Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXVIII): Facedowner

7 02 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ngg war normal. Er stocherte ein bisschen im Feuer, pflügte seinen Acker zur Aufzucht von Gras und Gemüse, fing ab und zu einen Fisch und lief weg, wenn die Wollnashörner ihre schlechte Laune zelebrierten. Noch im hohen Alter von einunddreißig Jahren, struppig und mit mehr Narben als Zähnen, war er ein geschätztes Mitglied der Sippe, da er das Pfeifen des Regenvogels hörte wie kein anderer. Sofort roch er Pilze, deutete den Mooswuchs und kannte sich aus mit dem Knistern morscher Hölzer, kurz: er beherrschte sein Habitat und lehrte künftige Generationen, warum die evolutionäre Fehlentwicklung auf Hinterbeinen sich hartnäckig in der Steppe behaupten konnte. Ngg war ein Beispiel für den Siegeszug des Geistes über seinen Spielraum, und wäre nicht sein beknackter Schwager Rrt gewesen, der ständig nach unten blicken musste, die ganze Horde hätte den Höhlenbrand überlebt. Die Malessen im Pleistozän, man hätte sie vermeiden können. Der Facedowner war schuld. Und er ist es bis heute.

Mit dem Siegeszug der Informationselektronik, der dem Internet Beine gemacht hat, wucherte diese neandertaloide Spezies aus dem Hominidenstamm heraus, eine Nulldiät für Gehirnfresser, die schreiend vor der Außenwelt wegliefe, wenn es sie nicht geistig überfordern würde. Sie haben die vollkommene Selbstkonditionierung geschafft, indem sie manisch auf ihre mobilen Plastekröten glotzen, die Pupillen festgepinnt auf ein kleines Schirmchen von Handtellergröße, aus dem die Vernachlässigbarkeiten eines kompletten Universums kleckern. Genauso gut hätte man sie blenden, ihnen die Ohren mit Blei ausgießen und die Klappe zunageln können. Das bisschen Nichts, das sie sich in die Netzhaut schwiemeln, verwechseln sie mit Information, und sich selbst, die sie diesen Dünndunst für wesentlich halten, betrachten sie als Rezipienten, wo sie doch nur der Papierkorb sind, in den der Pixelmüll trieft, bevor er, Papierkorb inklusive, der Vergessenheit anheimfällt. Bedürfte es einer zeitgemäßen sozialen Skulptur, die den Vanitas-Gedanken durch den öffentliche Raum turnt, der Facedowner ist sie.

Vordergründig zeigt sich dies in der störenden Eigenschaft, auf Schritt und Tritt mit der anderen Materie zu kollidieren. Hart im Raume stoßen sich die Sachen, Hans-guck-auf-das-Display ignoriert Zebrastreifen und Mauern, Mütter mit Kinderwagen und abrauschende Fluchtfahrzeuge. Er rempelt sich eine Gesellschaft aus dem Sichtfeld, die ihm auch immateriell schon wumpe ist, und was ihm nicht als Navigationsinhalt in symbolischer Form vor die Nase gehalten wird, das trampelt er nieder. Als Abbild des neoliberalen Selbstbildes, als Ichling in nur auf sich selbst bezogener Bewegung hält er sich für durchsetzungsfähig, vergisst aber, es beruht meistens nur darauf, dass andere für ihn auf die Fresse fallen. Mehr gibt es zu seiner Rücksichtnahme nicht zu sagen.

Andererseits hat er es spielend geschafft, das erste metakommunikatives Axiom zu widerlegen. Er blendet nicht das Andere aus, er kann wahrhaft nichtkommunizieren. Wie eine Monade in Gelee kullert er durch den Rest der Objekte, bleibt zum Glück nirgends kleben, hinterlässt keine Spuren, verändert den Lauf der Welt nicht, er ist ihr so egal wie sie ihm. Gäbe es eine funktionierende Anleitung zum Unglücklichsein, er könnte darauf verzichten.

Natürlich könnte man das Phänomen mit der grassierenden Mobiltelefonsucht erklären. Eine von mentaler Stärke größtenteils verschonte Schicht der Bekloppten jiepert konstant den Funkziegel in der Jackentasche an, die Persönlichkeitsprothese für den scheinbaren Bodenkontakt, der sich allerdings als tragbare Fußfessel entpuppt. Etwaige Funklöcher lösen jähe Schnappatmung aus, ein Akkudefekt mündet in kardiovaskuläre Explosionen mittlerer Stärke. Ein erhöhter Stresspegel stellt sich ein, wenn die anderen Deppen den Klingeltoni permanent anmorsen, ein gesundheitsschädliches Level erreicht die Anspannung, wenn sie es nicht mehr tun. Wozu auch sonst bohrt sich der geneigte Realitätsallergiker ein Stück Altmetall in den Gesichtsversuch, wenn nicht zur Erkenntnistheorie. Für den Verweigerer jeglicher Erkenntnis jedoch ist der Bildschirmbömmel mit den Nachrichten aus einer imaginierten Innenwelt wie der permanent vorhandene Griff einer Tür, die er als Monstranz vor sich herschiebt, um sie den Tatsachen vor der Nase zuzuknallen. Wenn die Welt alles ist, was der Fall sein sollte, hätte sich dieser damit erledigt. Schließlich schaut er den Tatsachen nicht ins Auge.

Man sollte sie nicht bemitleiden, wie sie ihren Zeichensalat einsaugen und blind durchs Gelände stampfen. Man sollte ihnen auch kein Bein stellen oder sie zur Ordnung rufen, sie bekämen es ja nicht einmal mit. Warten wir einfach ein bisschen und schauen ihnen hinterher. Irgendwo wächst zu ihrer Erleuchtung schon ein Laternenmast.