Kunst

19 02 2014

Die Wachmänner sprangen erschrocken zur Seite. Der Pförtner riss die Tür auf und seine Mütze vom Kopf. In der Mitte der Eingangshalle hockte auf einem Bänkchen wie ein Häuflein Elend die Direktorin. „Alles hin“, klagte sie, „wir müssen die Eröffnung verschieben. Sie haben die Attraktion total zerstört. Eine Katastrophe!“

Die Werkschau der zeitgenössischen Kunst der aktuellen Gegenwart hatte seit Wochen die Blätter gefüllt; die Anzeigenpreise zogen leicht an, dafür also war das Zeug schon mal gut gewesen. „Sie haben es einfach weggeschmissen“, jammerte Hildegunst von Rupfenplüt. „Dabei war das doch Kunst!“ Ich besah die Schmutzspuren auf dem nackten Terrakottaboden der Halle. „Das lässt sich insbesondere für Laien nicht immer so schnell auseinanderhalten.“ Es war die Putztruppe gewesen, die einen Haufen Buchenholz, in Wahrheit streng durchnummerierte Scheite, eine genau bemessene Menge Gartenerde und etliche Besenstiele, Tonscherben und Kieselsteine achtlos in einen Container verlastet hatte. Mit zitternden Fingen griff sie einen der Holzstiele aus dem Behälter. „Da“ stieß sie hervor, „das ist mehr als eine Vandalentat – das ist der pure Hass auf ein politisches Statement!“ Ich begriff nicht, worauf sie hinauswollte, schwieg aber sichtlich betroffen, um mich nicht zu blamieren. Sie nahm es bewegt zur Kenntnis.

„Aber wir müssen doch etwas machen!“ Der flehentliche Ruf hatte mich in die Wirklichkeit zurückgeholt. Der Hausmeister stand etwas abseits und kratzte sich verlegen am Kinn. Der Frevel war während seiner gewerkschaftlich organisierten Mittagspause geschehen, also war er nicht schuld; nichtsdestotrotz bangte er um seinen Arbeitsplatz. „Wir können ja nu allens wieder da hinkippen“, überlegte er. Die Direktorin rümpfte sichtlich die Nase. „Ich will das nicht gehört haben“, stichelte sie. „Am Ende lassen wir uns von denen noch beibringen, was Kunst ist.“ „Ah, Sie wissen das ja nu.“ Er schien sie nicht wirklich zu mögen, doch was sollte er tun. „Kunst ist“, begann sie, „also wenn das hier als Kunst, und wir gehen ja davon aus, dass das Kunst ist, dann…“ „Also die weiß das auch nich“, konstatierte er befriedigt. Dach hatte ich eine Idee.

Die ersten Gäste standen bereits in der Vorhalle. Eben gerade noch hatten wir uns rasch die Hände gewaschen, ein Glas Sekt hinuntergestürzt – dass die Stadtverwaltung nichts zu verschenken hatte, war uns vorher klar gewesen, aber dass es so schlimm stand, merkten wir erst jetzt – und warteten auf das Publikum. „Interessant“, näselte ein kleiner Dicker mit Hornbrille, „das muss dieser Dingsda sein aus Italien.“ Das Oval aus der Streusandkiste wirkte anziehend; immer mehr Gäste bewegten sich auf seiner Umlaufbahn. Sorgfältig wichen sie den Kieselsteinen am Rand aus, hier und da blickte einer interessiert auf die spitzwinklig abstehenden Besenstielfragmente in der Peripherie. Keine Frage, diese Installation hatte etwas. Was auch immer es sein mochte.

Eine Dame mit asymmetrischer Frisur und reichlich Schmuck übte sich in Höhenflügen. „Der Einfluss der Arte Povera ist ja eindeutig“, dozierte sie, „die Materialien wie Sand, Holz, Steine…“ „… Alufolie, Zeitungspapier, Kronkorken…“ Sie warf mir einen verbitterten Blick zu, doch ich ließ mich nicht beirren. „Ja, das irritiert Sie. Aber haben Sie je über das Konzept dieser Aussage nachgedacht? Oder sich gefragt, warum wir es für Kunst halten?“ Ein erschrockenes Murmeln zog durch den Raum. „Ich finde ja, dass wir diese desintegrative Haltung der Kronkorken nicht auf die gegenwartspolitische Perspektive reduzieren dürfen.“ Der Dicke mit der Brille blickte missbilligend. Ich nahm ihm das übel. „Dabei haben wir gerade hier die Metametapher des Der-Zeit-vorweg-Seins in der Eigendinglichkeit des Geworfenen, wie Sie doch wohl sehen.“ Sein Banausentum kränkte mich tief. Wie gut, dass er es noch rechtzeitig gemerkt hatte.

Leider musste in diesem Moment Hildegunst sich aus der Deckung hervorwagen. „Das macht es doch zur Kunst, dass es einer Interpretation bedarf.“ Sie hob sich triumphierend über ein Häufchen Abfall. Der Hausmeister zuckte gelangweilt die Achseln. „Kunst“, sagte ich leicht indigniert, „zeichnet sich dadurch aus, dass sie der Interpretation auch standhält.“ Ein paar Besucher murmelten beifällig. Sie schaute sich hilflos um. „Ich würde das so als Antikunst nennen“, ließ sich der Hausmeister vernehmen. „Aber Nichtkunst is auch okay, wenn man mich fragt.“

Es wurden noch einige Fotos geschossen, teilweise von den beiden Klappstühlen unter den Wolldecken, manche mit dem Hausmeister, den jemand fälschlich als den Künstler ausgemacht haben wollte. Vielleicht lag es auch am Sekt. Ich suchte meinen Mantel. Die Direktorin war müde und verwirrt. „War das denn jetzt richtig so?“ „Machen Sie sich keine Sorgen“, tröstete ich sie. „Keiner hat etwas verstanden, und in den Zeitungen wird viel Quatsch stehen, weil niemand zugeben wird, es nicht verstanden zu haben.“ Hildegunst starrte versunken in den Raum. „Was ist denn nun Kunst überhaupt?“ Ich griff nach der Tür. „Kunst“, sagte ich, „ist das, was nicht mehr in einen Kleinwagen passt.“


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