Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXI): Selbstgebasteltes

29 11 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss auf einem dieser gesellschaftlich wichtigen Treffen gewesen sein, als Rrt scharf überlegte, was er den Leuten in der Nebenhöhle nur vorbeibringen sollte. Nashorn? zu teuer. Einhorn? hatte ja jeder. Die gut abgehangene Keule vom Säbelzahntiger war betriebswirtschaftlich zu wichtig, wiewohl sie großes Prestige versprach, und schon war die epochale Idee geboren: eine Schnur mit den Zähnen des Beutetiers als Unisex-Kette für Nggr und seine Hauptfrau. Kostete nichts. Hielt sich ewig. Und man konnte das Zeug selbst machen, was diesen herrlichen präpotenten Touch heraushängen ließ: Du lässt Dir diesen Krempel um den Nacken baumeln, ich aber habe das Biest geplättet. Ich. Ich schenke, also bin ich. Und dazu braucht es unbedingt Selbstgebasteltes.

Der Kennerblick im ÖPNV offenbart ein stummes Verständnis, wenn filzige Ohrenmütze auf Malen-nach-Bruchzahlen-Schlips trifft. Der eine lässt den anderen Gepeinigten in Ruhe, statt ihn dem Spott der Rotte auszusetzen, denn er weiß, dass es ihn schon beim nächsten Batik-Shirt mit der Wucht des fehlenden Geschmacks selbst treffen könnte. Das selbst Geworfene ist und bleibt Schicksal, und das fängt früh an.

Die niederschwellige Konfrontation mit dem Subjekt beginnt meist in zarter Elternschaft; die noch von der Hochbegabung des Säuglings völlig eingelullten Aufzuchthilfen klatschen jäh auf den Boden der Tatsachen, wenn der Sprössling Buntmetall, getrocknete Blätter und Streichhölzer in wirre Formen pfriemelt, das Konvolut Muh betitelt und ein Statement für die expressionistische Sicht auf das Milchvieh setzt, die in der Arte Povera stürmischen Beifall bekommen hätte. Das Kind an sich ist noch von reinem Ehrgeiz getrieben, dem Beschenkten eine Freude zu machen, so dass es weniger den Wert des Geschenks (und den Nutzen für den Beschenkten) in Erwägung zieht oder gar kalkuliert, wie es der Erwachsene täte; es gibt sich der Freude des Schenkens hin und bringt diese bereits ein im Akt des Bastelns. Eine Kathedrale aus Backpflaumen, Prousts Gesamtwerk als Rekonstruktion farbiger Büroklammern, nichts rührt uns so sehr wie das Geschenk des Kindes, und sei es auch nicht das eigene, dessen Klumpatsch wir nach Hause tragen müssen, um nicht die Eltern als Todfeinde zu haben. Schwierig wird es, wenn wir eine der drei Klassen von Erwachsenengeschenken erhalten, allesamt aus eigener Produktion.

Kategorie eins ist noch am ehesten für den passiven Konsumenten als Geschenk erträglich. Die meist aus dem Unterarm gewürzten Konfitüren der Geschmacksrichtungen Schmierseife-Erdbeer und Maracuja-Essig entfalten ihre verheerende Wirkung fülliger, werden sie nach alter Väter Sitte gerührt und ohne störendes Beiwerk in gläserner Kruke gelagert, bis sie mit einem schmatzenden Geräusch wieder Tuchfühlung mit der Außenwelt bekommen. Explosionsartige Schimmelbildung schützt den wehrlosen Beschenkten davor, sich die Plempe auf Butterbrot reinzuschmirgeln. Gerade noch mal von der Schippe gehüpft.

Schwieriger wird es schon bei den Handarbeiten nebst allem, was sich mit einer Nähmaschine und etwas Schlafzimmerbehang zaubern lässt. Textiler Grusel wallt durchs Land, die Jutebeutel mit Kartoffeldruck in drei modischen Trendfarben – Matsch, Schlamm und Modder – haben als Accessoire dem Hipsterwulstschal den Krieg erklärt. Was einst die von Mutti geklöppelten Paradekissen mit vorgekniffter Kampfecke waren, die bestickten Tischdecken, die gehäkelte Schrankwandarmatur in Filet reinweiß, alles hebt sich Jahr um Jahr steigend wieder zur großen Zombieapokalypse des Handarbeitslagers, eine Apotheose der Scheußlichkeit, wie sie sich Kafkas mitleidlose Gestalten nicht besser hätten ausdenken können. Einer wissenschaftlich fast bestätigten Verschwörungstheorie folgend haben überstaatliche Mächte Atlantis aus dem Meer geschwiemelt, ins Bermudadreieck geschleppt und mit Massen von Merinos zwangsbesiedelt, die nun für nichts und wieder nichts geschoren werden. Megatonnenweise knäult sich der Rohstoff in die Industrienationen hinein, und Pullover, Westen, Socken, Stulpen, Ohren- und Pulswärmer, Fäustlinge, Leibwärmer, Schals und Hüftschmücker zwängen die Beknackten in ihren Maschendrahtzaun.

Generationen entkamen der fingerdicken Strickstrumpfhose nur, um sich in das wahrhaft schauerliche Reich der unerträglichen Geschenke zu verirren. Hier lauert das Grauen. Hier wird das Unerträgliche Ereignis. Es ist die mit Bioalkohol beheizte Vorhölle des Do-it-yourself im engeren Sinne: Vati holt die Stichsäge raus, der Jüngste Tag kann kommen.

Wer Präpubertären beim Faltschachtelgeleime und dem adoleszenten Knaben mit dem Holzscheit und der Feile zusah, dem dräut im hinteren Teil der Hohlbirne, welch sinnloses Werkstoffgeschlonz sich mit einer Spanplatte, Schmirgelpapier und dem guten alten Laubsägeequipment in die Kanten von Muttchens Esstisch dellen lässt. Da drischt der Enthusiast eine Schachtel Schrauben in die frisch übermalte Oberfläche, als wär’s nix, umleimt die windschiefe Seite (links) mit Furnier aus Bäumen unter Artenschutz, weil Elfenbein und Blattgold gerade nicht vorrätig waren, und heiderassa! der Klops geht noch als Brotdose durch. Sollte zwar ein Vogelhäuschen werden, aber das Elaborat letztes Jahr war auch als Hamstersarg in Gebrauch genommen worden.

Natürlich wird kein Weihnachtsfest ohne diese Objekte über die Bühne gebracht, natürlich gibt es kein Weihnachtsfest, das in epischen Gefechten und Vorstufen zum Völkermord endete, wäre nicht der altböse Erzfeind schuld an der Malesse, diese gelb mit beigen Einsätzen gestrickte Schlabberkappe, in die Onkel Paul (obenrum) und sein Pudel passen. Alle Jahre wieder dräut uns das Modemassaker, und wir sollten uns langsam der Wahrheit stellen: es ist alles nicht genetisch bedingt, es ist der Sinn des Lebens. Diese Existenz ist gehäkelt. Wie sonst sollte die Kontinentaldrift, wie sonst das fortwährend sich beschleunigende Ausleiern des Universums deutbar sein, von Jahr zu Jahr, wäre nicht alles Nadelarbeit. Und garantiert selbst gemacht.