Falscher Alarm

12 02 2014

Hier also arbeitete sie. Konzentriert blickte Heide Hüppner auf den Tisch mit den vielen Lämpchen, auf den Telefonhörer, die beleuchtete Straßenkarte und das Mikrofon, das an einem biegsamen Schlauch vor ihrer Nase pendelte. Sie nestelte nervös an ihrem Uniformkragen. Die Leitstelle war heiß, trockene Heizungsluft durchströmte den Raum. Jeden Moment konnte es wieder klingeln, statistisch gesehen einmal in der Viertelstunde, und es war schon überfällig, denn es war ein ruhiger Abend gewesen bisher, hier in der Feuerwehr.

„Das ist ja alles inzwischen vollautomatisch“, erläuterte sie. „Wenn zum Beispiel ein Brand gemeldet wird über eine Alarmanlage, dann müssen wir ihn nur noch aufzeichnen, die Meldung selbst geht ja gleich weiter an die Einheiten, und ich muss natürlich entscheiden, welche Rettungskräfte da eingesetzt werden.“ Sie war sich ihrer Sache ganz sicher, aber sie verrichtete diesen Dienst auch schon seit langen Jahren. Ich fragte mich (und dann auch sie), ob es nicht irgendwann so etwas wie Langeweile in diesem Beruf geben könnte. Sie wehrte entschieden ab. „Nein, nie. Niemals. Es ändert sich ständig etwas, ich muss mir jetzt beispielsweise den…“ Da klingelte es auch schon. Die Lämpchen blinkten. Der Monitor wurde rot.

Hüppner nahm schnell und routiniert die Situation auf. Ein Wasserrohr war gebrochen und hatte die Pappelallee unter Wasser gesetzt. Ein Löschzug rückte sofort aus, die Polizei war bereits alarmiert. Alles wie immer. Sie tippte rasch einen Bericht über die Einsatzkräfte. Alles lief wie am Schnürchen. „Das ist Routine“, versicherte sie. „Solche Einsätze haben wir öfters, man kriegt das höchstens mal aus der Zeitung mit. In einer Stunde ist das Ärgste behoben, dann pumpen die Kollegen noch etwas Wasser in die Kanalisation, und im schlimmsten Fall müssen ein Paar Keller entwässert werden. Alles halb so schlimm.“ „Trotzdem“, wandte ich ein, „wenn man selbst betroffen ist, sieht man die Sache natürlich anders.“ Hüppner nickte. „Aber gerade deshalb ist es ja so…“

Die Lämpchen blinkten wieder. Sie griff nach dem Hörer und machte sich eine kurze Notiz. „Moment“, sprach sie ins Telefon. „Ich habe ihn gleich. Gründler, Grundmann – Grundner, Herbert, Pasewalker Straße 41a. Bleiben Sie, wo Sie sind. Der benötigt keine Polizei.“ Sie tippte einen Einsatz in die Tastatur (es handelte sich offenbar um einen Einbruchdiebstahl) und schloss die Sache. „Das heißt“, sagte ich, „dass Sie hier keinen Polizeiwagen schicken werden?“ Hüppner nickte. „Der braucht keinen. Selbst schuld übrigens.“ „Ich verstehe“, gab ich spöttisch zurück, „er war im früheren Leben selbst Einbrecher und kriegt es jetzt mit gleicher Münze heimgezahlt.“ „Fast.“ Sie nahm einen großen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. „Fast richtig. Er hat in großem Stil Steuern hinterzogen, und dafür bezahlt er jetzt.“

Jetzt erst fiel mir der Name wieder ein. Herbert Grundner, der Baustadtrat, der stets in einem neuen Sportwagen vorfuhr und sich eine bescheidene 30-Zimmer-Villa in Charlottenfelde zugelegt hatte, verfügte plötzlich und unerwartet über immense Summen, die er am Fiskus vorbeigeschleust hatte. Er wurde mit Schimpf und Schande aus der Partei gejagt – sein lautester Kritiker saß inzwischen wegen Unterschlagung im Gefängnis – und hockte seither auf seinem Anwesen, wo er über die Ungerechtigkeit der Welt nachsann. „Wir haben eine Liste“, erklärte sie, „und nach dieser Liste entscheide ich, ob die Rettungskräfte anfordere. In diesem Fall wird sich Herr Grundner ohne uns behelfen müssen.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Sie schicken ihm keine Polizei, weil er aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde? oder nein, eher umgekehrt?“ „Er hat sich selbst ausgeschlossen“, entgegnete sie. „Keiner von uns hat ihn zu seinem Sterbetrug gezwungen, oder?“ Sie wusste, sie hatte Recht.

Schon kam der nächste Fall. Hier brannte es bereits. „Ein freistehendes Gebäude in Grünenthal. Keine Gefahr, dass es auf andere Häuser übergreift. Die Feuerwehr können wir uns sparen.“ „Und wenn Sie bei einem Autounfall plötzlich einen Verletzten haben, den Sie gar nicht retten wollten?“ „Den bewahren wir auf“, antwortete sie kühl. „Spenderorgane werden immer gebraucht, auch von denen, die nicht dafür bezahlen.“

„Das verstehe ich trotzdem nicht“, wandte ich ein. „Sie können das doch nicht einfach so entscheiden. Immerhin, wir sind vor dem Gesetz alle gleich.“ Sie lachte spöttisch. „Das Problem ist nicht, dass Sie das verstehen, das Problem ist, dass andere das nicht verstehen wollen.“ „Sie enthalten also Steuerbetrügern die Leistungen vor, die sie nicht bezahlen wollten?“ Sie nickte. „Wer sich aus dem Gemeinwesen verabschiedet, weil er denkt, dass er seine Bedürfnisse privatisieren und aus der eigenen Schatulle bezahlen kann, der darf das auch gerne tun. Aber dann für alles.“ „Dann müssten Sie die Ampeln für solche Autofahrer ja auch unsichtbar machen können.“ Hüppner schüttelte den Kopf. „Schlechtes Beispiel. Die sind nur für die anderen da, die sich sonst nicht zur Wehr setzen könnten gegen einen egoistischen Fahrer. Wer sich aus der Gesellschaft zurückziehen will, weil er sie verachtet: bitte, aber dann müssen Sie auch bedenken, wer am längeren Hebel sitzt.“ Die Lämpchen blinkten schon wieder. Vielleicht saß Grundner in seiner leergeräumten Villa und suchte die Versicherungspolice. Wer wusste das schon.


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