigend und bot ihr meinen Arm. Hildegard eskortierte sie gemächlich in die gute Stube.

Tante Auguste ging schnurstracks zum Sofa. Vergeblich wartete Hildegard auf ein lobendes Wort. Sie gestikulierte und blickte heischend auf die gläserne Armee, doch nichts geschah. „Schön hier“, befand die alte Dame. „Sehr geschmackvoll eingerichtet.“ Ich blickte aus pflichtschuldiger Ergriffenheit zu Boden, doch Hildegard schien es nicht zu bemerken. „Wir haben lange gebraucht, bis wir sie alle so hübsch drapiert haben.“ Tante Gusti sah sich um und lächelte. „Ich merke schon, es passt gut zusammen. Dort die beiden Muranoschälchen, und da hinten auf der Fensterbank…“ „Glas“, schnarrte Hildegard, als platzte ein Knoten in ihr, „das Glas! Wir haben das ganze… das Glas hier! Alles! Hingestellt! Hier hingestellt!“ Gusti betrachtete das Ensemble mit wachsendem Mitleid. Sie runzelte die Stirn. „Ich will Ihnen ja nicht dreinreden“, sagte sie unvermittelt zu mir, „aber gut, dass ich mein Haus beizeiten dem Tierschutzverein überschrieben habe. Denn wissen Sie, dieses Zeug kann man doch höchstens verkaufen an andere geschmacklose Leute, aber aufstellen? und dann auch noch bei Ihnen?“ Hildegard sah sie mit offenem Mund an. „Nehmen Sie es mir nicht krumm, aber Kunstverstand hatte sie noch nie.“ „Moment mal!“ Hildegard hatte nach dem Spazierstock der Tante gegriffen. „Wir müssen die Sammlung ja nicht als Ganzes erhalten“, sagte sie mit gefährlich hartem Unterton.

Ein Teil der Engelchen verlor die Schwingen, ein anderer Teil noch viel mehr als das. Napoleons Nussknacker verformte sich in den Nibelungenring. Schwäne splitterten. Schneewittchen kratzte sich aus den Scherben einen Glassarg, der wie Waterloo am Morgen des Aufräumens aussah. Der Stutzflügel hatte eine breite Schramme. Irgendwann während des gläsernen Infernos musste Tante Gusti die Flucht gelungen sein. Vielleicht hatte sie noch mitgekriegt, wie lernfähig sich ihre Urgroßnichte zeigte. Vielleicht hatte sie es auch für Kunst gehalten. Aber das konnte jetzt weg. Ein einziges Engelsfigürchen war übriggeblieben. Wir bewahrten es als Mahnmahl. Zur Vorsicht lagert es in meinem Arbeitszimmer. Nicht, dass es noch versehentlich von Hildegards Küchentisch fiele.