Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXVI): Der Krieg gegen den Terror

24 01 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Menschheit – und das ist das Problem, dass es die Menschheit war und nicht ein paar Karnevalspräsidenten der unwichtigsten Staaten hinter den sieben Bergen – hat einen Krieg überstanden, noch einen, einen Kalten Krieg, die Banalität des Blöden und den Knall, mit dem die politischen Glaubenssysteme auseinanderflogen. Eins pfiff scheinbar zusammen wie ein perforiertes Gummiferkelchen, das andere bildet sich ein, bis heute überlebt zu haben. Doch hat es das? Und wenn ja, wozu? Und wenn das hier das Zeitalter der vergoldeten Sitzflächen sein soll, was war dann der Krieg? oder war es am Ende umgekehrt?

Der Clash der Kulturen ist ein deutlich vorzivilisatorisches Modell: wer nicht dieselbe Sprache grunzte, anders roch, nicht zu Nnng’txx betete oder auch nur ein Tal weiter wohnte, durfte rechtskonform zu Biomasse gekloppt werden. Diverse Geistesgrößen, Anstreicher und Texaner waren damit schon gründlich überfordert, weshalb sie die Anleitung dankend zur Kenntnis nahmen und eine Partie Nachdenken aussetzten. Allein die Idee, Kulturkreise mit dem Stechzirkel abzuteilen und in quasistaatliche Grenzen einzupferchen ist eine Beleidigung des Hominiden, sie funktioniert weder in Afrika noch in Asien nur ansatzweise, höchstens bei Deutschen und Österreichern lassen sich zeitweilig ähnliche Defekte feststellen. Und schon haben wir die Realitätsverweigerung mit Anlauf für die geistig nicht gesegneten Schichten aus der Schublade geholt, den Rassismus und seine humpelnden Geschwister. Was aber macht der gemeine Heckenpenner, wenn er in seiner sozialen Situation keinen adäquaten Feind hat, um die Zwangslage auszuleben? Woher den Terror nehmen und nicht stehlen?

Eine Gesellschaft, die neben den wenigen zum Popanz aufgeblähten Unterschieden zum überwiegenden Teil aus Identitäten besteht, muss ihre Bedrohungen orgiastisch inszenieren, um sich überhaupt abgrenzen zu können. Syrer, Kurden, Norweger und Saudis, Süd- und Sauerländer und andere Abrahamiten, Wahhabiten, Salafisten, Pseudochristen, Tali- und Katholiban essen Brot und Reis, fahren Autos, lesen Zeitungen und tragen Unterwäsche, nutzen den elektrischen Strom, den Funkverkehr und Schusswaffen. Manchmal auch aus ähnlich gelagerten Gründen. Also ist es der atypische Geruch, die undurchschnittliche Nase, das allgemein und was auch immer Fremde, das die anderen anders und fremd und damit zu Fremden und den Anderen macht, die ja zum Glück nicht so gleich sind, als dass man sich mit ihnen verständigen können müsste. Was aber, wenn der Fremde an sich schon fast in der amorphen Masse einer konturlosen Gesellschaft verschwimmt und sich die Distinktion nur noch an drei Haaren herbeizerren ließe?

Man nimmt ein Haar, es ist breit genug, um sich gegen die dräuende Gefahr zu wehren. Schon ist das Alltägliche Überträger der Seuche – Brot und Zeitungen, Unterwäsche, Zahnpastatuben auf der Flugreise – und wer das in die Hand nimmt, Sauerländer oder Saudi, ist schon wumpe. So wird der Krieg zum bürgerlichen Vergnügen für die ganze Familie, ein Vorbild für immer neue Verschwörungstheorien, die sich ein paar prominent platzierte Heißdüsen aus den billigen Resten von der Rampe schwiemeln. Die Schlacht findet am Hindukusch hinterm Dorfbrunnen statt und auf den Weihnachtsmärkten, in der U-Bahn und auf der Festplatte. Die Menschheit – und hier ist es erst recht ein Problem, wenn ein nicht gerade bedeutender Teil von ihr sich selbst als absolut Menschenhaftes zu begreifen wagt – schrumpft und büßt an Macht und Einfluss ein, plärrt aber um so lauter nach Einfluss, Macht und Absolutheit. Und erklärt alles, was dem Anspruch zuwiderlaufen könnte, zum Terror, nicht ahnend, dass sie selbst den Krieg erklärt hatten.

Denn wie sonst soll ein in sich geschlossenes Weltbild, das nur dann verteidigt werden muss, wenn sich diese verdammte Realität nicht daran halten will, beim Wirtschaftswachstum etwa oder bei der Klimaerwärmung – wie sonst soll ein patentierbares Weltbild Geschichte oder eine metaphysische Perspektive entwickeln, wenn nicht durch eine zünftige Apokalypse? Längst sind wir eine Welt, und wenn der Nachbar die Bombe zusammenrührt, mit der wir uns gemeinsam in die Luft jagen, so hält er sich an die Hausordnung der Götterdämmerung. Das Gefährliche ist das Fremde, und wir sollten nach herrschender Meinung der meinenden Herrscher nie versuchen, es uns vertraut zu machen. Der Terror ist eine Funktion der Gesellschaft, der Krieg gegen ihn ein wenigstens engagiert geführter Versuch, die Selbstauslöschung nicht mit allzu viel Stil über die Bühne zu bringen. Das wenigstens unterscheidet uns dann vom Finalgetöse, wie es sich die heiligen Schriften aus den tintigen Fingern gesogen haben. Dann gehen wir alle dabei drauf, die Menschheit – und das dürfte nicht einmal ein Problem darstellen.


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