Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXII): Das unfunktionale Kind

7 03 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was war die Welt für ein wundervoller Ort, sein unbedeutendes Leben kurz und schmerzlos zu beschließen. Wer nicht die falschen Pilze knabberte, wurde vom Säbelzahntiger beseitigt oder verlor das Match gegen Grippe, Wundbrand und Asthma. Niemand wurde älter als 40 – ein Traum für die Jugendfetischisten, die noch mit 95 aussehen wollten wie Wolfgang Joop mit 59. Kinder waren n och Kinder. Sie durften noch auf eigene Faust durch die Savanne streichen, hatten dann aber Pech, wenn die Raubkatzen sich gerade das Lätzchen umgebunden hatten. Was jedoch die Erzeuger nicht groß aus dem Ruder brachte: sie legten vor dem Abnippeln noch mal drei neue Folgen Nachwuchs hin und suchten sich dann das beste Material aus. Die Evolution war ja hart, aber herzlich. Nur heute funktioniert das nicht mehr. Was aber nicht am durchschnittlich viel gesünderen Nachwuchs liegt. Sondern an den Dummklumpen von Eltern, die ihre Kinder generell für dümmer halten als sich selbst – was technisch unmöglich sein sollte.

Denn die heutigen Nachkommen sind einfach zu nichts zu gebrauchen. Sie können nicht segeln, beherrschen ihre Drittsprache nicht akzentfrei, betonen in den Pralltrillern der Scarlatti-Sonaten die Mittelnote einfach zu stark, haben noch keine internationalen Finanzkonzerne gegen die Wand gefahren, und dabei sind sie meistens schon mitten im dritten Lebensjahr. Dass sie Versager sind, liegt nicht an den Eltern, so viel ist sicher. Und dann sind sie auch noch so störrisch und funktionieren nicht auf Knopfdruck.

Die Abgehobenheit helikopternder Eislaufmammis ist nichts gegen den Drill im heimischen Camp, den aufstrebende, also ab Werk noch nicht zur obersten Gesellschaftsschicht gehörende Deppen ihrem Gezücht mit auf den Weg geben. Dieser ist meist vorgezeichnet, wird steinig und hat nicht zwingend eine große Erfüllung zur Folge, in der Mehrzahl jedoch einen charakterlichen Kollateralschaden, der beim Ultramarathon ein perfektes Largo geigt und ansonsten als Blödföhn die Menschheit nervt. Das nicht hinreichend in die Erfolgsspur geprügelte Kind hat keine Zeit mehr, sich selbst zu entfalten, deshalb faltet es die anderen zusammen und wird, Überlebensfähigkeit immer vorausgesetzt, auch von ihnen gefaltet. Wer das sät, erntet Kompott.

Dies jedoch ist nur die übliche Brutalität der Querkämmer auf Sündenbocksuche, wie sie für ihre eigene Beklopptheit alles zur Verantwortung zerren, was nicht schnell genug zurückschießt. Als Steigerung der Perversion gibt die niedermolekulare Verschwiemelung mit der gesellschaftlichen Norm den Ist-Zustand ungefragt als Krankheit aus, sprich: was nicht hinreichend den wirren Vorstellungen der Egoleptiker entsprich, wird umgehend als pathologische Erscheinung gebrandmarkt. Ist das Söhnchen nicht sportlich genug, weil es als Kleinkind lediglich die Koordinationsfähigkeit eines Kleinkindes aufweist, so handelt es sich um eine Entwicklungsstörung, die therapeutisch zu therapieren ist. Meist werden dem Balg aus Gründen der gesteigerten Effizienz (die Verziehungsberechtigten haben ja noch richtige Erben und müssen sich auch um die Finanzen kümmern) pharmazeutische Waffen verabreicht. Wer soll sich auch ständig um den Familienmist kümmern.

So kleben die Schorfhirne Etiketten auf ihre Zöglinge: bipolare Störung, Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit. Wie sonst auch sollten sie die Reaktionen ihrer Kinder bezeichnen, deren Defizite hauptsächlich darin bestehen, dass sie wenig bis höchstens falsche Aufmerksamkeit einer sozialen Zusammenrottung bekommt, die man mit ihr besser nicht allein lassen sollte. Natürlich sind diese Heranwachsenden bipolar gestört, und zwar zunächst von ihren Eltern, die sich nichts nehmen lassen, als sie zwischen Überforderung und Kontaktsperre einzuklemmen. Sie treten die Hinterlassenschaft ihrer Kinder an, vielmehr: sie werden sie mit in ihr eigenes Leben nehmen, wenn sie zufällig allen Rückkehrwünschen zur Biomasse entsagt haben, und werden den Schmodder an ihre eigenen Enkel weiterreichen. In den Gepeinigten Staaten leiden 25 Prozent der Bevölkerung unter Angststörungen; warum wir aus dieser Gesellschaft, die sich als unterer Dreckrand der westlichen Zivilisation etabliert hat, die persistente Paranoia als Normalzustand übernommen haben, bedarf keiner Diskussion mehr.

Es besteht Hoffnung, dass die Bescheuerten irgendwann dem Innendruck nicht mehr standhalten und sich mit einem preiswerten Burnout aus der Nummer verabschieden. Das macht kurzfristig etwas Lärm, aber dann wird eine hübsche Wohnung frei. Und der ewige Kreislauf zwischen zur Sau gemacht werden und zur Sau machen ist endlich einmal durchbrochen. Es kann so einfach sein, sein unbedeutendes Leben kurz und schmerzlos zu beschließen.