Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXV): Das optimierte Kind

17 01 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, als flachgekämmte Väter ihre präsumptiven Erben an der Schulter packten, ihnen Klinkerbude, Stall und Schrankwand zeigten, um mit bebender Stimme zu verlautbaren, dass alles das einmal ihnen gehören werde. Ob derart große Gesten immer angebracht sind, sei dahingestellt, immerhin zeigt es noch eine klare Sicht auf die Tradition: was der Abkömmling ererben würde von seinem Alten, erwerben müsse er es, um es zu besitzen, und dann würde es ihm auch besser gehen als den Ahnen. Möglicherweise. Sie haben alle eine realistische Perspektive auf den weiteren Wuchs des Stammbaums gehabt, die Altvorderen. Und sie wussten, dass die Knirpse den ganzen Quark namens Leben selbst über die Bühne zu bringen hatten. Alles andere wäre Faulheit gewesen. Denn irgendwann sollten sie aufhören, ihre Füße unter den elterlichen Tisch zu strecken. Jahrhunderte und Jahrhunderte kamen so junge Menschen zustande, die ein langweiliges Dasein geführt haben müssen. Wenige von ihnen hatten Plüsch im Kopf oder Burnout.

Mit dem Trend zur Individualisierung – jene leicht verschwiemelte Geisteshaltung, die sich selbst für geistig hält – haben vor allem die Macken an Gewicht gewonnen. Keine Mittelschichtmuddi würde ihren Ruben-Jonas, wahlweise: ihre Marie-Melissa übermäßig normal erziehen, um sie dem Durchschnitt anheimzustellen, der Schicht, die nicht glutenallergisch ist, Industriezucker ohne Ekzeme verkraftet, Hausschuhe tragen kann, ohne Sehnenscheidenentzündungen im Vorderfuß zu erleiden und sich nicht für hochbegabt hält, weil in der Familie alle ihren Namen auswendig schreiben können. Überhaupt die Hochbegabung, sie scheint das Schicksal ganzer Landstriche zu sein, die sich zufällig mit gentrifizierten Altbaugebieten deckt, wo nur in Ausnahmefällen ein Kind mit einem IQ unter 150 durch den Kaiserschnitt gezerrt wird. Natürlich werden die Blagen mit laktosefreier Milch hochgepäppelt, weil das Muttertier in der Evolution falsch abgebogen ist und ihr Gesäuge nur mit herkömmlicher Brustplempe dienen kann. Macht aber nix, seinen Schaden bekommt der Wechselbalg, sobald die Verziehungsberechtigte ihn in die mehrsprachige Krabbelgruppe schleppt. Spätestens nach sechs Wochen, wenn die Leibesfrucht weder selbsttätig sitzen noch mit deutlichem Mandarin-Akzent lallen kann, lässt die Alte ihren Frust an dem Kurzen aus und schafft eine neue Generation psychotischer Arschlochmonster.

Längst wird der Nachwuchs aber nicht mehr nur von chronisch Bekloppten drangsaliert, die ihre Kollateralbekinderung als ideologisch korrektes Accessoire am Gängelband neben sich tippeln lassen wie einen Modehund. Die wahren Stammhalternazis geben sich wie blöde die Sporen, ihren Söhnen und Töchtern vom ersten Augenblick an das Leben so gründlich zu versauen, dass es kein Zurück mehr gibt. Sie wählen die Tunnelvision der Hölle und optimieren die Folgegeneration zu Tode.

Das Inferno ist nicht die autoritäre Erziehung. Es ist ein von Foucault entwickeltes Zwangssystem der omnipräsenten, klebrigen Liebe, die mit stumpfen Nadeln unter die Haut gegraben wird. Die helikopternden Elterntiere kriechen mit jedem guten Ratschlag zur absolut passenden Zeit aus der Brotdose mit der ökologisch korrekten Dinkelstulle plus Biosalatblatt, die sich der Vierzehnjährige im Schmollwinkel reinpfeifen muss, während die mental noch nicht verrümpelten Klassenkameraden das Ende ihrer Pubertät bereits zur Kenntnis genommen haben. Der mit einem unsichtbaren Ganzkörperfahrradhelm gegen die böse Realität ausgestattete Schnösel (er kann nichts dafür, ist aber trotzdem einer) bleibt ein emotionaler Nichtschwimmer, das ist eine Seite der Medaille.

Auf der anderen Seite steht der Narzissmus, der den Teilzeitgescheiterten die schärfste Waffe in die Hand gibt, Liebesentzug, mit dem sich jedes intakte Kind in eine von Lemuren getriebene Kreatur verwandeln lässt. Die für eine Zukunft mit erhöhter Weltuntergangsgefahr getrimmten Nesthäkchen tun das alles nur, um die Zuneigung ihrer Erzeuger zu sichern, die ansonsten in das umschlüge, was die eigentliche Haltung ihnen gegenüber ist: blanke Ignoranz, aus der die Verwahrlosung spricht, die sie der folgenden Schicht im Gemenge der Generationen gerne aufdrücken würden. So peitschen sie ihre Experimentierembryonen mit Lust in die Mühle, die die Funktionstüchtigen durchlässt, damit sie sich ein Leben lang aufreiben können, um eine Gesellschaft zu stützen, die sie vergiftet. Sie taumeln von einem Double Bind ins nächste, wenn die Eltern sie zum Konzertgeiger gedrillt um die Welt jagen, ihnen aber aus lauter Fürsorge nicht erlauben, sich selbst die Schnürsenkel zu binden. Diese Hölle hat keinen Notausgang.

Immerhin gibt es eine legitime Art der Rache, wie sie vor einem Jahrhundert oder zwei noch nicht möglich war. Die effizienzverseuchten Bambini wählen in naher Zukunft das Pflegeheim aus, wo ihre Eltern den Löffel abgeben werden. Da sind sie, die Arschlochmonster. Viel Spaß noch.