Neunundneunzig Luftballons

19 03 2014

„Also ist alles sicher.“ „Im Prinzip ja.“ „Aber?“ „Es ist auch keine Gefahr da.“ „Gut, und was dann?“ „Eigentlich sind wir ja in Sicherheit.“ „Das war jetzt irgendwie klar.“ „Aber auch, wenn es keine erkennbare Gefahr gibt…“ „Bitte!“ „… müssen wir von einer Gefahrenlage ausgehen.“ „Bitte!?“

„Natürlich ist das keine konkrete Gefahr.“ „Aber eine konkrete Gefahrenlage?“ „Überlegen Sie doch mal selbst: wenn es eine Lage ist, in der sich, wo auch immer, Gefahren befinden könnten, dann ist das keine Gefahr oder?“ „Dann ist eine Gefahrenlage also nie konkret?“ „Nie.“ „Und eine konkrete Gefahr ist auch nie eingebettet in eine Gefahrenlage?“ „Natürlich nicht. Wenn wir eine Gefahr konkretisieren können, also Sprengstoff oder antikapitalistische Gesprächskreise, dann ist das ja keine Lage mehr, sondern eine Situation.“ „Und der Unterschied wäre?“ „Das hängt dann jeweils von der jeweiligen Definition ab.“ „Was Sie nicht sagen.“ „Und deshalb ist das keine Gefahrenlage. Man muss da genau unterscheiden, davon hängt eine Menge ab.“ „Die nationale Sicherheit?“ „Das weiß ich nicht, aber auf jeden Fall kann es sehr gefährlich werden.“

„Und wie sieht nun die Gefahrenlage aus?“ „Das kann man immer nicht so sagen.“ „Warum denn nicht?“ „Meine Güte, denken Sie doch mal nach. Es gibt halt keine konkrete Lage, da lässt sich nie so richtig benennen, wo denn die Gefahr nun lokalisiert ist.“ „Man weiß also nur, dass es eine Gefahr gibt.“ „Ja. Manchmal.“ „Und manchmal weiß man, dass es keine gibt?“ „Nein, aber…“ „Also gibt es dann keine?“ „… dann weiß man, dass es eine Gefahr gibt.“ „Was soll denn der Unsinn? Es gibt keine Gefahr, weil man weiß, dass es eine gibt?“ „Es gibt eine, aber sie ist nicht konkret.“ „Das war doch bei der Gefahrenlage vorher schon so.“ „Nein, diese hier ist ja nicht einmal da konkret unkonkret, wo man weiß, dass das eine Gefahr ist. Die ist eben auch als Lage von Gefahren, die als Gefahrenlage eine nicht konkrete Lage von…“ „Heute noch, okay?“ „Also eine Gefahrenlage.“ „Aha.“ „Eine Lage von Gefahren…“ „Ach was.“ „… oder von Gefahr. Als Abstraktion der Gefahren, die sich als Gefahr wahrgenommen wahrnehmen lassen, wenn Sie die konkret, oder eben nicht konkret. Man nimmt das meistens ja wahr, aber eben auch anders.“ „Und das ist jetzt konkret eine…“ „Eben nicht!“ „Eine nicht konkrete…“ „Falsch! Völlig falsch, das ist doch der Punkt! Das ist eine abstrakte Gefahrenlage!“ „Die ist abstrakt, weil sie nicht konkret ist?“ „Total verkehrt, sie ist nicht in der Lage, konkret zu werden, weil sie abstrakt ist.“

„Gut, versuchen wir es anders. Es liegt konkret keine Gefahr vor.“ „Falsch.“ „Was ist denn daran nun wieder verkehrt?“ „Es liegt vielleicht eine Gefahr vor, sie ist nur eben nicht konkret.“ „Also eine Gefahrenlage aus abstrakten Gefahren?“ „Das ist doch nicht der Punkt.“ „Und der Punkt wäre?“ „Wir müssen eben erkennen, dass es eine Lage gibt, die sich abstrakt als… wie war jetzt noch mal die Frage?“

„Also kann eine solche Lage auch nie konkret sein?“ „Natürlich, jederzeit. Das ist doch die Gefahr, und da müssen wir die…“ „Jetzt kriege ich aber langsam Pickel! Sie haben doch vorhin noch gesagt, diese Lage könne nicht konkret werden, weil sie abstrakt…“ „Sie haben das total missverstanden! Niemand hat das behauptet!“ „Sie ist nicht konkret?“ „Nein.“ „Aber sie kann auch nicht konkret werden?“ „Ausgeschlossen. Das ergibt sich doch bereits aus der Abstraktion des Gefahrenpotenzials.“ „Jajaja. Und deshalb ist es ausgeschlossen, dass diese Lage jemals…“ „Nein.“ „Wie, nein!?“ „Nein. Natürlich müssen wir das in Erwägung ziehen. Es gibt immer mehr als eine Wirklichkeit.“ „Aber sie ist nicht in der Lage, konkret zu werden!“ „Aber sie ist selbstverständlich in der Lage, konkret zu sein. Man darf diese Gefahr nie unterschätzen.“

„Ist das jetzt eine Frage der Sicherheit?“ „Was hat denn bitte Sicherheit mit de Gefahrenlage zu tun?“ „Ich dachte nur. Vielleicht ist man ja als Organ der Rechtspflege…“ „Schon falsch.“ „Das hätte ich mir ja denken können?“ „Wie bitte?“ „Ach, nichts.“

„Wir sollten diese Gefahrenlage, in der wir jederzeit damit rechnen müssen, dass sich eine Gefahr realisiert, natürlich als gefährlich betrachten.“ „Natürlich.“ „Weil sich diese Gefahr, die sich konkret aus der Gefahrenlage…“ „Konkret?“ „Unterlassen Sie gefälligst diese Spitzfindigkeiten.“ „Aha.“ „… ergibt, nur erkennen lässt, bevor sie sich ergeben hat. Also realisiert, als sich realisierende reale Dings, also Gefahr.“ „Hm.“ „Weil ja die Gefahr als solche, und das…“ „Tun Sie mir einen Gefallen? Halten Sie einfach die Schnauze.“

„Wir müssen allerdings auf eine solche sich plötzlich realisierende Gefahr, die dann…“ „Lassen Sie es. Ich kann es nicht mehr hören. Es klingt wie das mit neunundneunzig Luftballons.“ „Wieso?“ „Weil Sie offensichtlich meinen, alles könne zur Gefahr erklärt werden, damit man dann auch alles machen darf.“ „Sie sehen das falsch.“ „Vermutlich viel zu abstrakt, was?“ „Unsinn. Wenn wir gegen eine Gefahr, und das weiß man ja nie, und dann gehen wir gegen die vor, und dann sollten wir versehentlich mit Absicht aus einem Grund, von dem wir rein theoretisch wissen, dass es faktisch nicht auszuschließen ist, dass dieser Grund rein theoretisch nicht nicht existent sein könnte, und aus dem Grund sollten wir, was nicht auszuschließen ist, gezielt aus Versehen, weil wir ja nicht…“ „Also Sie knallen irgendeinen ab, weil Sie gerade keinen Grund haben, okay?“ „Wenn wir ihn abknallen, werden wir einen gehabt haben.“ „Dann ist ja alles sicher.“ „Im Prinzip ja.“