Multitasking

4 03 2014

Petermann schaute wie eine Kuh, wenn es donnert. „Es tut mir furchtbar Leid“, sagt er mit einer Sanftmut, dass man sofort merkte, er hielt die junge Dame für komplett bescheuert. „Diese Herde stehen hier seit fünfzig Jahren, und wenn es nicht in Ihren Organisationsplan passt, suchen Sie sich doch bitte einen anderen Job, ja?“

Bruno Bückler – eben der, den Freunde und Kritiker ehrfurchtsvoll den Fürsten Bückler nannten, wie er in seinem Landgasthof Aal in Gelee und die süßsauren Gänsekeulen zubereitete – ballte die Fäuste, um nicht mit den Zähnen zu knirschen. „Die Schnepfe raubt mir den letzten Nerv“, zischte er. „Kaum unterhält sich Hansi einmal mit einem Gewerkschaftsvertreter, schon schicken die einem diese Besserwisser vorbei.“ Der Angesprochene schmollte sichtlich. „Gar nichts habe ich“, schimpfte der Bruder, der für den Service zuständig war, „er hat sich meine Visitenkarte mitgenommen und dann einen von diesen Businesskaspern zu uns geschickt.“ Jedenfalls war das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Sie zeigte Petermann, der seit seiner Lehrzeit Entremetier und inzwischen die rechte Hand des Küchenmeisters war, wie man effektiv Petersilie hackt. „Sie kann es“, kommentierte Bruno, „zumindest theoretisch.“

Es war Frau Doktor Severin nicht zu erklären. „Wenn die Herde an der Längsseite stehen würden, könnten wir hier viel schneller arbeiten. Dann müsste ich die Speisen einfach nur auf den Teller legen.“ Brunos Schnurrbartspitzen gingen in leichte Vibration über. Sicher hatte er der Organisationsfee genau zugehört. „Und dann wird auch die Arbeit viel konzentrierter – Sie dort, was machen Sie da?“ Ihr neues Opfer war die Küchenhilfe, die flink einen Salat zupfte und auf den Tellern verteilte. „Sie müssen Ihre Arbeit viel besser organisieren“, teilte die Gewerkschafterin ihr mit. „Am besten bereiten Sie die Salate schon vormittags zu, und dann legen Sie die auf die…“ „Und wo stelle ich all die Teller hin?“ Sie ließ sich nicht durch Tatsachen verwirren. „Genau deshalb müssen wir diese rechtwinklige Anordnung auch ändern“, verkündete Frau Doktor Severin, „und jetzt habe ich hier noch einen Punkt zu den Hygienevorschriften.“

„Sie ist eine Katastrophe im Quadrat“, stöhnte Petermann. „Mehr als das“, knurrte Bruno Bückler, und sein Gesicht mit der gewaltigen Stirnglatze, die sich bis zum Nacken zog, lief so hummerrot an, dass seine zitternden Bartspitzen sich wie Fühler ausnahmen. „Sie hat von Arbeit nicht den leisesten Schimmer. Ich kann doch ihretwegen nicht die Gasleitungen aus den Wänden reißen.“ Auch mir bereitete die Dame Schwierigkeiten. „Ich will nicht wissen, was sie zu einem Salat sagte, der den ganzen Tag lang auf dem Teller vor sich hin trocknet.“ Sogar Hansi ließ kein gutes Wort an ihr. „Sie meinte, ich sollte erst die Getränke auftragen und dann erst die Speisen.“ „Macht man das nicht immer?“ „Aber nicht mit allen Gästen zusammen“, murrte Hansi. „Sie will hier einen Schichtbetrieb einführen, damit wir die Tische schneller wieder abräumen können.“

Die Gewerkschaftsdoktorin hatte keine Mühe gescheut, in der Küche lehnte die gesamte Brigade an der Wand. „Das Gemüse ist doch viel schneller fertig“, dozierte sie, „deshalb ist es für den Arbeitsablauf unerlässlich, dass wir die einzelnen Schritte darauf einrichten.“ Bruno verzog bereits schmerzhaft das Gesicht. „Danach nehmen wir uns die Fische vor und dann die Suppen.“ „Und den Braten?“ Petermanns sarkastischer Unterton hatte sich ihr nicht erschlossen. „Eine Suppe ist schnell aufgekocht, in der Zeit kann das Gemüse noch warm stehen.“ Hansi guckte Bruno an; Bruno guckte zurück. Mir schwante nichts Gutes.

Es handelte sich, wie mir Petermann erzählte, um einen Wettbewerb. „Wer die meisten unsinnigen Regeln aus dem Büroalltag in den Arbeitsprozess zu integrieren versucht, gewinnt.“ Das leuchtete mir ein. „Und dann erzählen sie wieder, dass wir unsere Mails nur einmal am Tag abrufen dürfen, damit wir nicht zu schnell abgelenkt werden. Aber wer ruft schon in der Küche an oder ruft Mails ab?“ „Es sind halt Schreibtischtäter“, seufzte er, „und mit dieser Methode haben sie letztes Jahr fast ein Pflegeheim lahmgelegt, weil sie der Meinung waren, man könne sich immer nur um eine Sache kümmern, im Zweifel um den Papierkram.“ Ich war irritiert. „Aber das war doch ein Wettbewerb? Wer hat denn dann gewonnen.“ „Die Besserwisser natürlich“, antwortete er bitter. „Der Wettbewerb wird ja auch nur unter ihnen ausgetragen.“ Unterdessen hatte Frau Doktor Severin der gesamten Küche in der Theorie vollkommen schlüssig bewiesen, wie man Karotten kocht, während in der gleichen Zeit ein Spanferkel am Spieß gart. Mit einem Wutschrei warfen sich die Bücklerbrüder gleichzeitig auf sie und zerrten sie in die hinterste Ecke.

Alles lief wie immer. Unter scharfer Beobachtung schlugen die Beiköche eine Béarnaise auf, während der Chef Filetspitzen mit Armagnac flambierte. „Wo ist eigentlich…“ Bruno zog die Augenbrauen in die Höhe. „Da drüben.“ Sie schälte, zwar nicht freiwillig, aber immerhin, Kartoffeln. Viele Kartoffeln. Einen ganzen Sack Kartoffeln. „Dann werden wir sehen, ob sie Recht hat. Erst mal die ganzen Kartoffeln für diese Woche, danach das Gemüse. Vielleicht lernt sie danach unsere Arbeitsweise wieder zu schätzen.“