Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXIII): Die Einladung

3 01 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Jahreszeiten wechseln sich ab, man zieht erst Riemchensandaletten an und dann Moonboots, Hüte sind nicht überall erforderlich, irgendwann ist Silvester, man kann zu Hause bleiben – wenn nicht jetzt, wann dann? – und schon geht die ganze Grütze wieder von vorne los. Stumpfes Nägelbeißen begleitet das hektische Abhaspeln des Jahreskalenders, eine Fete jagt die nächste, die Ballsaison öffnet ihre Schleusen und frisst ihre Kinder, nach der Party ist vor der Party. Die ewige Frage ist doch, was man soll mit der Einladung.

Der Mensch als Bestandteil jener sozialen Zusammenrottung, die selten satisfaktionsfähig, noch seltener wirklich in erkennbarer Nähe ihrer angeblichen platonischen Idee durchs Gestrüpp strauchelt, nennt sich selbst ein Gesellschaftswesen. Der Nachteil an der Sache, ob er es jetzt glaubt oder im Gegenteil aus lauter Trotz wider besseren Wissens etwas zu beweisen versucht, ist seine Hartnäckigkeit, dieses auf diversen immer wiederkehrenden Kasperaden zu untermauern und zu demonstrieren, auch wenn die Wirklichkeit eine vollkommen andere Sprache spricht. Andererseits greift die Dialektik dem Doofen gerne ans Bein und lässt ihn in den offenen Widerspruch zu sich selbst stolpern: wenn er schon ein so perfekter Soziopath ist, wird er es auch mit möglichst vielen Gleichgesinnten zusammengepfercht so richtig ausleben können. Individualisten lesen ein gutes Buch am Kaminfeuer, treffen Freunde im Schützenverein oder basteln im Keller eine tragbare Atombombe für den nächsten Schlussverkauf, der salonfähige Depp darf in der eigenen Kohorte seine kollektive Regression absolvieren. Spaß macht das nicht, aber darauf kommt es ja auch an.

Nicht eingeladen zu sein, auch wenn es nicht sofort als Privileg ersichtlich sein sollte, das lässt sich immer noch verschmerzen. Qualvoll wird es erst, wenn man sich in Gesellschaft befindet, die einen als Gesellschaft akzeptiert – in den meisten Fällen ist ein Abstieg damit unausweichlich. Was aber, wenn die Einladung kommt, Gold auf Bütten in Eierschale, doppelt gefalzt? Gleich in die Tonne oder vorher noch eine Apokalypse simulieren?

Entscheidend ist ja, in welcher Preisklasse von humanevolutionärer Montagsproduktion man sich bewegt. Gewisse Gesellschaften von Durch- und Vertriebenenverbänden knickt man sich, wenn intrakraniale Travertinablagerungen nicht zu den bevorzugten Beschäftigungen zählen. Zufällige Geschäftskontakte in halbseidenes Milieu – der Bruder des Gastgebers ist im Urlaub Türsteher eines balkanischen Clubs für Schafsverbrauch, die Bekanntschaft betreibt in Palermo einen Privatfriedhof, der Ehrengast ist in der FDP – lassen sich schnell abwenden, indem man fragt, ob auf der Feier mit Blitz fotografiert werden dürfe. Nebensächlichkeiten wie die Farbe von Schlips, Kragen und Hose fallen weniger ins Gewicht, wenn man sich im passenden Moment ästhetisch danebenbenimmt, so entgeht der Privatmann den Lockungen der höheren Gesellschaft, indem er ihr klarmacht, dass er auch nicht besser ist als die Bekloppten, die ihn zu sich zählten, wenn man sie denn ließe.

Die größtmögliche Härte resultiert aus dem Risiko, dass Geselligkeiten seit jeher auch im Kreise der auf- und absteigenden Verwandtschaft praktiziert werden. Man sucht sich das nicht aus, wird es auf legalem Weg nur schwer wieder los und hat bei durchschnittlichem Wachstum einer Sippe aus verschwägerten Schimmelhirnen bereits nach wenigen Jahren Zugehörigkeit zum Umfeld den Jahresplaner auf Dekaden hinaus zugeschwiemelt mit Geburts- und Hochzeits- und Namenstagen, drohenden Jubiläen, unvermittelt einsetzenden Taufen und feuchtfröhlichen Scheidungsfeiern samt Seelenamt für die zu früh kompostierten Töchter, die ihren ersten eigenen Pilzauflauf versucht hatten. Als wäre das nicht genug Splatter fürs limbische System, die tentakelnden Ausläufer der Schwippneffen und Cousinenschwager in den beruflichen und wohnraumbedingten Nahbereich hinein werden flugs mit bedient und man lädt zur Konfirmation die Ex-Abteilungsleiter der Mörtelfabrik ein, wie man in der guten alten Zeit noch Kriegskameraden zur Verlobungsfeier karrte. Wer feiert ohne Übelkeit in dieser ambitionierten Umgebung, und warum? Es kostet Spritgeld, Zeit und Überwindung, Blumensträuße und Pralinen, beschert einen grenzwertigen Abend mit Small Talk auf dem Niveau einer Pulle Brackwasser und hinterlässt das sichere Gefühl, vor dem blitzartigen Gedächtnisverlust von Aliens zur Strafe auf diesem Rotationsellipsoiden entsorgt worden zu sein. Egal, was man bei der angeheirateten Mischpoke an Getränken bekommt, das ist es nicht wert.

Aber wie gesagt, die Dialektik. Man könnte die Einladung einfach mal ausschlagen, Verpartnerung, Beförderung, Hauseinweihung oder Einschulung auf sich beruhen lassen, man könnte zur Sicherung der Nachhaltigkeit der familiären Bande einfach kurz und geschmacklos mitteilen, dass sie sich fürderhin Offerten zum Beisammensein mit erhöhtem Adrenalinpegel an den Hut stecken kann. Einmal die große Axt, raus aus der Nummer. Das aber hat den Effekt, dass nie wieder ein Empfang mit Anwesenheit des Opfers ausgerichtet wird. Er wird es erfahren, aber nie mehr wird er dabei sein. Das ist vorbei, auf immer und ewig. Es gibt also, Jahreszeit hin oder her, doch nur eine wirkliche Lösung des Problems. Bleib zu Hause, Mensch, und halt gefälligst die Klappe. Schon zur Vorsicht.


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2 responses

6 01 2014
lamiacucina

Vor die Wahl gestellt, ins gesellschaftliche Abseits, noch schlimmer in die Ersatzgesellschaft mit Namen face.book zu geraten, ziehe ich doch den Bordeaux bei Onkel Willi vor.

6 01 2014
bee

Das ist nicht nur vernünftig, das ist auch klug. Und mit etwas Glück hält man sich die Gäste vom Hals, damit Platz für die Freunde bleibt.

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