Hörsturz

12 03 2014

„Und am Freitag mache ich diese Nudeln mit dem Zeugs da aus der Tüte, da muss es schnell gehen, ich habe hinterher noch Koalitionsausschuss, und dann labert mir Kauder wieder einen Blumenkohl ans Ohr, und wenn ich dann nach Hause komme, bin ich auch müde, und am Wochenende muss ich ja auch wieder ins Kanzleramt. Der Altmaier soll nicht denken, dass er sich da am Samstag aufführen kann, wie er will.

Wenn ich gewusst hätte, dass in Deutschland noch eine funktionierende Justiz existiert, dann wäre ich diese verdammte Koalition mit der SPD doch nie eingegangen. Wie oft habe ich Dir gesagt, die FDP war viel besser. Die haben alle derart Dreck am Stecken, das hat den Geheimdienst einen Vormittag gelangweilt, und dann waren die Akten fertig. Ich finde das nicht gut. Wir müssen immer auf der Hut sein. Vor allem, wir hatten ja schon mal eine Koalition mit denen. Die Hälfte von den Leichen im Keller hat ja unser Gesicht.

Die haben uns schon wieder neue Skiprospekte geschickt, aber ich weiß noch nicht. Lass uns mal lieber fahren, wenn das mit der Regierung vorbei ist. Oder vielleicht auch erst in zwei Jahren. Bis dahin überleg ich mir das auch noch mal mit dem Liften. Udo Walz hat neulich schon wieder einen Kamm verloren. Also in den Falten.

Hat die Frau von Kohl Dich auch schon wieder angerufen? Das nervt wirklich, die will alle paar Wochen, dass wir einen Festakt für den Dicken machen, und dann meint sie, sie wüsste, wie ich zur Parteivorsitzenden aufgestiegen bin. Nein, das kann sie nicht wissen, das weiß nur der Schäuble. Und von Kohl weiß ich, wer der Spender war, und von Schäuble weiß ich’s auch. Die halten die Klappe, oder Springer fordert ihren Kopf. Oder was davon noch übrig ist. À propos Springer, die alte Zippe von Bertelsmann kommt am Wochenende vorbei und bringt uns die Arbeitslosenzahlen vom nächsten Jahr mit. Dann lass ich den Seehofer irgendwas erzählen, dass die Spanier und die Griechen mittags zu lange schlafen und Europa kaputt machen, dann schreibt die Presse wieder etwas über die ganzen arbeitsscheuen Hartz-IV-Empfänger, und dann kann Schäuble das vielleicht so hindrehen, dass wir das Kindergeld nicht erhöhen können, weil so viele Bürgerinnen und Bürger sich weigern, unseren Wohlstand zu unterstützen, und uns geht es so gut wie nie zuvor, und die Krise ist fast überwunden, uns steht nur noch das Schlimmste bevor, und dann lass ich mir von Schäuble erklären, was das eigentlich heißt.

So was wie Erdogan passiert mir doch nicht. Mit Westerwelle bin ich ja damals immer aufs Klo gegangen, da wusste ich wenigstens, mit dem passiert nichts. Und die Koalitionsverhandlungen mit Gabriel waren auch nicht viel besser. Aber wenigstens haben wir nicht auf dem Handy besprochen, wie wir die Diäten erhöhen und welche Aktien sich die SPD kaufen muss, damit sie sich den nächsten Wahlkampf leisten kann. So blöd bin ich doch auch nicht.

Stell Dir mal vor, ich würde so was auf dem Handy sagen, ‚Doofe EU‘ oder noch schlimmer, das würde doch sofort in der Zeitung stehen. Und vor allem, die ganze Partei wäre traumatisiert, die würden ja alle denken, jetzt macht die Kanzlerin ausnahmsweise mal das, was sie sagt, oder die sagt, was sie macht, und das kennen sie gar nicht, und dann wäre die ganze Partei traumatisiert. Das unter Freunden, das geht gar nicht. Wenn das einer mitkriegen würde, ich hätte vermutlich drei Tage später einen Hörsturz. Ich muss mir ja erst noch das uneingeschränkt Vertrauen aussprechen.

Also ich hab mir das so vorgestellt: ich drohe Wladimir öffentlich mit Wirtschaftssanktionen, und dann liefern wir Munition und Schießgewehre in den Irak oder nach Syrien oder irgendwohin, wo wir das halt immer hinliefern, wenn Krieg ist. Der de Maizière weiß das, das macht er immer, und wenn die kriminelle Energie nicht ausreicht, Ursel macht alles, wenn dabei ein paar Ausländer sterben. Und dann hat Wladimir die Munition und die Schießgewehre, und dann können die Russen die Krim annektieren und die ukrainischen Separatisten an die Wand stellen. Und dann stelle ich mich hin und jammere denen einen Scheißdreck von Freiheit vor und Hastenichgesehn, und der Stasigreis erzählt das nach, und Obama hat ganz viel Verständnis für unsere exportorientierte Wirtschaft, und wenn wir zum Friedensnobelpreis einladen, mache ich diese Biskuittorte mit Himbeeren, und ich trage diesen neuen rostroten Hosenanzug, da sieht man dann auch nicht so, wenn’s mal kleckert.

Überhaupt sollten wir mal wieder mehr Kultur machen, findest Du nicht? Wir entdecken einfach ein mehr Schulden im spanischen Staatshaushalt, und dann muss ich da hinfahren, und dann machen wir uns da ein paar schöne Tage, mit Stierkampf und so. Das ist doch jetzt Kulturgut. Wenn Du Dir das nicht ansehen willst, dann stell Dir doch einfach vor, das ist eine Demonstration in Stuttgart. Oder doch wieder Bayreuth?

Hier, und Schröder hat auch wieder was geschrieben, und jetzt meint er, er wäre ziemlich überrascht gewesen, wenn die ihn nicht abgehört hätten. Ob die das echt gemacht haben? Mir kann’s ja egal sein, oder glaubst Du, irgendeiner würde sich dafür interessieren, worüber wir so reden?“