Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXIII): Zweckoptimismus

14 03 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ngg und Uga, die ungleichen Brüder, sie hatten sich irgendwann vollkommen entzweit. Nicht der Streit um die fesche Fette aus der Höhle am Waldsaum brachte ihnen den Zwist, auch nicht die endlose Diskussion, wer welches Kind für sich beanspruchen durfte (auch damals herrschte ein Fachkräftemangel in jeder qualifizierten Sippe), es war die Frage nach dem Glück des Hominiden. Während der eine lieber windgeschützt in der Sonne hockte und das Ende des Universums erwartet hätte, wenn er von dessen Anfang je in Kenntnis gesetzt worden wäre, ging der andere mit einem unterkomplex geschnitzten Stichwerkzeug auf die großen Tiere los, die nahrhaft schmeckten und einen bei Fehlbedienung zu Matsch marmelten. Wer von beiden aber, die sich stritten und stritten, hatte das bessere Leben gewählt? Suhlte sich einer von beiden nur in Depressionen, um Recht zu behalten? Und hatte der andere, die Frohnatur des Pleistozäns, nur eine billige Flucht ins schnell verbrauchte Leben gewählt, um diese Inkarnation hinter sich zu bringen? Der Schwarzseher wusste um die Problematiken, der Weißseher nicht. Dafür musste er sich mit seiner ewigen Zuversicht herumschlagen, vielmehr: die anderen mussten das auch.

Natürlich weiß der Pessimist, was ihm blüht. Es regnet, sobald er ins Freie will, die Schnürsenkel reißen und sein Kopfhörerkabel verknotet sich unentwirrbar, während er auf einer Bananenschale ausrutscht, den Bus verpasst, versehentlich in die Pfütze tritt, und dann ist auch noch der Akku leer, sein Lieblingsverein kriegt fünf Tore reingesemmelt und steigt ab, die neue Kollegin hat schon einen Freund, der wie Mister Universum aussieht, das Fahrrad hat ausnahmsweise mal keinen Platten, sondern wurde geklaut, und zum Schluss stirbt man. Alles nicht schön, aber vorhersehbar.

Überhaupt, die Vorsehung – wer raucht, stirbt statistisch gesehen früher, wer sich an Gummiseilen von der Autobahnbrücke stürzt, hängt auch eher an der Strippe als am Leben, und jede Woche das Geld für den Lottoschein in einer Dose zu sammeln hat wenigstens den Effekt, dass am Ende des Jahres mehr Kohle da ist, als hätte man es für eine Lotterie ausgegeben, in der es sowieso nur Verlierer gibt. Es gibt keine Überraschungen, nicht einmal unangenehme, und genau das ist ja das Schöne am Unschönen, dass sich der Pessimist alle wirren Träume aus der Kalotte kloppen kann und mit dem Hintern auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Alles, was wird, wurde so, wie es werden sollte. Wer sich frühzeitig mit den Spielregeln des Abbauprozesses namens Existenz vertraut macht, braucht sich auch keinen Ängsten zu stellen, denn sie haben keine Macht mehr über den Fatalisten. Dafür hat er auch den Kopf jederzeit angenehm klar durchgespült.

Anders der Optimist, der ewige Verdränger. Ihm ist nicht bewusst, dass Goldfische früher oder später mit dem Bauch nach oben schwimmen, und sieht er sie, redet er sich ein, dass die Biester eine Runde im Flussbett pennen. Er schwiemelt sich sein buntes Weltbild zurecht, größtenteils logischer Schlodder aus der unteren Schublade mit längst gewesenem Ablaufdatum, und stört sich auch nicht daran, dass sich das Dasein selten an seine Wunschvorstellungen hält. Erst ist das Aquarium eine Geruchsbelästigung, dann wachsen die grünen Pickel auf seinem Rücken schneller als gedacht, die Steuerfahndung hat seine Adresse doch nicht vergessen, das Auto weigert sich, mit leerem Tank durch die Wüste zu rollen – es hätte ja sein können, aber irgendwas funktionierte gerade nicht.

Schlimmer als die ewigen Hurraknalltüten permanent pathologischer Lebensfreude sind nur noch die Zweckoptimisten, die zwar nicht mehr wissen, warum dieses bisschen Höhenflug über der Deponie einen sämtlicher Sorge entheben sollte, die es aber aus Gewohnheit und wider besseren Wissens immer wieder versuchen und eigentlich genau wissen müssten, warum sie sich gleich wieder die Gesichtskonturen auf der Landebahn abschleifen werden. Im Ganzen gleicht der Zweckoptimismus der Hirnverödung ohne Narkose, wie sie realitätsinkompatible Verhaltensweisen ausbildet: der Zweckoptimist sieht sich zum wer weiß wievielten Mal den Film an und hofft jedes Mal, dass das Opfer diesmal nicht durch die Tür geht und wieder eins über die Rübe kriegt. Die Wahrnehmung der Dinge an sich ist also noch rudimentär vorhanden, allein die Erkenntnistheorie versagt mit Schmackes. Mehr verlangen Bekloppte scheint’s nicht von ihrem Aufenthalt auf diesem zwielichtigen Rotationsellipsoiden.

Bezeichnend ist doch, dass es auch immer dieselben Flitschflunsen sind, die das grundlose Gejubel unter sich lassen. Noch im Angesicht der kippenden Erdscheibe behaupten Investmentbanker, dass die Rendite sich wuchernd vermehrt, und während der Tsunami röhrend die Küste hobelt, quakt eine Rotte drittklassiger Schranzen von der Unmöglichkeit der Erderwärmung – vielleicht dauert es noch ein paar Jahrtausende, bis sich der Schrott wieder einpendelt, aber dann sind sie wenigstens die Ersten, die es schon immer gewusst haben werden. Sie wissen nicht, wie tief sie bereits in der Tinte stecken. Und das ist es nun schließlich, was den Pessimisten geradezu versöhnlich stimmt. Ja, er hält den ewigen Strahlemann aus und kommt mit ihm zurecht, wenn er Stehaufmännchen macht. Er weiß, auch Optimisten müssen sterben. Und diese Gnade kann dem Verneiner nun wirklich keiner mehr nehmen.