Der gute Ton

28 01 2014

Minnichkeit druckste herum. „Es hat in der letzten Zeit ein paar Schwierigkeiten gegeben“, begann er vorsichtig. „Das Betriebsklima leidet, wir wollen ja nicht die guten Leute an die Konkurrenz verlieren.“ Ich musterte ihn aufmerksam. „Haben Sie schon einmal mit Ihren Mitarbeitern gesprochen?“ Er sah konzentriert auf den einheitlich grauen Teppich. „Deshalb hatte Frau Schwidarski Sie hergebeten.“ Das leuchtete allerdings ein. In einer PR-Agentur wie Trends & Friends sucht man sich einen Profi für die schwierigen Aufgaben.

„Sie sollten Ihre Mitarbeiter einfach etwas besser kennenlernen“, gab ich Mandy Schwidarski zu verstehen. „Wir haben von jedem einen Lebenslauf“, wandte sie ein. „Außerdem werden die Personalbeurteilungen regelmäßig geschrieben, damit wir wissen, auf welchem Stand wir sind.“ Ich runzelte die Stirn. „Sie können es nicht lassen, wie? Nehmen Sie sie doch einfach mal als Menschen wahr. Sagen Sie, wann war hier die letzte Geburtstagsfeier?“ Der Angesprochene, ein Mann mittleren Alters in einem mittleren Anzug in mittlerem Mittelbraungrau, wusste es sofort. „Letzten Mittwoch, aber ich war nicht dabei. Wir mussten noch die Verträge für Wuster Honigseife schreiben.“ „Das war Frau Pröske aus der Buchhaltung“, beeilte sich Minnichkeit. „Ich bin gerade im Gespräch“, tadelte ich den Assistenten. „Es gehört zum guten Ton, das zu bemerken.“ Der Braungraue blätterte beiläufig in seinem Ordner. „Wir haben zusammengelegt und eine Azalee gekauft. Wir kaufen immer Azaleen, also fast immer. Wenn wir zusammenlegen.“

„Wussten Sie eigentlich, wie in diesem Laden Geburtstage gefeiert werden?“ Mandy wusste es nicht. „Er weiß es doch auch nicht, der ist doch bestimmt erst seit letzten Herbst, nein: Weihnachten, ich war zwar nicht auf der Weihnachtsfeier, weil wir hatten auch gar keine. Wer war das noch mal?“ „Herr Löffler“, bemerkte ich, „seit knapp zwanzig Jahren in diesem Unternehmen, also ungefähr dreimal so lange wie Sie.“ „Warum sagen einem die Leute das nicht?“ Ich war ratlos. „Möglicherweise sind Sie erst zu kurz dabei und haben sich noch nicht richtig eingelebt. Sind Sie sicher, dass alle hier Sie kennen?“ Sie dachte kurz nach. „Doch, bestimmt. Auf den Memos von Minnichkeit steht immer mein Name mit drauf. Komisch, finden Sie nicht auch?“

Ich öffnete aufs Geratewohl die nächste Tür. Dort saß eine hochhackige Dame mit blonden Schuhen, jedenfalls saß sie wieder, als ich die Tür aufgerissen hatte. „’tschuldigung“, stotterte ich, „heute bin ich spät dran. Die Chefin konnte sich mal wieder nicht entscheiden.“ „Wem sagen Sie das“, seufzte die Tippkraft. Mandy verzog angekratzt die Mundwinkel. Selbst schuld, was musste sie auch mithören, was ich mit ihrem Personal zu besprechen hatte. „Also ich gehe jetzt gleich rüber zur Kantine im Hochwasseramt, soll ich etwas mitbringen?“ Sie überlegte einen Augenblick unschlüssig. „Es gibt Schweinefilet ‚Strindberg‘ mit Meerrettich gratiniert, grünen Bohnen und Röstkartoffeln. Und eine Kartoffel-Lauch-Suppe mit Mettwurstscheiben.“ Langsam sollte sie sich entschieden haben, doch sie zögerte noch immer. „Wir gehen ja dienstags immer mit der Frau Böhlstedt und Herrn Kasunke“, gab sie zu Bedenken. „Kasunke ist beim Kunden“, knurrte ich, „der schlemmt heute beim Nobelfranzosen. Und Frau Böhlstedt nimmt vegetarisch.“ Sie konnte und konnte sich nicht entscheiden. „Was gibt es denn heute als Vegetarisches?“ „Blumenkohlcremesuppe mit Mandel-Petersilien-Klößchen.“ Sie zog ihre Handtasche hervor und begann zu kramen. „Dann nehme ich einmal so einen Strindberg, aber bitte mit Kroketten. Und wenn sie keine haben, einmal Salzkartoffeln, aber ohne Butter.“ Sie reichte mir einen Geldschein. „Und eine kleine Flasche von dem Multivitaminsaft.“ Ich steckte den Schein in die Jackentasche. „Gerne. Nachtisch?“ Sie überlegte. „Der Vanillepudding hat immer so eine Haut.“ Ich nickte verständnisvoll. „Das ist doch die Höhe“, grollte Mandy. „Wir geben den Leuten ein einigermaßen gutes Auskommen, sie haben hier Herausforderungen, durchaus, aber wir behalten doch das Miteinander im Auge. So was sagt man doch nicht!“ „Beruhigen Sie sich“, redete ich auf sie ein, „Sie hat es bestimmt nicht so gemeint. Vermutlich ist es nur…“ „Der Pudding hat überhaupt keine Haut“, schrie Mandy. „Die wissen alle nicht, wie gut sie es hier haben!“

Minnichkeit wand sich ein bisschen, aber was half es. Ich schob ihn sanft in den Flur. „Ich kann das aber gar nicht“, jammerte er. „Ganz ruhig“, zischte ich zwischen den Zähnen, „und denken Sie an das, was ich Ihnen gesagt habe.“ Der Mann am Kopierer grüßte nebensächlich. Minnichkeit blieb stehen. „Was macht eigentlich Ihr…“ Er zeigte mit dem Finger nach unten. „Ach so“, gab der andere zerstreut zurück, „das ist ja schon fast verheilt. Aber jetzt zieht es immer hier im Rücken. Ob ich mal mit dem Training pausiere? oder zwischendurch lieber schwimmen?“ „Schwimmen ist gut“, plapperte Minnichkeit begeistert, „mir hat das ja sehr geholfen, als ich vor einem Jahr das mit der Bandscheibe hatte.“ Mandy stutzte. „Er hatte etwas mit der Bandscheibe? Warum sagt mir das keiner?“ „Vielleicht“, entgegnete ich, „hätten Sie mal mit ihm reden sollen.“


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