Gelbe Gefahr

26 02 2014

Herr Breschke stellte die Schaufel zurück. „Ich habe ja nichts gegen Ausländer“, knurrte er, „aber das ist ein Chinese! Da hört sich doch alles auf!“ Umständlich zog er sich die Gartenhandschuhe aus, während er weiter über den Niedergang der sonst so beschaulichen Villengegend tobte. „Woher kommen bloß immer diese Leute? Ist denen China nicht mehr groß genug?“

Aus Altersgründen hatten Hirsekorns das gegenüberliegende Haus aufgegeben und waren zu ihren Kindern gezogen. Maler und Installateure kamen und gingen, dann stand ein Möbelwagen vor der Tür. „Die sind gleich mit allen eingezogen“, ereiferte sich der Alte. „Mit den Kindern, mit Sack und Pack!“ „Das ist hierzulande üblich“, gab ich zurück. „Sie passen sich den Gewohnheiten an.“ Doch das war nur Wasser auf seine Mühlen. „Sie kommen von überallher, das ist gefährlich!“ Ich reichte ihm die Rasenkantenschere. „Interessante Theorie, bisher hatte ich immer gedacht, Chinesen kämen vorwiegend aus China.“ Ich hätte besser meinen Mund gehalten. „Stellen Sie sich das mal vor, zwei Kinder! Zwei Kindern! Wenn das jeder Chinese so macht, dann haben wir bald keine Deutschen mehr bei uns!“ „Vermutlich mussten sie auswandern“, wandte ich ein. „Zwei Kinder sind ja selbst für Peking zu viel, aber in Europa kann man mit so einer Großfamilie ja besser untertauchen.“

Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, nahm keinen Anteil an der ganzen Sache. Er döste gemütlich auf den Eingangsstufen und ließ sich von der Frühlingssonne bescheinen. Noch lugten keine Tulpen aus dem Beet hervor, die er hätte anknurren können, und die Leine, über die er seinen Herrn gerne stolpern ließ, lag wohlverwahrt im Innern des Hauses. „Ich hatte neulich sogar den Schlüssel draußen stecken lassen.“ Breschke ließ mich gar nicht mehr zu Wort kommen. „Meine Frau kam vom Einholen und hat ihn hier entdeckt – jetzt stellen Sie sich das mal vor, einer von diesen chinesischen Jungs hätte ihn mitgenommen!“ Dem Argument konnte ich mich nicht entziehen. Hätte einer das Haus des Chinesen mit Steinen beworfen, um den Frieden des Platanenwegs zu stören, wäre ja sicher auch der Chinese schuld gewesen. Was zieht er auch in ein Haus ein, noch dazu mit zwei Kindern und Mobiliar. „Ihre Frau hat also den Schlüssel gefunden?“ „Nach zwei Stunden“, ächzte er. „Zwei Stunden – in der Zeit hätte doch alles passieren können!“

Dabei hatte ich den pensionierten Finanzbeamten nie als vorurteilsbehaftet erlebt. Er war zwar in einem chinesischen Restaurant bei der Verlobungsfeier seiner einzigen Tochter – das Verlöbnis wurde recht schnell wieder gelöst, aber das hatte ganz andere Gründe – aufgefallen, weil er Wiener Schnitzel bestellt hatte, aber das tat er auch auf seiner bisher einzigen Reise nach Mallorca. Er trank ausländische Schnäpse, vorwiegend solche, die in Deutschland nicht unbedenklich in den Handel gelangen durften, und vertraute seinem türkischen Automechaniker mehr als Doktor Klengel, nachdem dieser eine Sprechstundenhilfe aus Hessen beschäftigte. Es war, wie gesagt, kompliziert.

„Wo gehen die eigentlich zur Schule!“ Horst Breschke hatte sich längst in Rage geredet. „Sie werden sicher täglich einen Interkontinentalflug nehmen“, antwortete ich, „bestimmt auf Staatskosten.“ Er war verwirrt. „Meinen Sie?“ „Haben Sie irgendwo hier eine chinesische Schule gesehen?“ Der Alte rang die Hände. „Das ist eine Katastrophe!“ „Worauf Sie sich verlassen können“, sagte ich ungerührt. „Am Ende machen hier alle Chinesen in der Stadt mit ihren 40 Kindern einen Staatszirkus auf, und dann lassen sie die ganze Sippe nachkommen.“ „Furchtbar!“ Breschke raufte sich die Haare. Doch ich war noch längst nicht fertig. „Am Ende findet das Milliardenvolk hier keine Anstellungen mehr, weil längst an jeder Ecke ein Zirkus steht, und dann müssen sie sich anders ein Auskommen suchen. Denken Sie an die Schlüssel.“ Er schnaufte schon bedenklich. „Sie meinen, wir werden hier lauter Diebesbanden haben, die nachts in unsere Häuser einsteigen?“ „Ach was“, beruhigte ich ihn, „die sind zwar klein, aber unter der Tür kommen sie immer noch nicht durch. Ich meinte eher etwas anderes.“

Jäh erbebte Breschke. Er stürzte auf den Hund zu, der sich keines Angriffs versah. „Die essen ja Hunde“, stammelte er, „aber Bismarck kriegen die nicht!“ Das arme Tier wand sich jaulend unter den Beruhigungsversuchen des Alten. „Vielleicht essen sie die nur noch sonntags“, mutmaßte ich, „oder sie kaufen sich inzwischen welche. Achten Sie mal darauf, wenn Sie auf dem Wochenmarkt sind.“ „Das wird mir zu viel“, schrie er. „Ich mache ein für alle Male Schluss damit!“ Ich nahm ihm den Spaten aus der Hand. „Lassen Sie doch den Unsinn“, mahnte ich. „Sie wohnen direkt gegenüber, das macht Sie doch verdächtig. Lassen Sie lieber mich mit ihm reden.“

Er wollte mich noch zurückhalten, aber ich lief einfach schnurstracks über die Straße und klingelte. Nach einer kurzen Unterredung schloss der neue Nachbar die Haustür. Breschke ging vorsorglich hinter dem Liguster in Deckung.

„Grüß Gott“, stellte er sich mit einer tiefen Verbeugung vor. Dabei überreichte er Herrn Breschke eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. „Herr Tomoya Nakai“, stellte ich vor. „Sie sind gar nicht aus…“ „Nein“, wehrte er lächelnd ab, „ich habe nur in Erlangen Maschinenbau studiert.“ Breschke war betreten. „Man kann nicht vorsichtig genug sein“, warnte ich. „Stellen Sie sich vor, er wäre aus Hessen gekommen.“ Er nickte versonnen. „Nicht auszudenken!“