Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXVII): Der Burnout-Mythos

31 01 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Damals – und das ist schon eine Weile her, seitdem sind die Alpen voll ausgeklappt, Mallorca driftet nur noch langsam Richtung Westen, die Flugsaurier halten den Schnabel und die Evolution hat sich als Freizeitvergnügen etabliert – ging ja noch alles ganz langsam. Die Bewohner des kleinen Tals warten noch immer von Mond zu Mond, bis nach Regen und Wind und ein paar Tagen Sonne das Gras aufkeimt und Früchte trägt, die man zwischen Steinen zerreibt, mit etwas Brackwasser aufsuppt und gegen den knurrenden Magen einsetzt. Kommt Zeit, kommt Ratte, und wem das nicht passt, der muss halt weiter Pilze sammeln, Bienen kauen oder den Bären die Beeren klauen. Es führt kein Weg zurück, und dennoch waren die guten alten Zeiten nicht nur schlecht. Wir haben es gehabt. Jetzt müssen wir an den Burnout glauben.

Er adelt, er demonstriert nachhaltig, dass das Maschinenzeitalter vor allem eine Maschine kennt: uns. Pech gehabt, Keule, denn wie Schuss und Knall auseinanderliegen, so gibt sich heute keiner mehr zufrieden. Sofort reagieren, im Sprungwurf die Mails checken, zwischen Baum und Borke eine Revolution anzetteln und drei verhindern, dazu auf dem Laufsteg posieren, staubsaugen und sich die Haut an den Leitplanken abziehen, bevor man in den Graben klatscht. Wir machen es nicht mehr in normaler Geschwindigkeit, denn wer in dieser vollends hypochondrischen Zirkusveranstaltung zugibt, dass es bei ihm Brechreiz auslöst, könnte auch gleich sagen, es habe ihn am Kopf erwischt. Man stellt einfach die Produktivität ein, wenn man es sich leisten kann.

Denn die Mär ist ja, dass in den schnellen Zeiten, wo jeder seine Ellenbogen gegen gleichartig gelagerte Ausschussware einzusetzen hat, gerade die dekorative Depression als Dekorum der präpotenten Dünndüsen gilt. Die einfache Schlappe, ein Bandscheibenschaden oder die Allergie, die den Beruf unmöglich macht, gilt als Abzeichen von Schwäche, Untauglichkeit und mangelnder Eignung für den kapitalistischen Fleischwolf. Geschenkt, dass auch die Angst vor der sozialen Vernichtung in den psychischen Ruin treiben kann, kein anderes Druckmittel gibt der Managementkaste derart viel Macht in die schwitzigen Finger, während sie selbst zwischen den Adrenalinschüben hyperventilierend die Realität aus dem Blickfeld schieben. Der Witz ist doch, dass sie die wahren Verlierer sind, wie sie unter einer Art Legionärskrankheit leiden, die das Tretmühlenfutter des Neoliberalismus epidemisch überträgt: zum Krieg ausgebildete Waschlappen, die kein Blut sehen können, vor allem nicht ihr eigenes. Wann immer ihnen dämmert, dass sie der nächste Steinschlag endgültig aus der Wand hauen könnte, werden sie sich der Fallhöhe bewusst und pumpen ihr Selbstmitleid auf. Denn wer würde sie bejammern, Quotenwürstchen ohne Halbwertszeit und ökonomische Notwendigkeit, reine Parallelexistenzen in der Umlaufbahn einer von ihnen ignorant gewordenen Gesellschaft.

Es ist nicht die seelische Zentrifugalkraft, die eine zunehmende Blutleere in der Birne der überflüssigen Ichlinge erzeugt; es ist das ganz natürliche Gefühl des Versagens, dass die Lenker der Henkerkarren plötzlich selbst den Regeln ihres stupiden Spiels unterworfen sind, obwohl es eigentlich nicht vorgesehen war. Was die Zukunft bringt, möglicherweise sogar Ansätze von Verantwortung, will sich in den verschwiemelten Birnen der Bonireiter keiner ernsthaft vorstellen. Wozu auch, schließlich sind sie es, die den Takt angeben.

Ein Haufen von Consultern und Coaches wälzt sich im Dreck vor ihnen, ebenso unterprivilegierte Zufallsgeburten, die neben der bekannten Knute notfalls pharmazeutische Glücksversprechen und ein bisschen Bares als Therapeutikum wählen, denn es ist nicht wie beim Bandscheibenschaden, wo man die Zähne zusammenbeißt für die Dividende in der Chefetage; hier wird die Freiheit der Eliten verteidigt, und wann ginge das schon ohne bestialische Gewalt. Wer mutmaßlich das System gefährdet und sich doch nicht für marktkonformes Spontanableben erwärmen kann, der muss halt in Quarantäne gehen, möglichst dem Grad der Larmoyanz entsprechend, den diese Milchmädchen zum Industriestandard erhoben haben.

Mit etwas mehr Rücksichtslosigkeit gegenüber den Rücksichtslosen wäre schon viel gewonnen. Man sollte sie zur Entwöhnung von ihrer Egolepsie der eigenen Gattung aussetzen, gerne im Blaumann statt im Nadelstreif, um die Selbstheilungskräfte mit mehr Schmackes zu aktivieren. Aber vermutlich wollen sie das alles gar nicht, wenn ihnen klar wird, dass sie ohne das Hamsterrad Ananas und Braunalgen züchten könnten, ohne das Bruttoinlandsprodukt nennenswert zu belasten. Vernachlässigen wir sie. Sie könnten es zwar besser als wir, aber wen interessiert das noch, hier und heute.