Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXI): Das überwachte Gesicht

28 02 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Geschickte Finger hatte er, der Hominide. Fast lebensecht krakelte er Wollnashorn, Büffeltier und Säbelzahntiger an die unverputzte Grottenwand, dazu ein hübsches Feuerchen respektive die Sonne, und diese oder jene Striche mit Nase: Ngg und seine Brüder, wie sie durchs Unterholz straucheln, stilisierte Speere in den verschwitzten Händen, für die Sippe einigermaßen kenntlich, doch schon anderthalb Generationen später nur noch Kratzer im Sandstein, kaum an der Zahl der Füße zu erkennen und auch sonst nicht individuell genug, um aus der Masse hervorzustechen. Sie gehen in die ewigen Jagdgründe ein und haben ihre Ruhe. Weil sie keiner mehr erkennt.

Anders heute. Wer da mal eben ein Selfie in die Betonwand fräst – die Stämme artikulieren sich nicht avancierter als ihre prähistorischen Vorfahren, nur weniger zivilisiert und seltener von bleibendem ästhetischem Wert – landet sofort in der Überwachungskamera, die ein hysterischer Supermarktbesitzer an die Hausecke geflanscht hat, um Einschläge von Passagiermaschinen in seine Frischfleischtheke besser den Strafverfolgungsbehörden melden zu können. Alternativ grinst jede Hohlbacke in jede sich bietende Linse, wenn das Fernsehen aufmarschiert bei Samstagabendshows und anderen Autounfällen, winkt pennälerhaft und grüßt den Kegelverein im heimischen Kuhkaff. Besser ließe sich niemand freiwillig zur Zielscheibe machen als mit dem so entstandenen Material, das locker ein anständiges Fahndungsplakat ergäbe, wenn man den völlig verseiften Knalldeppen in Front draufpappte. Vermutlich lässt man den Quark mit Publikum auch nur noch dazu weiterlaufen, weil noch nicht das komplette Personal biometrisch zwangsgeknipst wurde.

Vermutlich wurden diese Extremflughäfen, diese in jeder Hinsicht unterirdischen Bahnhöfe und Elbkonzertsäle nur deshalb für viel Geld in die Landschaft geschwiemelt, um täglich Menschen zusammenzupferchen, die sich an einer Batterie Sicherheitskameras vorbeischieben müssen, rotgesichtig genervte Bürger, die für Sicherheitspolitiker, diese intellektuell knapp unterhalb von Braunalgen rangierenden Fehlversuche der Evolution, so lange gegängelt und schikaniert werden, bis sie heimlich in der Tasche die Faust ballen und damit auch offiziell als Terroristen behandelt werden dürfen. Die Fratze ist einmal gefilmt und archiviert und taucht ab jetzt bei jeder gesellschaftlich relevanten Transaktion auf. Noch ein Grund, seine Wohnung selbst im Notfall nicht mehr zu verlassen.

Aber wir geben uns auch gar keine Mühe, die Visage aus dem öffentlichen Raum in die Stille der Privatheit zu retten. Kaum hockt der Beknackte bei Stulle und Bier, zack! und Blitz! und ab ins Netz, als sei die Gesichtshalde noch nicht wegen Überfüllung geschlossen. Tante Erna und Herr Klöbner aus dem Tiefparterre nebst Heimtier gleich mit, das spart zweimal den Aufwasch und transportiert dazu noch die Metainformation, dass wir den komischen Kauz kennen, der dem Staatsschutz als Sammler obskurer Schriften aus dem real existierenden Sozialismus bekannt sein dürfte. Wir können uns nicht einmal hinter den Gesichtern der anderen verstecken. Mit etwas Glück hat sich der Typ eins weiter links auch schon eine Helmkamera auf die Birne gebastelt und kleckert unsere Existenzversuche in HD in die aufkeimende Nachwelt.

Fragt sich nur, wer den ganzen Schmadder angucken soll. Um den täglichen Dreck zu sichten, der aus den Tiefen der technischen Speicherung in die anthropogene Fehlerquellenzone hoch klatscht, bräuchte man anderthalb Ersatzmenschheiten im Dreischichtbetrieb, die das Zeug sichten. Was liegt also näher, als die Fehlerquelle auszulagern auf die permanent zur Verfügung stehende Maschine, die auch gefährliches Verhalten analysiert und dementsprechend auffällige Personen aus dem Verkehr zieht. Wenn zwei Pickel an der Nase und auffälliges Hinken nach normalem Liquorbefund nicht mehr genug sind, demnächst reicht ein kurzer Defekt der Bildverarbeitungssoftware, damit die Kinder einen Deppenschulabschluss machen.

Die Zukunft ist nicht die Überwachung unseres Tuns, sie ist die radikale Personalisierung. Jedes Individuum wird bei seinem Namen gerufen, es ist sein; er, der Staat hat es geschaffen und gemacht, und seine Botschaft lautet: fürchte Dich.

Die Strickmützenindustrie wird knapp von den Herstellern falscher Bärte überholt werden, aber das ist nur eine Übergangserscheinung. Mit etwas Glück rafft der Hominide, diese phylogenetische Ausschussware, dass auch irgendjemand ihn selbst auf dem Kieker hat und seine kleinen dreckigen Geheimnisse mit schwitzigen Fingern aufschreibt. Nicht auszuschließen, dass das schon zum Krieg führt. Aber damit wäre nichts verloren. Wer übrig bleibt, wird ein paar Jahre später wieder Elche, Autos und Videokameras malen. An die Höhlenwand. Und wer weiß, vielleicht sind wir dann ja endlich in Sicherheit.