Klartext

17 03 2014

„Das ist doch nicht Ihr Ernst!“ „Warum sollte das nicht unser Ernst sein? Nur, weil Sie das nicht verstehen, ist das Unsinn?“ „Nein, aber…“ „Dann unterschreiben Sie das jetzt hier, und fertig.“ „Nein, das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Diesen Humbug hier macht doch kein vernünftiger Mensch!“ „Aha, es handelt sich um Politik, die Sie nicht verstehen, und deshalb ist es Humbug, und deshalb wollen Sie den Antrag nicht unterschreiben?“ „Das macht doch kein vernünftiger Mensch! Man meldet sich doch bei der Europawahl nicht mit so einem – also jedenfalls, der Name geht ja gar nicht!“ „Ach, erst ist es Humbug, und jetzt liegt es nur am Namen? Sie als großer Politikexperte werden mir bestimmt gleich verraten, welche rechtliche Regelung wir nicht beachtet haben.“ „Daran liegt es doch nicht, es ist…“ „Ach, daran liegt es also gar nicht? Wir können also doch zur Wahl antreten?“ „Aber doch nicht als Die Beknackten!“

„Sie sind also der Ansicht, unsere Partei sei nicht demokratiefähig?“ „Lesen Sie sich doch mal dieses Wahlprogramm durch.“ „Nicht nötig, ich habe es geschrieben.“ „Aber das kann man doch nicht in ein Wahlprogramm schreiben! Sind Sie denn geistig zurückgeblieben?“ „Ist das etwa die Voraussetzung, um sich ins Europäische Parlament wählen zu lassen? Dann bitte ich um Verzeihung, das war mir nicht bekannt.“ „Sie schreiben hier, dass Sie gar keine Politik betreiben.“ „Richtig. Im Europäischen Parlament wird ja auch keine Politik betrieben.“ „Sondern?“ „Ein paar Lobbyisten setzen Parlamentarier unter Druck und versorgen andere mit Schmiergeldern, und am Schluss stimmen alle über Dinge ab, von denen sie nichts verstehen.“ „So haben Sie das ja auch in Ihrem Wahlprogramm geschrieben.“ „Wenn Sie es schon wissen, warum fragen Sie dann noch?“ „Das schreibt man doch nicht, das geht gar nicht.“ „Das wird ein Argument, wenn es fertig ist?“ „Man schreibt das doch nicht in ein Wahlprogramm.“ „Warum nicht? Glauben Sie etwa, irgendjemand würde das lesen?“

„Und dann diese Passagen hier. Das mit der Steuerverschwendung.“ „Interessant, oder?“ „Das kann man doch nicht schreiben.“ „Ich zitiere: ‚Wir bekennen uns zur hemmungslosen Verschwendung von Steuergeldern und werden diese nach Kräften fortsetzen.‘“ „Gute Formulierung, nicht wahr?“ „Das ist skandalös! Das ist menschenverachtend!“ „Oh, Sie sind auch Experte für politische Ethik? Interessant!“ „Man kann doch das nicht…“ „Sie sehen doch, dass wir das können.“ „Aber…“ „Sie meinen, in den anderen Programmen steht das nicht drin?“ „Nein, das würde doch kein normaler…“ „Nicht schon wieder diese völlig unreflektierten Wertungen, ja?“ „Die anderen Parteien…“ „… sind die anderen Parteien. Dass die das nicht in ihre Programme reinschreiben, hat einen guten Grund. Es ist eine Selbstverständlichkeit und bedarf keiner Erwähnung.“ „Aber…“ „Außerdem tun sie es einfach, auch wenn sie es vorher nicht explizit angekündigt haben. Meinen Sie, ein Wahlprogramm sagt irgendetwas über die tatsächliche politische Arbeit einer Partei aus?“ „Aber ich dachte…“ „Das wären dann schon zwei Fehler.“

„Aber das hier: ‚Wir werden uns nach der Wahl nicht um die Bevölkerung kümmern. Ihre Belange sind uns vollkommen gleichgültig.‘ Das ist eine schwere Verfehlung des…“ „Wann hat sich zuletzt ein Parlamentarier, noch dazu in Brüssel oder Straßburg, um die europäische Bevölkerung geschert?“ „Das kann man doch nicht über einen Kamm…“ „Doch.“ „Warum sagen Sie das denn? Es muss doch einen Grund haben, warum Sie das in einem Wahlprogramm…“ „Weil wir Klartext sprechen.“ „Klartext?“ „Jedes rechtspopulistische Arschloch stellt sich hin, plärrt an den Haaren herbeigezogene Lügenmärchen und meint, das werde man doch wohl noch sagen dürfen.“ „Wir haben schließlich Meinungsfreiheit.“ „Abgesehen, dass das mit Meinungsfreiheit nichts zu tun hat, jeder von diesen Rattenfängern behauptet von sich, die Wahrheit zu sprechen.“ „Ja, aber das…“ „Und als Steigerung: die unbequeme, aber einzig wahre Wahrheit zu verkünden, die aber eigentlich keiner höre wolle.“ „Und Sie haben die Wahrheit?“ „Lüge ich etwa?“ „Nein, aber…“ „Na also.“

„Sie können mit Ihrer Partei sicherlich Erfolg haben, aber glauben Sie, dass Sie das verantworten können?“ „Warum nicht? Machen wir den Wählern etwa Versprechen, die wir nicht halten können? Täuschen wir sie über unsere Absichten? Gaukeln wir ihnen vor, im Besitz der einzig richtigen Lösung für alle Probleme zu sein, die sie ohne uns gar nicht hätten?“ „Nein, aber…“ „Dann verstehe ich nicht, warum wir uns nicht zur Wahl stellen sollten. Es ist legitim. Und wir tun nichts Verbotenes.“ „Leute wie Sie zerstören die Demokratie!“ „Schau an, Sie argumentieren ja schon wieder.“ „Sie lassen sich ins Parlament wählen, obwohl Sie überhaupt keine Absicht haben, dort parlamentarisch zu arbeiten.“ „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, Sie haben unser Parteiprogramm gelesen.“ „Man sollte Ihre Partei verbieten!“ „Weil wir genau das tun, was wir den Wählern versprechen?“ „Das ist doch alles Unsinn, Sie können gar nicht…“ „Ich mache Ihnen ein Angebot: Sie lassen uns zur Wahl zu, und dann tun wir vielleicht etwa für unsere Wähler. Nämlich für Sie. Gerne auch als Parteimitglied. Der Nutzen liegt doch auf der Hand, nicht wahr?“ „Ich äääh… wo muss ich unterschreiben?“


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