Tauschangriff

16 01 2014

Breschke setzte schnaufend den Karton an der Treppe ab. „Eigentlich ist es dumm“, meinte er mit leisem Bedauern, „aber mir passt dies Pelzjäckchen nicht, und meine Frau trägt das ja kaum.“ Was musste Tante Olga auch gerade jetzt das Zeitliche segnen.

Es musste sich um ein Rudel Nerzkaninchen gehandelt haben, die man kurz vor dem Einfall der Hunnen ins Burgunderreich zusammengenäht hatte. Das Stück sah derart ältlich aus, dass man es vermutlich nur in einem Spezialgeschäft für Hinterlassenschaftswaren hätte an den Mann bringen können. Nun aber wurde es von Herrn Breschke geerbt, genauer: von seiner Frau, deren angeheiratete Schwippgroßtante das ehemals edle Stück ihr zugedacht hatte. Vermutlich hatte sie ihr Testament vor Jahrzehnten gemacht und ihren Kleiderschrank danach nicht mehr in Augenschein genommen. Das Ding sah aus wie ein Flokati auf Droge in uraltweiß, roch wie Queen Mum (die ja nun auch schon seit ein paar Jahren die Geschäfte eingestellt hat) und war chancenlos wie ein Berliner in einem niederbayrischen Kuhdorf. „Legen Sie es ruhig in die Altkleidersammlung“, ermutigte ich ihn. „Vielleicht kommt es nach Afrika, da soll es in der letzten Zeit nachts auch verdammt kalt sein.“

Bismarck knurrte leise. Nicht, dass der dümmste Dackel im weiten Umkreis das Erbstück verteidigt hätte. Er fand dieses große ausgefranste Tier auch nicht sonderlich sympathisch und machte schon einmal klar, wer hier der Hund im Haus war. Die Jacke blieb souverän und schwieg; möglich, dass Bismarck das überforderte. Horst Breschke tätschelte ihm begütigend den Kopf. „Keine Angst“, sagte er, „Herrchen stellt das jetzt vor die Tür.“ Und er legte das Kleidungsstück auf einen Haufen interessanter Haushaltsgegenstände. „Unsere Tochter fährt demnächst in Urlaub“, erklärte er, „wir sollten wohl mal wieder ausmisten.“

Was auch nötig war. Sie verband auf harmonische Art ihre beiden liebsten Beschäftigungen, das Reisen und das Aufstöbern unnützer Objekte zu überhöhten Preisen, meist ohne technische Zulassung, dafür aber aus obskurer Herkunft. Nicht einmal die im Internet billig besorgte Küchenmaschine, die nur mit koreanischem Drehstrom lief, konnte dies toppen. Regelmäßig schwemmte sie mit einer Ladung Krimskrams an den elterlichen Bungalow, und jetzt war es wieder einmal soweit. „Ich wollte das alles an die Straße stellen“, gestand Herr Breschke. „Der Sperrmüll nimmt das alles nicht mehr mit, und in den Wald zu fahren, das traue ich mich nicht.“ Ich beruhigte den pensionierten Finanzbeamten. „Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden den Schaden begrenzen. Den Pelz in den Container, und mit dem Elektroschrott können wir dann… – “

Der Verkäufer grinste wie ein Kühlergrill. „Wie gut, dass Sie mich erwartet haben!“ Offenbar hätte er eine Zehntelsekunde später den Klingelknopf gedrückt. Breschke war irritiert. Der groß gewachsene, muskulöse Typ im spannenden Anzug drückte ihm ungefragt ein Buch ins Gesicht. „Mit diesem dreißigbändigen Konversationslexikon werden Sie nie wieder eine Frage unbeantwortet lassen!“ Breschke blieb irritiert. Wahrscheinlich ging ihm alles viel zu schnell. Zumindest aber hätte er gerne den Karton im Hauseingang abgesetzt, und zwar da, wo gerade der Buchdrücker stand. „Ich will das eigentlich gar nicht“, stotterte er.

Von innen ertönte ein leises, aber bestimmtes Knurren, dass Bismarck mit dem Eindringen in sein Territorium gar nicht einverstanden war. Ich registrierte, wie der massige Mann leise erzitterte. „Sie wollen uns also gerade dieses Kleinod der Lexikografie aufdrängen“, fragte ich sanft. „Dürfte ich erfahren, warum Sie sich gerade auf dieses Grundstück verirrt haben?“ Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Weil ich genau wusste, dass Sie es brauchen!“ Wieder knurrte Bismarck, diesmal schon ein bisschen ungehaltener. Wie gut, dass er hinter der Tür nicht zu sehen war. „Ihnen ist schon klar, dass Sie sich auf einem Privatgrundstück befinden?“ Auch das focht ihn gar nicht an. „Wir verkaufen direkt bei Ihnen, das gehört zu unserem Service!“

Herr Breschke hätte sich gerne zur Wehr gesetzt, kam aber gar nicht zu Wort. „Ihnen ist sicher das Schild nicht aufgefallen, das Betteln und Hausieren verbietet?“ Noch wurde er nicht unsicher; erst Bismarcks leises Grollen machte ihn ein klein wenig nervös. „Dann mache ich Ihnen ein einmaliges, nie zuvor erhörtes Angebot: ich werde Sie nicht in Einzelteilen über den Zaun befördern.“ Er stutzte. „Und Sie dürfen mir Ihre Wikipedia-Druckausgabe dalassen, kostenfrei und ohne Liefergebühr.“ Der Verkäufer schnappt nach Luft, aber Bismarck war schneller. Der Haushund rollte tief in der Kehle einen gefährlichen Warnlaut, dass dem massigen Mann die Knie weich wurden. „Und weil Sie so eine hervorragende Vertriebskraft sind, bekommen Sie diese hochmodische Pelzjacke im Vintage-Look.“ Er blickte etwas unschlüssig auf die haarigen Reste, die ich aus dem Karton fischte. „Ich kann doch nicht“, stammelte er. „Doch“, antwortete ich. „Nehmen Sie ruhig. Sie haben es sich verdient. Und das hier auch. Und das hier. Und das.“ Bismarck knurrte. Mit einem hysterischen Schrei rannte der Vertreter auf die Straße. Breschke staunte. „Ein Konversationslexikon“, fragte er ungläubig, „das ist ein Konversationslexikon?“ Ich nickte. „Und ich hoffe, er hat an der elektrischen Zahnbürste genauso viel Freude. Falls er mal dahin fahren sollte, wo der Stecker passt.“


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